Ire ist nicht gleich Ire


Ire ist nicht gleich Ire, Schecke ist nicht gleich Schecke und erschöpfte Resignation ist nicht gleichzusetzen mit entspannter Ausgeglichenheit.

 

Navajo wurde erst kürzlich aus Irland importiert, kaum drei Wochen in Deutschland fand er seine neue Besitzerin. (Oder fand sie ihn?) Auf den ersten Blick machte er den Anschein eines absolut entspannten, zuverlässigen Freizeitpferdes, sozusagen totbrav. Auf den ersten Blick und für den Laien ein sicherer Kauf! Mich macht so etwas leicht skeptisch, wenn das Pferd so gar keine Reaktion zeigt. Ein 6-jähriges Pferd, das neu in einem Stall ist, aber gut - entspannt verkauft sich nun mal besser.

 

Um einen guten Start in seine Karriere als Therapiepferd zu bekommen, soll ich Navajo für vier Wochen arbeiten, seine Schwächen finden, seine Stärken hervorheben etc. Also fing ich an mit freilaufender Bodenarbeit.  Ja, dieses Pferd gibt dem Wort totbrav eine neue Bedeutung, eine sehr traurige Bedeutung. Die ersten paar Male im Round Pen hatte ich Mühe seine Aufmerksamkeit in irgendeiner Form zu bekommen. Es schien als beame er sich permanent weg, nicht um nach den anderen Pferden zu schauen oder weil am Horizont etwas war, das seiner Aufmerksamkeit bedarf. Nein, einfach weg um nicht hier zu sein! Weg. Weg ohne Ziel, weg weil die Erfahrung bei ihm tief saß dass es besser ist weg zu sein, als anwesend zu sein wenn es um den Menschen geht.

 

Sein Körper funktionierte so gut es eben ging, er wirkte müde und erschöpft. Sein Immunsystem fuhr runter, unterernährt und mit Milben, Pilz und Würmern versehen fehlt einem nun mal die Energie für die tägliche Arbeit.  Kein Mensch weiß ja wie lange diese irischen Pferde im Sammeltransporter umher gefahren werden, Bisswunden lassen vermuten dass auch ein Zusammenstellen mit fremden Pferden, vermutlich in einem engen Korral, als zusätzlicher Stressfaktor mitspielt. Kein guter Start in ein neues Leben, da nimmt man erst mal die Einstellung mit, die man so hat.

 

Egal was ich Navajo vorschlug, er lief einfach apathisch weiter im Kreis, nahm Veränderungen bei mir kaum war und wenn dann, mit wenig Interesse. Ihn einzuladen, um ihm bei mir die Pause zu gönnen, war ein Ding der Unmöglichkeit und auch das Set up a search, dauerte gefühlt Stunden.

 

Meine Aufgabe ist es nun ihm erst mal zu zeigen, dass es durchaus Sinn macht mit dem Menschen zu arbeiten, das dies sogar am Ende wirklich interessant, ja sogar angenehm sein kann. Dies soll er fühlen lernen damit er sich selbst dazu entscheidet hier bleiben zu wollen, und eben nicht wie bisher geistig weg zu gehen.

 

Natürlich war die Tierärztin bereits hier und Navajo wurde grundversorgt. Ein Physiotherapie-Termin ist vereinbart, denn er läuft außerdem komplett schief. Es ist viel zu tun bis aus Navajo ein fröhliches, stolzes und gesundes Pferd werden kann. Ich sehe meine Aufgabe darin, ihm einen guten Neustart zu vermitteln, mit einer völlig neuen Einstellung dem Menschen und der damit verbundenen Arbeit gegenüber.

 

Sollte man einem solchen Pferd eine Chance geben?

Ja natürlich, unbedingt!

Sollte man derartige korrupte Pferdehändler unterstützen indem man ihnen Pferde abkauft?

Wie viel ist ein solches Pferd wert?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

 

 

Ich werde jedenfalls weiter über seinen Werdegang berichten.

In diesem Sinne und im Sinne des Pferdes

Eure Simone Carlson