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Würdest Du gerne Gitarre spielen können – ohne jemals dafür üben zu müssen?

Und ich meine nicht, dass man ein paar Lieder nach Noten spielen kann. Ich meine wirklich spielen. So, dass die Musik scheinbar ganz von allein entsteht, die Finger ganz selbstverständlich den richtigen Weg finden und man mit seinem Instrument so verschmilzt, dass daraus etwas entsteht, dem andere einfach gerne zuhören.

Wenn wir einem solchen Musiker begegnen, wirkt alles leicht und selbstverständlich. Fast mühelos. Man könnte meinen, dieser Mensch habe einfach Talent. Dabei wissen wir doch alle, dass genau das allein nicht genügt. Hinter jedem Musiker, der sein Instrument scheinbar spielerisch beherrscht, stehen unzählige Stunden des Übens, Stunden voller schiefer Töne, falscher Griffe, Frustration und Wiederholungen. Immer wieder dieselben Bewegungen, immer wieder dieselben Abläufe. Nicht, weil das besonders spannend wäre, sondern weil Können eben nicht durch Wissen entsteht, sondern durch bewusstes Üben.

Früher habe ich oft einen Satz gesagt, über den ich heute schmunzeln muss: „Ich würde wahnsinnig gerne Gitarre spielen können, aber lernen möchte ich es eigentlich nicht.“ Ehrlicher hätte ich es kaum ausdrücken können. Denn wenn ich genau darüber nachdenke, wünschen wir Menschen uns das doch häufig. Wir hätten gerne das Ergebnis, würden den langen Weg dorthin aber am liebsten überspringen.

Bei Pferden geht es mir allerdings völlig anders. Ich kann gar nicht genug davon bekommen zu lernen. Mich faszinieren neue Zusammenhänge, ich probiere gerne aus, beobachte, hinterfrage mich selbst und freue mich, wenn ich merke, dass ich wieder ein kleines Stück geschickter geworden bin. Genau das macht für mich den Reiz dieser Arbeit aus. Nicht irgendwann anzukommen, sondern zu wissen, dass es immer noch etwas Feineres, Klareres und Verständlicheres gibt.

Je länger ich mit Pferden arbeite, desto mehr wird mir bewusst, dass im Horsemanship Wissen häufig mit Können verwechselt wird. Natürlich ist Wissen wichtig. Wir lesen Bücher, besuchen Kurse, schauen Videos und versuchen zu verstehen, warum Pferde sich so verhalten, wie sie es tun. Aber das Pferd erlebt unser Wissen gar nicht. Es erlebt unsere Hände, unsere Körpersprache, unser Timing, unsere Gedanken und unsere Gewohnheiten. Es erlebt das, was wir in diesem Moment tatsächlich umsetzen können.

Vielleicht liegt genau hier einer der größten Irrtümer. Ich glaube, dass wir Menschen Wissen häufig überschätzen und Geschicklichkeit unterschätzen.

Immer wieder begegne ich Menschen, die hoffen, dass der nächste Trainer, der andere Sattel, das neue Gebiss oder die nächste Methode endlich die Lösung bringt. Das kann ich sogar gut verstehen. Wer sein Pferd liebt und ihm helfen möchte, wünscht sich verständlicherweise eine Lösung, die möglichst schnell funktioniert. Genau dieser Wunsch macht uns aber manchmal anfällig für Versprechen, die einfacher klingen, als die Wirklichkeit es ist.

Natürlich gibt es gute und schlechte Trainer, gute und schlechte Sattler oder Schmiede. Das möchte ich überhaupt nicht in Frage stellen. Im Gegenteil. Ein wirklich guter Trainer ist unendlich wertvoll. Allerdings nicht deshalb, weil er unsere Probleme für uns löst, sondern weil er uns hilft, Fähigkeiten zu entwickeln, die wir allein oft gar nicht bemerken würden.

Ein guter Trainer erkennt Dinge, die man selbst oft nicht wahrnimmt. Er sieht kleine Fehler, bevor daraus große Probleme entstehen. Er erklärt Zusammenhänge, auf die man allein vielleicht nie gekommen wären, und korrigiert immer wieder dort, wo man unbewusst beginnen würden, das Falsche einzuüben. Denn genau das passiert ohne ehrliche Rückmeldung. Es wird nicht automatisch das Richtige wiederholen. Sondern das was  im Moment für richtig gehalten wird. Mit jeder Wiederholung wird daraus eine Gewohnheit – unabhängig davon, ob sie unserem Pferd wirklich hilft oder nicht.

Deshalb ist guter Unterricht so wertvoll. Er macht uns nicht besser. Er sorgt dafür, dass wir die Chance haben, das Richtige zu üben.

Das eigentliche Lernen findet nämlich gar nicht während des Unterrichts statt. Eine Unterrichtsstunde dauert vielleicht sechzig Minuten, ein Kurs vier oder fünf Tage. Entscheidend sind die vielen Stunden danach, wenn man allein mit seinem Pferd ist. Dort entwickelt sich Gefühl. Dort entsteht Timing. Dort wachsen Klarheit und Geschicklichkeit. Dort sammelt man Erfahrungen, macht Fehler, erkennt sie und beginnt langsam zu verstehen, wie fein Kommunikation mit einem Pferd tatsächlich sein kann.

Vielleicht besuchen deshalb zwei Menschen denselben Kurs und stehen einige Jahre später trotzdem an völlig unterschiedlichen Punkten. Nicht, weil der eine mehr Informationen erhalten hätte, sondern weil der eine bereit war, aus diesen Informationen Fähigkeiten entstehen zu lassen, während der andere immer weiter nach der nächsten Information gesucht hat.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass im Umgang mit Pferden oft Informationen gesammelt werden, obwohl eigentlich Fähigkeiten entwickeln werden müssten. Informationen kann man kaufen. Bücher kann man lesen. Methoden kann man auswendig lernen. Geschicklichkeit, Gefühl und die richtige Intuition dagegen muss man sich erarbeiten.

Vielleicht fasziniert mich genau deshalb die Arbeit mit Pferden bis heute so sehr. Ich habe nicht das Gefühl, irgendwann alles wissen zu müssen. Im Gegenteil. Mich begeistert der Gedanke, dass ich niemals aufhören werde zu lernen. Dass es immer noch etwas Feineres zu entdecken gibt, eine noch klarere Kommunikation, ein noch besseres Timing oder einen Moment, in dem das Pferd mich plötzlich ein kleines Stück besser versteht als gestern.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, viel seltener zu fragen, wer oder was schuld daran ist, dass etwas noch nicht funktioniert. Viel spannender finde ich die Frage: Welche Fähigkeit darf ich heute entwickeln, die mich morgen zu einem besseren Partner für mein Pferd macht?

Denn Pferde lehren uns etwas, das weit über das Horsemanship hinausgeht.

Sie lehren uns, dass Können nicht aus Informationen entsteht, sondern aus bewusst entwickelten Fähigkeiten. Sie erinnern uns jeden Tag daran, dass zwischen Wissen und Verstehen noch ein langer Weg liegt – und dass dieser Weg nicht im Kopf beginnt, sondern in unseren Händen, unserer Körpersprache, unserem Timing und unserer Bereitschaft, immer weiter zu lernen.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Kunst des Horsemanships.

 

 

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