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Die böse Schwiegermutter und andere Weisheiten

„Du darfst das Pferd nie gewinnen lassen – sonst übernimmt es sofort die Kontrolle!“

„Ein Pferd muß wissen, dass Du stärker bist – sonst nimmt es Dich nicht ernst.“

„Wer absteigt, verliert!“

„Reiten heißt: durchsetzen, nicht diskutieren!“

„Wenn es bockt, dann reite es so lange, bis es aufgibt!“

„Du mußt reiten, als wärst Du immer ein bisschen sauer auf Dein Pferd!“

„Stell Dir vor, es ist Dein Bruder!“

„Dein Pferd muß immer ein bißchen denken, es stirbt gleich – dann weiß es, dass es lebt.“

Lange Zeit dachte ich, solche Sprüche seien Relikte vergangener Zeiten, aus einer Epoche, in der Kontrolle, Dominanz und Unterdrückung als notwendige Mittel angesehen wurden. Doch weit gefehlt – noch immer höre ich sie, wenn mir Schüler erzählen, was ihnen in Reitstunden oder Kursen gesagt wird. Manche dieser Aussagen schockieren mich bis heute. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was eigentlich dahinter steckt, und wie man es auch ganz anders verstehen könnte.

„Du darfst das Pferd nie gewinnen lassen – sonst übernimmt es sofort die Kontrolle!“ – oft gepaart mit dem Satz „Wer absteigt, verliert!“.

Doch ein Pferd will nicht gewinnen, es will auch nicht kontrollieren. Ein Pferd will leben, es will Sicherheit spüren, es will sich bei uns geborgen fühlen. Gerade jungen Pferden kann man in kritischen Momenten am Boden oft viel mehr Halt geben als vom Sattel aus. Deshalb steige ich manchmal ab, nicht aus Schwäche, sondern um mein Pferd zu unterstützen. In über 35 Jahren mit Pferden habe ich kein einziges Mal erlebt, dass mich ein Pferd „ausgenutzt“ hätte, weil ich abgestiegen bin. Ganz im Gegenteil – wenn die Situation am Boden geklärt war, konnten wir sie später auch vom Sattel aus bewältigen. Absteigen bedeutet nicht aufgeben, sondern Partnerschaft.

„Ein Pferd muß wissen, dass Du stärker bist – sonst nimmt es Dich nicht ernst.“

Doch ein Pferd interessiert sich nicht für unsere Muskelkraft, es wägt nicht ab, wer stärker ist. Wer die Gedanken des Pferdes erreicht benötigt keine Kraft, ein Gedanke wiegt nichts! Es sucht Sicherheit, Klarheit, Ruhe, Geduld. Und mal ehrlich – kein Mensch ist stärker als ein Pferd. Wir müssen auch gar nicht stärker sein, wir dürfen einfach verlässlich sein, Orientierung geben, so dass das Pferd spürt: Hier kann ich vertrauen, hier bin ich sicher.

„Reiten heißt: durchsetzen, nicht diskutieren!“

Vielleicht soll das heißen: bleib dran, gib nicht auf. Wir sollten uns darüber im klaren sein das wir nur Gast sind auf dem Rücken des Pferdes! Und so sollten wir uns auch verhalten. Bietet dir das Pferd den Ritt an, dann ist das ein Geschenk! Doch mit Reiten hat Durchsetzen nichts zu tun. Es ist unsere Aufgabe, dem Pferd das Gerittenwerden so zu präsentieren, dass es Freude daran entwickeln kann, dass es einen Sinn darin sieht. Es zu motivieren, mit uns gemeinsam unterwegs zu sein, das liegt an uns und daran, wie wir es präsentieren.

„Wenn es bockt, dann reite es so lange, bis es aufgibt!“

Nein – wenn ein Pferd bockt, ist das kein Zeichen dafür, dass man es niederringen muss, sondern ein Hinweis das etwas nicht stimmt! Vielleicht gibt es Lücken in der Ausbildung, vielleicht Missverständnisse, vielleicht sogar Schmerzen. Es gibt so viele Gründe, warum ein Pferd bockt – unsere Aufgabe ist es, sie zu erkennen und abzustellen, nicht darüber hinwegzureiten.

