Ich war elf Jahre alt, als Goldi in mein Leben trat. Eine riesige fuchsfarbene Warmblutstute mit unzähligen hellen Flecken, einem gewaltigen Schädel und einem Herz aus Gold. Wahrscheinlich war sie gar nicht so riesig. Aber wenn man selbst kaum größer als ihr Vorderbein ist, verliert man irgendwann jedes Gefühl für reale Größenverhältnisse. Angst hatte ich trotzdem keine. Warum auch? Schließlich hatte sie mir nie einen Grund dazu gegeben.
Goldi lebte gemeinsam mit einer Ziege namens Mecki auf dem Gelände eines ehemaligen Hofgutes. Noch heute habe ich den Geruch dieser großen Anlage voller Geschichten in der Nase: feuchte Sandsteinmauern, altes Holz, Heu und dieser ganz besondere Stallgeruch, den man nie wieder vergisst. Die meisten Stallungen standen längst leer, doch man konnte sich gut vorstellen, wie hier früher schwere Kaltblüter die Bierwagen aus den Lagerhallen zogen und überall geschäftiges Treiben herrschte. Als ich dort ankam, waren davon nur noch die alten Gemäuer geblieben – in denen Goldi und Mecki lebten.
Kennengelernt haben wir uns wegen ihrer Besitzerin, einer älteren adligen Dame. Ich sah sie regelmäßig im kleinen Tante-Emma-Laden unserer Nachbarschaft einkaufen. Wochenlang beobachtete ich sie nur. Bis ich eines Tages meinen ganzen Mut zusammennahm und mich hinter ihr an der Kasse anstellte. Meine erste Frage, ob ich ihr vielleicht bei den Pferden helfen dürfte, war allerdings so leise, dass sie mich gar nicht hören konnte. Also zupfte ich vorsichtig an ihrer Bluse und fragte noch einmal. Heute muss ich darüber schmunzeln. Vermutlich sagte sie weniger aus Überzeugung als aus Überraschung Ja. Man rechnet schließlich nicht jeden Tag damit, im Supermarkt von einem fremden Kind angesprochen zu werden, das unbedingt Pferde putzen möchte.
Von diesem Tag an verbrachte ich jede freie Minute auf dem Hofgut. Nachdem die Besitzerin ausgeritten war, durfte ich Goldi auf dem großen Gelände trockenreiten, manchmal bekam ich sogar Reitunterricht. Als die Dame krank wurde, übernahm ich immer mehr Aufgaben und schließlich durfte ich mich alleine um Goldi und Mecki kümmern. Damals erschien mir das völlig selbstverständlich. Heute frage ich mich manchmal, was sich die Erwachsenen eigentlich dabei gedacht haben, einer elfjährigen soviel Verantwortung zu übertragen, ohne zu prüfen ob ich das auch stemmen konnte. Andererseits frage ich mich genauso oft, was ich mir eigentlich dabei gedacht habe, das ich so selbstverständlich alles übernommen und erledigt habe. Wahrscheinlich gar nichts. Mit elf hält man sich schließlich für allwissend und ziemlich unsterblich.
Irgendwann durfte ich Goldi sogar alleine ins Gelände reiten. Das größte Problem war allerdings schon das Aufsteigen. Goldi war für mich einfach riesig. Meistens ging ich deshalb in das Büro auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Einer der Mitarbeiter kam dann lachend mit heraus, hielt Goldi fest und hob mich in den Sattel. Damals fand ich das völlig normal. Wie oft haben die Männer wohl aus dem Fenster geschaut und gedacht: „Na gut, da ist sie wieder. Wer hilft ihr diesmal?“
Eines Tages ritt ich alleine los und fiel – wie sollte es auch anders sein – herunter. Rückblickend wäre vermutlich alles andere die größere Überraschung gewesen. Zum Glück blieb Goldi nur wenige Meter weiter stehen und begann seelenruhig zu grasen. Sie schien sich erstaunlich sicher zu sein, dass ich das schon irgendwie regeln würde.
Ich selbst war davon noch nicht ganz überzeugt. Der Heimweg war weit und zu Fuß wollte ich auf keinen Fall zurück. Vor allem aber wollte ich unbedingt weiterreiten. Also stand ich da, blickte zu Goldi hinauf und stellte fest, dass sie vom Boden aus kein bisschen kleiner geworden war. Normalerweise hätte ich jetzt jemanden aus dem Büro gebraucht. Blöderweise befand sich das Büro nicht mitten auf dieser Wiese.
Ich schaute mich um und entdeckte einen Graben neben dem Weg. Sofort hatte ich einen Plan. Oder besser gesagt: etwas, das ich damals für einen ziemlich guten Plan hielt. Wenn Goldi in den Graben steigen würde, wäre sie niedriger und ich könnte wieder aufsteigen. So einfach war das.
Ich machte mir überhaupt keine Gedanken darüber, ob Pferde so etwas lernen können. Ich wusste nichts über Horsemanship, Lerntheorie, Timing oder Motivation. Ehrlich gesagt wusste ich nicht einmal, dass man sich über solche Dinge Gedanken machen kann. Ich wusste nur, dass wir jetzt gemeinsam ein Problem lösen mussten.
Also begann ich, Goldi zu erklären, was ich von ihr wollte. Sie sollte in den Graben steigen, dort stehen bleiben und auf mich warten. Wie genau ich ihr das beigebracht habe, weiß ich heute gar nicht mehr. Vermutlich war mein Timing katastrophal, meine Hilfen unklar und meine Körpersprache irgendwo zwischen hoffnungsvoll, entschlossen und völlig ahnungslos. Wenn ich mir heute selbst Unterricht geben müsste, hätte ich wahrscheinlich einiges zu korrigieren.
Was ich damals allerdings nicht hatte, waren Zweifel. Dafür hatte ich Zeit. Unendlich viel Zeit. Und vermutlich dauerte es eine ganze Weile, bis Goldi verstand, was ich eigentlich von ihr wollte. Das spielte für mich überhaupt keine Rolle. Ich hatte keinen Termin, keinen Trainingsplan und keine Vorstellung davon, wie lange ein Pferd für so etwas brauchen durfte. Ich wollte einfach wieder aufsteigen.
Und irgendwann geschah genau das.
Nach längerem Zögern stieg Goldi in den Graben, blieb dort stehen und wartete geduldig, bis ich wieder im Sattel saß. Dann ritten wir weiter, als wäre nichts gewesen.
Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, warum mich diese Erinnerung nie losgelassen hat. Nicht, weil ich als elfjähriges Mädchen einem Pferd beigebracht hatte, in einen Graben zu steigen. Sondern weil Goldi mir damals etwas gezeigt hat, das mich bis heute begleitet.
Sie hat mir beigebracht, dass Pferde oft viel mehr können, als wir ihnen zutrauen. Dass sie bereit sind, mit uns Lösungen zu finden, wenn wir ihnen Zeit geben, geduldig bleiben und überhaupt auf die Idee kommen, sie mitzudenken statt nur ausführen zu lassen.
Vielleicht begann genau dort meine Reise. Lange bevor ich wusste, was Horsemanship ist. Lange bevor ich Seminare besuchte oder Bücher las. Vielleicht entstand genau an diesem Graben zum ersten Mal der Gedanke, der mich bis heute begleitet: Ein Pferd ist kein Wesen, das darauf wartet, dass wir ihm sagen, was es tun soll. Es ist ein Partner, der bereit ist, gemeinsam mit uns einen Weg zu finden.
Das Bild ist übrigens von Pixabay, da es aus dieser Zeit keine handys und Fotos gibt.

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