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Wenn Du jetzt absteigst, hast Du verloren!

„Was denn? An Höhe?“

 

Auch das ist ein Satz, den vermutlich viele schon einmal gehört haben.

 

Das Pferd bleibt an irgendeiner Stelle stehen. Man versucht alles Mögliche, redet gut zu, treibt vielleicht etwas mehr, wartet, probiert verschiedene Lösungen und steigt irgendwann doch ab, um das Pferd an der Hand durch oder an der Situation vorbei zu führen. Und dann kommt garantiert irgendwo ein Schlaubi Schlumpf, der einem gönnerhaft erklärt, man habe gerade gegen sein Pferd verloren.

 

Aber mal ehrlich: Damit diese Aussage überhaupt Sinn ergeben würde, müsste das Pferd gegen uns gewinnen wollen. Genau das möchte ein Pferd aber gar nicht.

 

Ein Pferd führt keinen Machtkampf. Es möchte nicht siegen und auch nicht die Rangordnung übernehmen. Es möchte vor allem eines: sich sicher fühlen. Wenn es stehen bleibt, dann hat das aus seiner Sicht einen Grund. Vielleicht ist es unsicher, vielleicht überfordert oder vielleicht versteht es die Situation einfach noch nicht. Vielleicht fehlt ihm schlicht das Vertrauen, den nächsten Schritt zu gehen.

 

Warum sollte es dann ein Fehler sein, abzusteigen?

 

Die meisten Pferde verbringen deutlich mehr Zeit mit uns am Boden als mit einem Menschen auf ihrem Rücken. Sie haben unzählige Erfahrungen gesammelt, bei denen wir neben ihnen laufen, sie führen und ihnen Orientierung geben. Warum sollte es also verwunderlich sein, dass sich ein Pferd in einer schwierigen Situation sicherer fühlt, wenn wir neben ihm stehen, anstatt in seinem toten Blickwinkel auf seinem Rücken zu sitzen?

 

Entscheidend ist doch nicht, wo wir uns befinden, sondern ob wir unserem Pferd helfen können, eine kritische Situation zu überwinden. Manchmal gelingt genau das eben besser vom Boden aus.

 

Ich erinnere mich noch gut an eine Situation mit meinem Araber Buddy in Amerika. Im Cherry Creek State Park, in dem ich damals arbeitete, gab es eine Furt durch einen kleinen Fluss. Der Ein- und Ausstieg war flach, übersichtlich und so problemlos, dass selbst große Planwagen mit zwei Percheron-Kaltblütern hindurchfuhren. Für meinen kleinen Araber spielte das allerdings überhaupt keine Rolle. Er weigerte sich konsequent, auch nur einen einzigen Huf ins Wasser zu setzen.

 

Eine ganze Zeit lang versuchte ich, ihn mit viel Geduld immer einen Schritt näher heranzureiten. Ich gab ihm Zeit, nahm jeden kleinen Versuch an und fragte immer wieder ganz ruhig nach dem nächsten Schritt. Er verstand meine Hilfen, daran lag es nicht. Er reagierte auf jede Vorwärtshilfe, nur konnte er sich einfach nicht überwinden, ins Wasser zu gehen.

 

Also stieg ich ab.

 

Und genau in diesem Moment konnte man förmlich sehen, wie seine Anspannung nachließ. Die Erleichterung darüber, mich an seiner Seite zu haben, war deutlich zu spüren. Ich nahm den Führstrick, der am Sattel befestigt war, und ging einfach los. Ich versuchte gar nicht erst, ihn zuerst ins Wasser zu schicken. Warum ein Pferd überfordern, wenn Fördern völlig ausreicht?

 

Dass ich an diesem Tag nicht trocken nach Hause kommen würde, war mir längst klar.

 

Buddy zögerte nur kurz, fasste dann seinen ganzen Mut zusammen und folgte mir durch den Fluss. An der tiefsten Stelle reichte mir das Wasser bis zur Mitte der Oberschenkel. Auf der anderen Seite stieg ich wieder auf und wollte zurück. Sofort war alles wieder wie zuvor. Buddy verstand zwar meine Hilfen, konnte sich aber mit einem Menschen auf dem Rücken einfach nicht überwinden, ins Wasser zu gehen.

 

Also stieg ich wieder ab.

 

Wir gingen mehrmals gemeinsam von einer Seite zur anderen. Irgendwann verschwand das Zögern. Seine Atmung wurde ruhiger, seine Schritte selbstverständlicher und schließlich konnte ich ihn sogar vorausgehen lassen. Erst als ich das Gefühl hatte, dass seine Sorge verschwunden war, stieg ich wieder auf. Von diesem Moment an war das Wasserreiten überhaupt kein Problem mehr. Nicht, weil ich mich durchgesetzt hatte, sondern weil ich ihm dort, wo es ihm möglich war, gezeigt hatte, dass er nichts zu befürchten hatte. Er fühlte sich gesehen, ernst genommen und konnte Vertrauen entwickeln. Genau dieses Vertrauen half ihm anschließend auch unter dem Reiter.

 

Verloren habe ich an diesem Tag nichts. Buddy hat Vertrauen gewonnen, ich habe Vertrauen gewonnen und gemeinsam haben wir eine Aufgabe gemeistert, die wir gegeneinander vermutlich nie gelöst hätten.

 

Deshalb glaube ich auch heute noch nicht, dass wir verlieren, wenn wir absteigen. Wir verlieren nur dann, wenn unser eigenes Ego wichtiger wird als das Gefühl unseres Pferdes. Wenn ich durch das Absteigen wieder in Verbindung mit meinem Pferd komme, ihm Sicherheit geben und die Situation gemeinsam lösen kann, dann ist das für mich keine Niederlage.

 

Ganz im Gegenteil.

 

Es ist Partnerschaft. Im Sinne des Pferdes.

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