„Du mußt reiten, als wärst Du immer ein bisschen sauer auf Dein Pferd!“

Wenn du wirklich sauer bist, steig lieber ab. Dein Pferd hat es nicht verdient, dass du deine Launen an ihm auslässt. Es verdient die beste Version von dir – fair, ruhig, klar. Und wenn du das gerade nicht sein kannst, dann ist es besser, den Tag gemeinsam anders zu verbringen und morgen neu anzufangen.

„Stell dir vor, es ist dein Bruder!“

Auch dieser Satz wurde mir erst kürzlich berichtet. Gemeint war wohl: lass dir nichts gefallen, setz dich durch, sei hart. Aber genau das ist die falsche Haltung im Sattel. Stell dir lieber vor, dein Pferd sei ein guter Freund, der deine Hilfe braucht – das kommt der Wahrheit sehr viel näher.

„Dein Pferd muß immer ein bißchen denken, es stirbt gleich – dann weiß es, dass es lebt.“

Einer der schlimmsten Sätze, die ich je gehört habe. Ein Pferd darf niemals das Gefühl haben, es müsse um sein Leben fürchten. Training mit Angst hat nichts mit Partnerschaft zu tun. Ein Pferd soll mit Vertrauen lernen, mit Klarheit und Freude. Wer glaubt, Angst sei ein wirksames Mittel, um ein Pferd auszubilden, hat den Sinn von Beziehung nicht verstanden.

Und dann wäre da noch die berühmte Schwiegermutter. Ein Klassiker unter den schrägen Weisheiten: Mit dem bösen Blick einer Schwiegermutter solle man die Hinterhand des Pferdes zum Weichen bringen. Man stellt sich also vor, mit hartem Gesicht, zusammengekniffenem Mund und stechendem Auge die gewünschte Reaktion „herbeizuschauen“. In der Praxis lehnt man sich dabei auch noch in Richtung der Hinterhand. Das klingt komisch – ist es aber nicht, denn es bedeutet nichts anderes, als Angst zu erzeugen, Druck aufzubauen.

Doch wie soll ein Pferd bei uns Sicherheit finden, wenn wir selbst die Quelle seiner Angst sind? Wie soll Vertrauen wachsen, wenn wir auf Einschüchterung setzen? Partnerschaft entsteht nicht durch Drohkulissen, sondern durch feine Kommunikation, durch eine innere Haltung, die Sicherheit vermittelt.

Und genau hier möchte ich ansetzen. Ich möchte dich einladen, solchen negativen Assoziationen den Rücken zu kehren. Pferde lesen unsere Intention wie ein offenes Buch – darum sollten wir ihnen das Gefühl geben, bei uns gut aufgehoben zu sein. Unsere innere Haltung muss eine positive sein, dann fühlt sich auch das Pferd wohl und sicher. Unser Motivator muss immer ein wohlwollender sein, niemals gegen das Pferd, sondern für das Pferd. Das geht nur mit freundlichen positiven Intentionen!

Du kannst es ausprobieren: Stell dir vor, du ersetzt die Schwiegermutter durch eine freundliche Einladung. Anstatt dich drohend zur Hinterhand zu lehnen, verlagerst du dein Gewicht leicht in die andere Richtung, schaffst Raum, atmest, wartest. Und plötzlich spürst du, wie das Pferd sich dir zuwendet, wie es die Hinterhand wegdreht, dich ansieht mit wachen Augen, als wollte es fragen: „Und was machen wir jetzt?“ Genau das ist es doch, was wir uns wünschen – dieses feine Gespräch, diese leisen Fragen und Antworten, die ein echtes Miteinander entstehen lassen.

Es geht nicht um Dominanz, nicht ums Kräftemessen, nicht ums Gewinnen. Es geht um Begegnung, um Verständnis, um Partnerschaft. Und wenn dein Pferd dich einmal nicht versteht, dann erinnere dich daran: Vor dir steht kein Gegner, sondern ein Freund, der deine Hilfe braucht.

Und vielleicht ist genau das die größte Weisheit, die wir mitnehmen dürfen: Dass Pferde uns nicht daran messen, wie stark, wie schnell oder wie konsequent wir sind – sondern daran, wie sehr wir bereit sind, ihnen Sicherheit zu schenken. In diesem Moment, wenn sie sich uns zuwenden, nicht aus Angst, sondern aus Vertrauen, wenn sie uns ansehen mit dieser stillen Frage „Und was machen wir jetzt?“ – dann geschieht das, was kein Spruch der Welt je ausdrücken könnte: echte Verbindung.

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