Abschied von Artus


Nun ist er wieder zu Hause, Artus, von dem ich euch schon ein paar Mal berichtet habe.

 

Er hat eine Reitbeteiligung die sich große Mühe mit ihm gibt und mit ihr gemeinsam wird er nun auch in der Lage sein, das Gelernte in der gewohnten Umgebung umzusetzen. Artus war ein großartiger Schüler, nachdem er Klarheit und dadurch auch das Gefühl von Sicherheit bekommen hatte, ging es aufwärts mit ihm auf dem Sonnenhof. Sowohl die freilaufende Arbeit im Round Pen, bei der er am Ende wirklich nur auf Fingerzeig in den Trab und Galopp ging,  als auch die gymnastizierende Trensenarbeit und vor allem das Reiten schien en ihm wirklich Spaß zu machen. Aus dem widerspenstigen Koloss, der sich losriss und im Vorbeirennen auch noch nach einem austrat, der nach einem schnappte, weil er nicht verstand was man von ihm wollte, der vor mir in die Höhe stieg weil er nicht bereit war vor mir rückwärts zu weichen, wurde ein sanfter Riese, der Bereitschaft auf höchster Ebene signalisierte.


Obwohl wir nicht sehr lange Gelegenheit hatten, das Reiten zu vertiefen, weil die Vorarbeit doch zeitintensiv war, so war klar, wo seine Vorlieben versteckt waren. In der freilaufenden Arbeit kam er, egal wo er grade war, sofort her und  parkte ein, wenn ich auf den Zaun kletterte, eine bessere Einladung zum Reiten kann ich mir nicht vorstellen. Auf die reiterlichen Hilfen reagierte er so fein, es war die reinste Freude sich mit ihm zu bewegen. Loslaufen oder Antraben auf kleinste Bewegungen meines Beckens, anhalten oder Tempo drosseln nur durch Ausatmen und Anspannung ablassen. Es war einfach unglaublich.



Eine sehr interessante Erkenntnis machte ich ganz nebenbei, die ich Euch aber noch erzählen möchte. Weil es eine sehr kleine Geste ist, die vielleicht vielen nicht auffällt und dennoch sehr bedeutsam ist, wenn es darum geht welche Verantwortung wir als Pferdebesitzer doch haben.


Artus hatte die Angewohnheit seine Futterschüssel immer durch die Gegend zu schleudern, das darin enthaltene Futter flog dann durch die ganze Box, manchmal traf er sich damit selbst, manchmal die Person, die ungeschickt genug war sich neben ihm zu platzieren, wenn er fraß. Es war ein tägliches Vorgehen, egal wie viel Futter in der Schüssel  war. Auch beschäftigte er uns in den ersten paar Wochen seines Aufenthalts auf dem Sonnenhof sehr stark, weil er permanent Dinge kaputt machte, wie Türen, Heunetze etc. Doch das sollte sich ändern.


Es war der Tag, an dem ich ziemlich viel geistige Arbeit von ihm forderte. Wir verließen den Reitplatz, auf dem alles gut klappte, und zogen erstmals ein paar Kreise auf dem Nachbargrundstück, das schon einiges an Abwechslung bot, wie Planen, landschaftliche Geräte, Steinhaufen, alles sehr aufregend für Artus.



Und wieder zurück auf den Platz, nach ein paar Trabrunden das gleiche noch mal ausführlicher. Und als das ob das noch nicht genug war, gingen wir dann eine Runde ins Gelände, weg vom momentanen Heimatstall. Das war ja das, was ihn zu Hause immer so sehr verunsicherte und dazu führte, dass er sich losriss und zurück rannte. Artus war sichtlich aufgeregt, verließ sich jedoch auf mich und ließ sich gut führen. Man konnte förmlich spüren, wie er immer wieder zu mir lauschte, fragend: und was machen wir jetzt? Und dankbar ließ er sich auf meine klaren Ansagen ein: jetzt gehen wir hier den Berg hoch und traben. Alles verlief vorbildlich. Man konnte auch spüren wie erleichtert er war, wieder zurück zum Stall zu kommen, war es doch ganz schön aufregend, niemanden an seiner Seite sondern nur auf sich drauf zu haben wenn es in die große weite Welt geht.


Ich war stolz auf ihn, das war für ihn ein großer Schritt.  Er war nicht körperlich, aber geistig ausgepowert. Und an diesem Tag konnte ich beobachten, dass er sein Futter in der Schüssel ganz normal fressen konnte. Ganz entspannt, ohne auch nur ein Mal in den Rand der Schüssel zu beißen. Sie stand am Boden und Artus fraß daraus. Gelassen, ohne Unruhe. Es war die Beschäftigung, die er mit all der Abwechslung hatte, die Denkaufgabe die ihm heute zu Teil wurde, die ihn so ausgeglichen und ausgewogen sein Futter aufnehmen ließ. Da fiel mir auf, dass er schon länger nichts mehr kaputt machte. Weder Heunetze, noch Türen, wobei das doch mal ganz normal für ihn war.



Und hier wurde mir klar, mit wie vielen kleinen Gesten die Pferde uns zeigen, wenn etwas nicht im Gleichgewicht und nicht ausgewogen ist. Wer erkennt diese Gesten? Wie oft winken wir das als unbedeutend ab und sehen es als eine Marotte? Wie selten ist uns bewusst, dass dies ein Symptom ist für ein unausgeglichenes Gemüt? Artus hat mir damit gelehrt, auch bei solchen Dingen, die nichts mit dem Reiten oder den direkten Umgang mit dem Pferd zu tun haben genauer hin zu sehen. Für diese Lehre danke ich ihm.


Wie geht es jetzt mit Artus weiter?

 

Er ist wieder zu Hause. Dort wird er von seiner Reitbeteiligung weiter gefördert. Ich werde noch so lange zu ihm kommen, 1-2 mal die Woche, bis die zwei auch ohne Anleitung gut alleine klar kommen. Es ist also ein schöner Übergang vom Vollberitt bis zum verantwortungsvollen Abgeben an die Menschen vor Ort. Und wer weiß, vielleicht kommt er ja auch irgendwann zu einem der 4-Tages Kurse wieder auf den Sonnenhof zu Besuch. Oder zum PferdeLeben Programm, the sky ist the limit. Ich freue mich jedenfalls immer, den sanften schwarzen Riesen wieder zu sehen.



Text: Simone Carlson

Fotos: Katharina Eberhardt