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Von der Gefahr, domestizierte Pferde zu „verwildern“

 

Seitdem das Mustang Makeover leider auch über den großen Teich nach Europa geschwappt ist und nun hier dafür sorgt, dass – vom American Quarter Horse über den Friesen, weiter zum Irish Tinker und später zum Pura Raza Española – nun der Mustang das Modepferd schlechthin zu sein scheint, entstehen neue Denkweisen.

Zum Teil inspiriert diese Bewegung zu einer artgerechteren Form der Pferdehaltung. Das Bewusstsein und Verständnis für die Bedürfnisse der Wildpferde wächst – und damit auch für die unserer Hauspferde. Vielerorts beginnt ein Umdenken, und genau das finde ich fantastisch.

Es gibt einige Menschen, die einen enormen Wissensschatz über Wildpferde habe. Von diesen Menschen kann man viel lernen. Sie sind Experten auf diesem Gebiet.

Menschen wie Katrin Bockstette und Marc Lubetzki klären unermüdlich darüber auf, wie Wildpferde tatsächlich leben: wie ihre sozialen Strukturen funktionieren, welche Wege sie täglich zurücklegen, wie sie ihre Zeit zwischen Bewegung, Nahrungssuche, Ruhe und sozialem Miteinander aufteilen und welche Bedeutung Raum, Herdenstruktur und Freiheit für ihr Wohlbefinden haben.

Durch ihre Arbeit wächst bei vielen Pferdemenschen ein tieferes Verständnis dafür, dass Pferde hochsoziale, bewegungsfreudige Tiere sind, deren Bedürfnisse weit über Futter, Wasser und Bewegung hinausgehen. Dieses Wissen verändert den Blick auf unsere Hauspferde. Immer mehr Menschen beginnen zu hinterfragen, ob unsere bisherigen Haltungsformen nicht doch noch verbessert werden könnte um dem Pferd mehr gerecht zu werden.

So entsteht vielerorts ein Umdenken – hin zu mehr Bewegung, mehr Sozialkontakt der Pferde untereinander, mehr Raum für echte Pferdebedürfnisse. Und genau diese Entwicklung finde ich großartig. Für ihren unermüdlichen Einsatz schätze ich deshalb Katrin und Marc sehr!

Durch ihre Aufklärungsarbeit werden Stimmen überall lauter: für Wildpferde, für artgerechten Umgang, für die Befreiung unserer Hauspferde aus ihrem Joch.

Nicht nur einmal bekam ich Kommentare unter meinen Beiträgen in denen man mir riet, die Pferde doch einfach in Ruhe zu lassen.

Obwohl ich Pferdetrainerin und Reitlehrerin bin, hätte ich nichts dagegen, wenn wir eines Tages an einem Punkt stehen würden, an dem es heißt: Von jetzt an dürfen Pferde nur noch wild leben. Sie werden nicht mehr geritten, nicht mehr zu unserem Nutzen eingesetzt, nicht mehr dem Ruhm oder Reichtum von Menschen dienstbar gemacht.

Das Bewusstsein für die Bedürfnisse unserer Pferde zu wecken war mir schon vor 30 Jahren ein großes Anliegen, lange bevor der Mustang hier eingesiedelt wurde.

Mit all dem könnte ich also mitgehen. Selbst wenn das bedeuten würde, meinen Lebensunterhalt auf andere Weise zu verdienen. Wenn ich dann bei Aldi Regale einräumen müsste – ich habe das vor vielen Jahren schon einmal getan und würde es ohne Probleme wieder tun.

Und doch glaube ich nicht, dass dies in den nächsten Jahrzehnten die Entwicklung sein wird. Wir werden noch lange Zeit Pferde haben, die geritten werden, an der Kutsche gefahren werden, gezüchtet werden. Und vielleicht gibt es ja doch Wege wie man es dem Pferd durch diese Erkenntnisse und Beobachtungen angenehmer gestalten kann. Vielleicht muss man gar nicht komplett „in Ruhe lassen“ und kann ein wertschätzendes Miteinander etablieren. Weshalb ich meine Aufgabe darin sehe, einen Umgang mit Pferden zu lehren, der achtsam, fair und stressfrei für Pferde ist. Für manche Menschen ist die Kluft zwischen Reitpferd und Wildpferd einfach zu groß. Hier bedarf es Einfühlungsvermögen für beide Seiten, um es den Pferden annehmbar zu machen, in einer Welt, die zwar weit weg ist vom Leben in der Wildnis, aber dennoch den Pferdebedürfnissen entgegenkommt.

Und doch beschleichen mich auch einige Bedenken. Denn es ist ein Spagat – die Kluft zwischen dem domestizierten Pferd und dem Wildpferd.

Worin sehe ich also nun die Gefahr?

Immer dann wenn es von einem Extrem in das andere Extrem geht!

Ich werde nun auch immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen mir erzählen, was sie über Wildpferde von Fachleuten lernen und wie erfolgreich sie diese Erkenntnisse bei ihren eigenen Pferden umsetzen.

Ich freue mich über jede Möglichkeit, die Körpersprache der Pferde noch besser deuten zu können. Aber wenn mir dann eine Dame erzählt, sie brauche keinen Strick mehr – sie mache das über den „Komm-mit-Punkt“ –, dann beginne ich zu stutzen. Genial, wenn das funktioniert, wirklich!

Worüber ich mir Sorgen mache, sind Menschen die mit Halbwissen von einem Extrem ins andere gehen. Das hat mit den Lehrern über Wildpferde und dem Wissen das sie vermitteln nichts zu tun, es geht um Menschen die mit wenig Anleitung in eine Selbstüberschätzung gehen und dadurch Pferd und Mensch in Gefahr bringen.

