Eine Beobachtung, die mir in der Reiterwelt immer wieder begegnet, ist der Glaube, dass Pferde bestimmte Dinge einfach immer und immer wieder üben müssen. Rückwärtsrichten. Anhalten. Schulterherein. Stillstehen. Seitengänge. Also wird wiederholt. Und noch einmal wiederholt. Und noch einmal. Dabei frage ich mich oft: Muss mein Pferd das wirklich noch einmal üben? Oder versucht es mir vielleicht längst etwas mitzuteilen, das ich bisher einfach überhört habe?
Aber findet dabei überhaupt ein Gespräch statt?
Meistens nicht. Denn die vielen feinen Antworten, die ein Pferd uns ständig gibt, werden häufig gar nicht wahrgenommen. Ein Gespräch besteht nicht nur daraus, Fragen zu stellen. Es besteht vor allem darin, die Antwort des anderen wahrzunehmen und darauf einzugehen. Genau das fehlt im Umgang mit Pferden jedoch erstaunlich oft.
Woran merke ich eigentlich, dass ich nicht mehr im Gespräch bin?
Wir bitten das Pferd um etwas. Es antwortet. Vielleicht mit einem kleinen Zögern. Vielleicht mit einer Gewichtsverlagerung, einem fragenden Blick, einem Blinzeln oder einer leicht angehobenen Nüster. Doch anstatt diese Antwort wahrzunehmen und in den nächsten Moment einzubeziehen, stellen wir dieselbe Frage einfach noch einmal. Und noch einmal. Als hätten wir gar nicht bemerkt, dass das Pferd längst geantwortet hat.
Und welchen Unterschied macht das für mein Pferd?
Stell Dir vor, jedes Mal, wenn Du etwas sagen möchtest, redet Dein Gegenüber einfach weiter. Deine Einwände werden überhört. Deine Antworten spielen keine Rolle. Irgendwann hörst Du auf, Dich einzubringen. Nicht weil Du nichts mehr zu sagen hast, sondern weil Du gelernt hast, dass ohnehin niemand zuhört.
Genau das kann auch bei Pferden passieren. Sie werden ruhiger, zeigen weniger Eigeninitiative und reagieren immer träger. Nicht jedes Pferd, das so wirkt, ist resigniert. Aber Resignation kann genau so aussehen. Und erschreckend oft halten wir genau diesen Zustand dann für Gelassenheit, Gehorsam oder ein besonders braves Pferd.
Das Problem ist nicht, dass Wiederholungen grundsätzlich schlecht wären. Natürlich braucht jedes Lebewesen Erfahrungen, um Zusammenhänge zu verstehen. Die entscheidende Frage lautet aber: Wiederholen wir etwas, weil das Ergebnis uns noch nicht zufrieden stellt – oder weil wir seine Antwort überhört haben?
Ein echtes Gespräch verändert beide Seiten. Jede Antwort des Pferdes beeinflusst meine nächste Frage. Genau dadurch entsteht Entwicklung. Nicht dadurch, dass ich dieselbe Übung zwanzigmal wiederhole, sondern dadurch, dass ich nach jeder Antwort neu entscheide, wie ich weiterfrage. Kommunikation bedeutet nicht, dieselbe Frage immer wieder zu stellen. Kommunikation bedeutet, die nächste Frage aufgrund der vorherigen Antwort zu verändern.
Und dieses Gespräch beginnt nicht erst im Round Pen oder auf dem Reitplatz. Für unser Pferd macht es keinen Unterschied, wo wir ihm begegnen. Es kommuniziert mit uns vom ersten Augenblick an. Oder es versucht es zumindest.
Ein ganz einfaches Beispiel: Erinnere Dich daran, als Du Dein Pferd das letzte Mal von der Koppel oder aus der Box geholt hast. Hast Du die Form seiner Nüstern wahrgenommen? Seine Atmung beobachtet? Wie oft es geblinzelt hat? Wie es Dich angesehen hat? Oder wie es den Kopf weggedreht hat? Schon in diesem ersten Moment hat Dein Pferd Dir unglaublich viele Informationen gegeben. Hast Du sie wahrgenommen und Dein eigenes Verhalten daran angepasst? Oder hast Du einfach das Halfter übergestreift und Dein Pferd hinter Dir hergezogen, weil der Reitlehrer gleich kommt und Ihr schon wieder spät dran seid?
Vielleicht liegt genau hier der größte Unterschied zwischen Training und echter Partnerschaft. Nicht darin, wie viele Übungen wir mit unserem Pferd machen, sondern darin, wie aufmerksam wir ihm zuhören. Und wie wir die Fragen aufgrund seiner Antworten variieren und anpassen.
Vielleicht sollten wir uns selbst deshalb viel häufiger die Frage stellen:
Bin ich gerade noch im Gespräch mit meinem Pferd – oder absolviere ich nur noch meine Exerzierübungen?

Kommentar schreiben