Im letzten Kurs nahm eine Schülerin mit ihrem Pferd teil, die bereits vor einiger Zeit auf dem Sonnenhof gewesen war. Damals hatte sie ihren Wallach noch nicht lange und er brauchte vor allem
eines: Hilfe dabei, sich selbst zu finden und seiner Besitzerin zu vertrauen.
Obwohl er ein grundehrliches Wesen hatte, war es nicht leicht, zu ihm durchzudringen. Seine Sorgen waren groß. Ständig schien er auf der Suche nach Sicherheit zu sein, ohne sie wirklich
finden zu können. Zu seiner psychischen Instabilität kam hinzu, dass ihm auch körperlich die nötige Stabilität fehlte. Muskelaufbau war dringend notwendig.
Ein Dilemma, das vermutlich viele Pferdebesitzer kennen. Denn vieles von dem, was gezielt Muskulatur aufbauen soll, ist nicht zwangsläufig das, was ein Pferd in einer schwierigen psychischen
Phase am meisten braucht. Ein Körper kann nur begrenzt Kraft entwickeln, wenn der Geist permanent mit Überleben beschäftigt ist. Und das Nervensystem auf Anschlag ist.
Nach dem damaligen Kurs und einigen weiteren Trainingseinheiten vor Ort entwickelte sich der Wallach Schritt für Schritt weiter. Als die beiden nun erneut auf den Sonnenhof kamen, stand
plötzlich ein ganz anderes Pferd vor mir. Nicht perfekt was seinen körperlichen Zustand betrifft, aber angekommen in sich und Mental stabil. Seiner Besitzerin zugewandt. Fähig Hilfen
anzunehmen und Sicherheit in der Zusammenarbeit zu finden.
Natürlich gab es körperlich noch einige Baustellen. Doch diesmal konnten wir sie wirklich angehen. Nicht weil wir plötzlich bessere Übungen hatten als beim ersten Kurs, sondern weil nun die
Grundlage dafür vorhanden war. Ein Fundament auf einer stabilen Psyche.
Der Fokus lag nicht mehr auf Entspannung. Er war bereits entspannt.
Es ging darum, wichtig zu werden. Mit Ziel und Absicht zu laufen. Eine Aufgabe zu haben, die Bedeutung besitzt. Zu spüren, dass sich Einsatz lohnt und dass der eigene Körper mehr leisten
kann, als man bisher geglaubt hat.
Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, wie häufig wir Muskelaufbau ausschließlich als körperliches Thema betrachten. Wir sprechen über Trainingspläne, über Schrittmaschinen, Führanlagen,
Kilometer und Bewegungszeiten. Doch die entscheidende Frage stellen wir oft nicht:
Welche Qualität hat die Bewegung eigentlich aus Sicht des Pferdes?
Was meiner Meinung nach viel zu häufig verkannt wird, ist die Tatsache, dass das Pferd ein Fluchttier ist. Ein Fluchttier spart seine Energie, bis es sie wirklich benötigt. Das bedeutet
jedoch nicht, dass ein Pferd einen Fluchtgedanken haben muss, um seinen Körper sinnvoll einzusetzen – ganz im Gegenteil. Flucht macht fest.
Worum es vielmehr geht, ist, dem Pferd einen Sinn für seine Bewegung zu vermitteln. Denn ohne Sinn im Kreis zu laufen, da leidet die Bewegung sehr.
Muskelaufbau entsteht nicht allein dadurch, dass ein Pferd viele Schritte macht. Muskelaufbau entsteht vor allem dann, wenn ein Pferd sich mit Aufmerksamkeit, Motivation und echter
Beteiligung bewegt. Diesen Sinn kann man einem Pferd ebenso im Round Pen oder auf dem Reitplatz vermitteln, auch wenn es manchen dort schwerer fällt als draußen im Gelände.
Es ist erstaunlich, wie sich die Qualität der Bewegung innerhalb weniger Sekunden verändern kann, wenn ein Pferd eine Wichtigkeit in unserer Bewegung fühlt und in seiner Bewegung empfindet.
Diese Veränderung geht durch das ganze Pferd: wache Augen, gespitzte Ohren, Schub aus einer kraftvollen Hinterhand und weit ausgreifende Schritte, ein Pferd voller Kraft in Balance.
Was sich körperlich zeigt, wirkt wiederum auf die Psyche zurück. Denn nun haben wir ein Pferd, das Freude an der Bewegung mit uns entwickelt, das sich wichtig fühlt und Sinn in seiner Aufgabe
findet.
Qualität macht sich eben nicht nur im Körper bemerkbar.

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