Denn auch in Ausnahmesituationen, sollte eine gewisse Klarheit für das Pferd da sein. Wenn Pferde aus Zäunen ausbrechen und von fremden Menschen auf der Straße eingefangen werden müssen, die diesen „Komm-mit-Punkt“ nicht kennen. Nicht immer ist der Mensch dann tiefenentspannt und kann seine Herde souverän aus der Gefahrensituation bringen. Da wäre vielleicht doch ein Halfter mit Strick sinnvoll, oder? Weshalb ich es also trotz aller neuer Erkenntnisse für sinnvoll erachte, dass ein Pferd gelernt hat, dem Gefühl des Seils zu folgen und sich mit einem Strick in ein sicheres Gebiet führen zu lassen?

Ähnlich sehe ich es im Umgang mit dem Tierarzt, Hufpfleger etc. wenn es durch Körpersprache, besseres Lesen und erkennen der Signale der Pferde zu weniger Missverständnissen kommt, ist das eine große Bereicherung. Wurde ich deshalb auf mein Halfter verzichten? Nein, eher nicht. Einfach weil ich glaube das es in solchen Situationen für alle Beteiligten nicht schadet auf Nr. sicher zu gehen.

Natürlich kommen nun Kommentare im Sinne von: Ein Wildpferd braucht auch keinen Tierarzt. Ja, dem stimme ich zu. Dann müssen wir aber auch akzeptieren, dass manche Verletzungen tödlich sind, die man vielleicht mit einem Tierarzt hätte heilen können. Und noch einmal ja: Auch in der Wildnis heilen bestimmte Wunden wieder. Aber wenn wir einfach einmal ehrlich sind, erhalten wir oft mit Hilfe eines Tierarztes das Tier länger am Leben, als es in der Wildnis eine Chance hätte.

Auch die Hufe werden in der Wildnis nicht von Hufpflegern bearbeitet, sie haben aber auch eine Umgebung die sich um natürlichen Abrieb kümmert. In manchen Regionen ist es sehr schwer einen guten Hufpfleger zu finden, manchmal ist die Bearbeitung gut, aber der Umgang mit dem Pferd lässt zu wünschen übrig. Und manchmal ist der Umgang top, aber die Bearbeitung zu wenig individuell ans Pferd angepasst. Es ist also nicht so einfach hier gute Betreuung zu finden, kann sein, dass man auch mal Kompromisse eingehen muss. Je besser das Pferd dann ausgebildet ist, umso reibungsfreier gestaltet sich der Hufpflege Termin. Wer jetzt sagt, hier gehe ich keine Kompromisse ein, ich lass nur 1a Hufpfleger an mein Pferd, wird sich in mancher Gegend wohl selbst das Wissen aneignen müssen. Denn gute Hufpfleger die sowohl in Körpersprache lesen als auch in Hufbearbeitung top sind, wachsen nicht an jeder Straßenecke.  

Oder nehmen wir einen Stallwechsel.

Ein Pferd kommt in eine neue Umgebung, neue Menschen kümmern sich darum. Diese Menschen kennen weder seine individuellen Zeichen noch seine feinen Kommunikationspunkte. Ist dieses Pferd dann trotzdem noch in der Lage, grundlegende Dinge zu verstehen – geführt zu werden, angebunden zu werden, sich zu integrieren? Die Verantwortung hierfür liegt natürlich am Besitzer. Ich möchte hier nur ein paar Aspekte einräumen, warum ich es für sinnvoll halte, gut fundiert an diese Sache ran zu gehen und nicht nach dem Ersten Vortrag alle Führseile in die Tonne zu treten. (Das ist kein Witz, das habe ich so erlebt)

Der Gedanke dahinter ist für mich immer derselbe:

Feine Kommunikation ist wunderbar. Aber sie sollte das Pferd nicht abhängig von einer einzigen Person oder Methode machen, sondern seine Fähigkeit erweitern, sich auch in einer Welt zurechtzufinden, in der nicht jeder Mensch seine Sprache spricht.

Der Mensch neigt gerne zu Extremen, und deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass ein Bewusstsein für Balance geschaffen wird. Genau über diese Bedenken habe ich mich mit Katrin ausgetauscht. „Sehe es als Chance, mehr über Sie zu lernen, nicht als Problem!“ Und ja sie hat recht.  Damit man alles was man mit dem Pferd macht, besser, Pferdetreuer machen kann. Das heißt nicht, kein Halfter anlegen, sondern vielleicht anders. Das bedeutet nicht, kein Hufpfleger, aber mit Bewusstsein. Das bedeutet nicht: kein Tierarzt, aber vielleicht stressfreier fürs Pferd. Nur weil es mehr Wissen darüber gibt wie Wildpferde kommunizieren, heißt das nicht dass wir alles neu erschaffen müssen, es bedeutet wir können dieses Wissen in unseren Alltag integrieren um manches besser zu verstehen und damit Pferde uns besser verstehen können.

Ich bin der Meinung: Solange wir Pferde bei uns halten, ist es notwendig, dass gewisse Regeln im Umgang existieren – Regeln, die die Pferde auf faire und klare Weise lernen können. Nein ich formuliere nochmal um: Die Menschen dürfen lernen, diese klaren Strukturen gemeinsam mit ihrem Pferd zu erarbeiten, sodass das Pferd dabei keinen Stress empfindet. Wir haben nun mal domestizierte Pferde und damit einige Ansprüche und  keine Wildpferde.

Klarheit im Umgang,
Einfühlungsvermögen für ihre Bedürfnisse,
Sicherheit durch souveränes Auftreten,
Durchlässigkeit aus der Erfahrung, dass es nicht immer um Leben und Tod geht.

All das sollten wir Menschen in der Lage sein, unseren Pferden näherzubringen.

 

Damit es für beide ein angenehmes Miteinander wird.

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