· 

Ist Dein Pferd wirklich so?

Ich war auf einer Hochzeit eingeladen. Wie das oft so ist, saß ich mit zwei anderen Pferdefrauen an einem Tisch. Ich erzähle in solchen Situationen selten von mir oder meinen Pferden. Ich gehe einfach nicht davon aus, dass fremde Menschen besonders an meinem Alltag interessiert sind. Irgendwie scheine ich mit dieser Einstellung aber ziemlich allein zu sein. Jedenfalls dauerte es keine fünf Minuten, bis die ersten Pferdegeschichten erzählt wurden.

„Meine Stute ist unglaublich stur.“

„Mit meinem Wallach muss man ganz vorsichtig umgehen. Der ist extrem sensibel.“

„Mein Pferd ist sehr dominant.“

„Mein Pferd testet mich ständig.“

„Mein Pferd vertraut nur mir.“

Solche Sätze höre ich nicht nur auf Hochzeiten. Ich höre sie auf Kursen, in Ställen und beinahe überall dort, wo Menschen über ihre Pferde sprechen. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass nicht nur erzählt wird, wie schwierig oder besonders das eigene Pferd sei, sondern auch, dass häufig betont wird, man selbst sei der einzige Mensch, der wirklich mit ihm klarkommt.

Irgendwann frage ich dann:

„Was genau macht Deine Stute, dass Du sie als stur bezeichnest?“

„Woran erkennst Du, dass Dein Pferd Dich testet?“

„Was genau lässt Dich glauben, dass Dein Pferd nur Dir vertraut?“

Und dann wird es oft erstaunlich still.

Nicht, weil die Menschen ihr Pferd nicht kennen. Sondern weil sie plötzlich nicht mehr ihre Schlussfolgerung beschreiben, sondern das, was ihr Pferd tatsächlich tut. Und genau das ist oft viel schwieriger, als man zunächst denkt.

Vielleicht beginnt Pferdeverstehen genau an dieser Stelle. Nicht mit einer Antwort. Sondern mit einer ehrlichen Frage.

Die Geschichten, die wir über unsere Pferde erzählen

Mit jedem Jahr, das ich mit Pferden arbeite, bestätigt sich für mich mehr, dass Begriffe wie stur, dominant, sensibel oder testet weniger über das Pferd aussagen als über unsere Interpretation seines Verhaltens.

Das Pferd zeigt lediglich ein Verhalten. Erst in unserem Kopf wird daraus ein stures, dominantes, sensibles oder testendes Pferd. Wir beobachten ein Verhalten und unser Kopf macht daraus eine Geschichte.

Die Stute bleibt oft stehen. Also ist sie stur.

Das Pferd erschrickt häufiger als andere. Also ist es extrem sensibel.

Das Pferd schiebt den Menschen beim Führen zur Seite. Also ist es dominant.

Das Pferd reagiert heute anders als gestern. Also testet es uns.

Aber was wäre, wenn hinter all diesen Geschichten etwas ganz anderes steckt?

Vielleicht fehlt der Stute gar nicht der Wille. Vielleicht fehlt ihr die Klarheit. Vielleicht versteht sie die Aufgabe nicht. Vielleicht hat sie auch einen Grund, den wir im Moment noch gar nicht erkennen.

Jedes Pferd besitzt die Fähigkeit, sensibel auf seine Umwelt zu reagieren. Genau das sichert schließlich sein Überleben. Die spannendere Frage ist deshalb nicht, ob ein Pferd sensibel ist, sondern worauf es sensibel reagiert – und welchen Anteil wir selbst daran haben. Vielleicht hat es gelernt, auf jede kleinste Veränderung seines Menschen zu reagieren. Und wenn wir selbst ständig vorsichtig, zögerlich und angespannt mit ihm umgehen, vermitteln wir ihm womöglich genau das, was wir eigentlich vermeiden möchten: „Hier gibt es einen Grund, vorsichtig zu sein.“

Vielleicht versucht das Pferd gar nicht, die Führung zu übernehmen. Vielleicht ist es aufgeregt. Vielleicht ist es unsicher. Vielleicht hat es nie gelernt, den persönlichen Raum eines Menschen zu respektieren. Vielleicht gibt es noch einen ganz anderen Grund.

Vielleicht testet das Pferd uns überhaupt nicht. Vielleicht versucht es einfach, mit der Situation zurechtzukommen. Vielleicht ist es verunsichert. Vielleicht hat es eine Erfahrung gemacht, die wir gar nicht kennen. Vielleicht gibt es auch hier einen Grund, den wir noch gar nicht erkannt haben.

 

Vielleicht missverstehen wir Pferde gar nicht deshalb so oft, weil wir sie zu wenig beobachten. Vielleicht missverstehen wir sie, weil wir das Beobachtete viel zu schnell bewerten. Und genau in diesem kleinen Moment – zwischen Beobachtung und Bewertung – entscheidet sich oft, ob wir unserem Pferd wirklich gerecht werden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0