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Wie klein kannst Du eigentlich fragen?

Ich stelle meinen Schülerinnen immer wieder eine Frage:

Wie klein kannst Du eigentlich fragen?

Nicht, weil mir Klarheit im Umgang mit Pferden nicht wichtig wäre. Sondern weil sich hinter dieser Frage etwas Grundsätzliches verbirgt.

Viele Menschen neigen dazu, viel zu groß zu beginnen. Soll ein Pferd einen Schritt rückwärtsgehen, wird häufig sofort am Seil gezogen, mit den Armen gewedelt oder das Seil kräftig geschwungen. Reagiert das Pferd nicht unmittelbar, werden die Hilfen noch größer. Vielleicht kommt noch ein Schritt auf das Pferd zu oder der Druck wird erhöht. Meist geschieht das ganz unbewusst. Es wird von Anfang an davon ausgegangen, dass das Pferd unsere Bitte sonst wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen würde.

Aber wie klein können Signale eigentlich sein, damit ein Pferd sie überhaupt wahrnimmt?

Ich erinnere mich an eine Trainingseinheit im Round Pen. Eine Schülerin wollte ihre Stute in einen fleißigen Trab schicken. Die Stute wirkte, als hätte sie die Handbremse angezogen. Also wurden die Hilfen größer, schließlich kam das Fähnchen dazu. Im nächsten Moment schoss die Stute explosionsartig nach vorne. Es war kein geschmeidiges Beschleunigen, bei dem man beobachten konnte, wie zuerst der Gedanke entstand und anschließend die Bewegung folgte. Es wirkte vielmehr, als hätte die Stute erst auf die immer deutlicher werdenden Signale reagiert.

Ich bat die Schülerin, das Fähnchen wieder wegzulegen und stattdessen lediglich ihre Hüfte minimal anders auszurichten. Mehr veränderte sie nicht. Und plötzlich setzte sich die Stute ruhig, weich und mit einem schönen Vorwärts in Bewegung.

Das Faszinierende daran war für mich gar nicht, dass das Pferd plötzlich loslief. Viel spannender war die Frage, wie es diesen winzigen Unterschied überhaupt erkennen konnte. Die Hüfte hatte sich nur um wenige Zentimeter verändert – für uns Menschen eine Kleinigkeit, die viele vermutlich gar nicht bewusst wahrgenommen hätten. Für die Stute jedoch machte genau diese kleine Veränderung den entscheidenden Unterschied.

In diesem Moment wurde mir einmal mehr bewusst, wie fein Pferde unsere Körpersprache tatsächlich lesen. Wenn schon eine minimale Veränderung der Hüfte einen so großen Unterschied macht – wie viel nimmt ein Pferd dann jeden Tag an uns wahr, ohne dass wir es überhaupt bemerken?

Eigentlich dürfte uns das gar nicht überraschen. Pferde kommunizieren untereinander schließlich genauso. Sie brauchen keine großen Gesten, kein Drohen und kein wildes Herumfuchteln. Oft reicht eine minimale Veränderung der Körperhaltung, eine leichte Gewichtsverlagerung oder ein kurzer Blick, und das andere Pferd weiß sofort, dass sich etwas verändert hat.

Vielleicht liegt das Problem gar nicht beim Pferd. Vielleicht liegt es vielmehr darin, dass ihm diese Fähigkeit gar nicht zugetraut wird. Oft wird schon davon ausgegangen, dass man besonders deutlich werden muss, damit das Pferd uns überhaupt wahrnimmt.

Genau darin liegt für mich der eigentliche Denkfehler. Mit der ersten Frage prüfe ich gar nicht in erster Linie, ob mein Pferd reagiert. Ich prüfe vielmehr, wie fein meine Körpersprache tatsächlich ist – und wie aufmerksam mein Pferd sie bereits wahrnimmt.

Je größer meine erste Frage ist, desto weniger erfahre ich darüber. Wenn ich meinem Pferd von Anfang an mit einer lauten Körpersprache begegne, werde ich nie herausfinden, ob es vielleicht schon auf eine minimale Gewichtsverlagerung, eine kleine Veränderung meiner Blickrichtung oder einen kaum wahrnehmbaren Gedanken reagiert hätte. Ich nehme ihm die Möglichkeit, mir zu zeigen, wie fein es mich tatsächlich lesen kann.

Vielleicht reagieren viele Pferde gar nicht so spät, wie wir glauben. Vielleicht haben wir ihnen nur nie die Gelegenheit gegeben, uns zu zeigen, wie früh sie unsere Frage eigentlich schon verstanden haben.

Im Alltag sehe ich immer wieder Menschen, die bereits bei ihrer ersten Frage mit sehr großen Hilfen arbeiten. Da wird das Seil geschleudert, mit den Armen gewedelt, auf den Boden gestampft oder der Körper so groß gemacht, dass dem Pferd kaum eine andere Möglichkeit bleibt, als zu reagieren. Dabei erfahren sie am Ende nur, dass das Pferd irgendwann reagiert. Was sie nicht erfahren, ist, wie viel das Pferd bereits lange vorher wahrgenommen hat.

Und genau das fasziniert mich immer wieder: Nicht wie viel Druck nötig ist, damit ein Pferd reagiert, sondern wie fein ein Pferd den Menschen längst liest – wenn man ihm überhaupt die Möglichkeit gibt, das zu zeigen.

Deshalb stelle ich meinen Schülerinnen immer wieder dieselbe Frage:

Wie klein kannst Du eigentlich fragen?

Nicht, weil kleine Hilfen besonders schön aussehen oder weil sie einer bestimmten Philosophie entsprechen. Sondern weil sie dem Pferd die Möglichkeit geben, zu zeigen, wie aufmerksam, wie fein und wie sensibel es unsere Körpersprache tatsächlich wahrnimmt.

Ich glaube, gute Kommunikation beginnt nicht dort, wo Menschen lernen, immer deutlicher zu werden. Sie beginnt dort, wo sie ihrem Pferd wieder zutrauen, mehr wahrzunehmen, als sie ihm bisher vielleicht zugetraut haben.

 

 

 

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