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Du hilfst einem Freund

Es ist nicht immer leicht, das, was zwischen einem Pferd und uns geschieht, nicht persönlich zu nehmen. In den schönen Momenten fällt uns das kaum auf. Wenn ein Pferd uns mit weichem Blick begrüßt, leise brummelt, näherkommt, als hätte es genau auf uns gewartet, dann wärmt das unser Herz. Und ja, wir beziehen es auf uns. Warum auch nicht? Doch darum soll es heute nicht gehen.

Schwieriger wird es in den Momenten, in denen ein Pferd beißt, sich entzieht, austritt oder sich scheinbar jeder Aufforderung widersetzt. Wenn es klare Abwehr zeigt. Wer würde das nicht persönlich nehmen – vorausgesetzt, man deutet dieses Verhalten als Ablehnung? Wenn dann vielleicht noch Schmerzen und Verletzungen hinzukommen, beginnt oft ein Kreislauf, der sich immer enger zieht. Die Angst, erneut verletzt zu werden, lässt uns erstarren oder hart werden. Die Frustration darüber, dass es trotz aller Bemühungen nicht besser wird, kann uns unfair machen. Der Puls steigt, die Situation eskaliert wieder, und irgendwann beginnt man, an sich selbst zu zweifeln. Man sieht keine Lösung mehr, nur noch das nächste mögliche Scheitern. Ein Weg in die Aussichtslosigkeit der sich je länger er ist mehr und mehr verstärkt.

Viele, die das lesen, kennen dieses Gefühl. Wenn das eigene Sicherheitsempfinden bröckelt und das eigene Nervensystem auf Anschlag läuft, ist es schwer, dem Pferd in seiner Not ruhig und klar zu begegnen. Und doch sind es oft genau diese Momente, in denen das Pferd unsere Souveränität am dringendsten braucht.

Ein Pferd, das nicht kooperiert, tut dies nicht, weil es nicht will, sondern weil es nicht kann!
Vielleicht versteht es die Aufgabe nicht.
Vielleicht ist sein Nervensystem bereits so angespannt, dass keine neue Information mehr aufgenommen werden kann.
Vielleicht hat es Schmerzen.
Vielleicht fehlt ihm die innere Bedeutung dessen, was wir von ihm verlangen – und diese Wichtigkeit zu vermitteln liegt nicht in seiner Verantwortung, sondern in unserer.

Und ein Mensch, der all das nicht erkennt, handelt selten aus Bosheit. Oft fehlt das Bewusstsein für die Zusammenhänge, oder er wurde durch viele schwierige Erfahrungen mit genau diesem Pferd bereits selbst verletzt.
Vielleicht wird er härter in seiner Präsenz, weil er glaubt, nur so noch durchzukommen.
Vielleicht wird er unfair aus Hilflosigkeit.
Vielleicht weiß er schlicht nicht, wie er mit der Situation umgehen soll.
Vielleicht behandelt er Symptome, weil ihm das ganzheitliche Bild fehlt.
Vielleicht befindet er sich längst im Selbstschutzmodus und kann sich selbst kaum regulieren – geschweige denn eine Veränderung im Pferd bewirken.

Und dann geschieht genau das, was man eigentlich verhindern wollte, was man insgeheim vielleicht schon befürchtet hat. Es eskaliert. Wieder einmal. Und niemand weiß genau, wann es eigentlich begonnen hat. Denn meist verliert man sein Pferd innerlich lange, bevor es äußerlich sichtbar wird.

Solche Dynamiken finden sich in allen Sparten der Reiterei. Oft schämt man sich für das eigene „schwierige“ Pferd oder für die vermeintliche eigene Unfähigkeit. Doch Scham hilft weder dem Menschen noch dem Pferd. Manchmal braucht es einen bewussten Reset. Den Mut, sich Unterstützung zu holen. Jemanden, der unvoreingenommen auf die Situation schaut, der noch nicht emotional verstrickt ist, der mit anderem Hintergrund und frischem Blick lesen kann, was sich zwischen Pferd und Mensch abgespielt hat. Und plötzlich entstehen neue Lösungsansätze, neue Zuversicht, neue Hoffnung.

Dem Pferd die Schuld zu geben, führt nie in die richtige Richtung – auch wenn es vielleicht längst im Stall eine Schublade bekommen hat. „Der Durchgeknallte.“ „Die Unberechenbare.“ Solche Etiketten sind menschlich, aber sie verhindern echtes Hinschauen. Entscheidend ist die Frage: Wo liegt die Ursache? Ab welchem Moment kippt die Situation? Wann verliere ich mein Pferd innerlich? Und das geschieht oft viel früher, als man denkt.

Es braucht das Bewusstsein, dass hinter keinem Verhalten böse Absicht steckt. Ein Pferd handelt auf Grundlage dessen, was es gelernt hat und wovon es überzeugt ist, dass es ihm in diesem Moment hilft. Wenn wir mit zusätzlicher Härte eingreifen, verstärken wir unbewusst genau die Überzeugung, die wir eigentlich verändern möchten.

Am Ende zählt nicht, wer die Oberhand hat, und es geht nicht ums Gewinnen. Es geht darum, sich bewusst zu machen: Vor dir steht kein Gegner, nur ein Lebewesen, das deine Hilfe braucht. Du kämpfst nicht gegen dein Pferd. Du hilfst einem Freund.

 

 

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