„Mein Pferd vertraut mir.“ Diesen Satz höre ich immer wieder. Und jedes Mal frage ich mich: Woran machen wir das eigentlich fest?
Ist es Vertrauen, wenn ein Pferd überall mit uns hingeht, ruhig neben uns steht, sich problemlos verladen lässt oder beim Tierarzt brav mitmacht? Vielleicht., vielleicht aber auch nicht.
Denn all das kann ebenso bedeuten, dass unser Pferd einfach gelernt hat, wie unser gemeinsamer Alltag abläuft. Es kennt unsere Abläufe, kann unsere Körpersprache lesen und weiß ziemlich genau, was als Nächstes passieren wird. Wir sind für unser Pferd berechenbar geworden. Das gibt ihm Orientierung und Sicherheit, doch Berechenbarkeit allein ist noch kein Vertrauen.
Denn Vertrauen zeigt sich erst dann, wenn die gewohnte Routine nicht mehr trägt. Wenn das Pferd sich erschrickt, unsicher wird oder über sich hinauswachsen soll. Bleibt es dann innerlich mit uns verbunden? Sucht es unsere Orientierung und lässt es sich von uns beruhigen, obwohl die Situation neu ist?
Ich vermute, viele würden diese Fragen spontan mit Ja beantworten. Doch genau darum geht es mir gar nicht. Viel lieber wäre mir, dass wir den Mut haben, diese Frage einmal offen stehen zu lassen.
Wir haben über Generationen gelernt, Pferde vor allem auf Gehorsam auszubilden. Sie sollen stehen bleiben, mitkommen, sich verladen lassen, beim Tierarzt stillhalten, auf unsere Hilfen reagieren und zuverlässig funktionieren. All das kann sinnvoll sein, doch all das ist noch kein Beweis für Vertrauen.
Es lohnt sich immer ehrlich hinzuschauen. Folgt mir mein Pferd, weil es mir vertraut? Oder weil ich für es einfach berechenbar geworden bin? Sucht es in schwierigen Momenten wirklich meine Orientierung oder wartet es lediglich auf das nächste bekannte Signal?
Ich glaube, genau diese Fragen bringen uns weiter. Nicht, weil sie unser Pferd verändern, sondern weil sie uns zwingen, ehrlich hinzusehen, statt unser Ego mit der Vorstellung zu nähren, unser Pferd vertraue uns bereits vollkommen.
Genau deshalb sind mir die Momente, in denen nicht alles funktioniert, mein Pferd Sorgen hat und trotzdem den Dialog mit mir sucht, so viel wichtiger als jede perfekt gelungene Vorführung.
Vor einiger Zeit hatte ich eine Trainerin zu Besuch. Es ging um Austausch, ums Kennenlernen und darum herauszufinden, ob wir voneinander lernen und uns gegenseitig bereichern können. Sie zeigte mir ihre Herangehensweise, wir unterhielten uns viel und anschließend zeigte ich ihr meine.
Und genau an diesem Tag hatte mein Pferd Redebedarf.
Von außen betrachtet „klappte“ plötzlich gar nichts mehr. Früher hätte mich das wahrscheinlich gestresst. Vielleicht hätte ich gedacht: Was für eine Blamage. Heute denke ich etwas völlig anderes. Wenn mein Pferd Sorge hat, dann ist genau das der Moment, in dem ich für ihn da sein möchte – ganz gleich, wer zusieht oder welche Erwartungen andere an mich haben.
Und inmitten dieses intensiven Gesprächs mit meinem Pferd, hörte ich ihre Fragen, bat sie kurz um einen Moment und erklärte, dass ich mich erst um mein Pferd kümmern möchte. Gleichzeitig fragte ich mich, warum sie dies nicht selbst erkannte. Während sie verstehen wollte, wie ich arbeite, beschäftigte mich nur eine einzige Frage: Warum geht es meinem Pferd gerade nicht gut und was braucht es jetzt von mir?
Dann kam eine Bemerkung wie: „Ah, beim Rückwärts mache ich das auch so.“ Und ich dachte nur: Wie schade. Denn genau darum ging es mir überhaupt nicht. Nicht um einzelne Techniken oder Vorgehensweisen, sondern darum, in diesem Moment für mein Pferd da zu sein.
Ich merkte schnell, dass ich an diesem Tag nicht beiden gerecht werden konnte. Also entschied ich mich für mein Pferd. Denn ihm sollte es nach unserem Zusammensein besser gehen. Nur darum geht es mir. Nachdem ich mein Pferd zurück zum Stall gebracht hatte, verabschiedete sich die Trainerin recht schnell. Ich hatte das Gefühl, ihre Erwartungen nicht erfüllt zu haben. Vielleicht stimmt das sogar. Ich wusste, dass sie sich nicht mehr melden würde. Und das war für mich vollkommen in Ordnung.
Denn an diesem Tag hatte ich etwas erreicht, das mir sehr viel wichtiger ist als jede perfekt gelungene Vorführung. Mein Pferd hatte in einer schwierigen Situation meine Nähe gesucht. Es ließ sich von mir helfen. Es hat mir in diesem Moment vertraut.
Genau das zählt für mich. Nicht das perfekte Pferd, das funktioniert, sondern ein Pferd, das sich auch dann an mir orientiert, wenn die Routine nicht mehr trägt.
Vielleicht zeigt sich Vertrauen genau dort, wo Berechenbarkeit endet.

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