Shaolin und der Bach

Man könnte es Arbeiten unter erschwerten Bedingungen nennen, wenn man bei 30 Grad in der prallen Sonne, von Bremsen umgeben, mit kurzer Hose in Dornengestrüpp und Brennesseln, ohne Knotenhalfter und Fähnchen im schlammigen Bach stehend arbeiten muss.

 

Ich nenne es aber nicht so, es hat Spaß gemacht und am Ende wurde ich belohnt von einem Pferd, das enorme Anspannung loslassen konnte und das erreichte Ziel – nämlich im Bach zu stehen, tatsächlich genießen konnte. Aber bis dahin war es ein langer Weg.

Shaolin hat so seine Themen und nicht nur einmal bekam seine Besitzerin bereits den Rat:“ Verkauf ihn doch einfach, das wird doch nix mit dem!“ Aber Shaolin hat Glück: nach einer nicht ganz so schönen Karriere als Rennpferd hat er mit Barbara eine Besitzerin gefunden, die bereit ist alles Nötige in die Wege zu leiten, um diesem Pferd gerecht zu werden und die auf seine Bedürfnisse eingeht. Das ist nicht immer einfach, denn aufgrund seiner Vergangenheit hat Shaolin gelernt dicht zu machen, sich selbst geistig weg zu beamen. Wann immer es zu einer Situation kommt die ihm unerträglich ist, scheint er zu erstarren. Das war wohl bisher seine Überlebensstrategie.

 

Manchmal passiert das leider in Situationen, die für den normalen Pferdemenschen nicht nachvollziehbar sind, sei es, wenn man zum siebenundneunzigsten Mal an einer Kirche vorbei geht, die auch die letzten sechsundneunzig Male nicht blutrünstig auf das arme Pferd zugesprungen ist. Oder durch einen kleinen Bach zu gehen, der der einzige Weg zu einer Koppel ist. Das dies für den Reiter oder Pferdepfleger frustrierend sein kann, vor allem wenn nach drei Stunden Üben immer noch kein Vorankommen zu sehen ist, ist zwar sehr nachvollziehbar aber macht für das Pferd eben leider keinen Unterschied. Was dieses traumatisierte Pferd braucht ist klare Führung, Einfühlungsvermögen, Verständnis und vor allem Ausdauer.

 

Zum zweiten Mal war ich nun schon bei Barbara und Shaolin, mein erster Besuch galt der Kirche und diverse andere Plätzen, an denen kein Vorbeikommen möglich schien. Nach drei Stunden hatten wir ein Ergebnis, mit dem das Pferd-Mensch-Paar leben konnte. Es war nicht 100% ausgestanden, aber ausbaufähig und bessert sich zunehmend. Gestern war mein Auftrag ein anderer. Das Durchqueren des Baches schien eine unüberwindbare Hürde zu sein und Barbara bat mich um Hilfe, ihr dabei zu helfen, gemeinsam mit Shaolin endlich diese Hürde zu überwinden.

 

Diesmal war Shaolin allerdings gleich von Anfang an bereit mit mir zu arbeiten. Nun galt es nur noch, seine Angst vor dem Bach zu überwinden. Als er es endlich geschafft hatte, machte er einen großen Sprung in den Bach. Zu sehen, wie die Anspannung von ihm abfiel und wie er es genoss, endlich im kühlen Wasser zu stehen, war es wirklich wert mit ihm diese Zeit durchzustehen. Als er es einmal geschafft hat, ging er immer wieder problemlos durch den Bach und die Wohltat war im anzusehen.

 

Es wird wohl noch einige Überschriften geben mit Shaolin; Shaolin und die Kirche, Shaolin und der Bach, Shaolin und die Brücke etc.

Es wird jedes Mal  einfacher werden, einen Zugang zu Shaolin zu finden.

 

Ich freue mich sehr für ihn, dass er in Barbara eine Besitzerin hat, die bereit ist ihm seine Zeit zu geben, die sich durchbeißt und die immer wieder die Geduld aufbringt, die er braucht.

 

In diesem Sinne,

Und im Sinne des Pferdes,

Simone Carlson