Diese Frage wird mir tatsächlich häufig gestellt.
Manchmal begegnen mir Mensch-Pferd-Paare, deren Weg von außen betrachtet kaum Fragen aufwirft. Die Warmblutstute wurde schon als Zweijährige übernommen, ihre Ausbildung fand begleitet und
fachlich unterstützt statt. Schritt für Schritt wurde aufgebaut, mit Anleitung, mit Struktur, mit dem ehrlichen Wunsch, alles richtig zu machen.
Betrachtet man diesen Weg aus der Distanz, wirkt er verantwortungsvoll geplant und korrekt umgesetzt. Es scheint, als sei nichts dem Zufall überlassen worden.
Und dennoch steht eine Stute vor mir, die in sich unsicher ist. Eine Stute, die sich in bestimmten Momenten losreißt und dabei nach hinten tritt. Nicht aus Boshaftigkeit und nicht aus einem strategischen Machtgedanken heraus, sondern aus innerer Überforderung und Unsicherheit. Es wirkt, als wüsste sie in diesen Augenblicken nicht, wohin mit ihrer Spannung.
Im Bestreben, klar zu sein, ist die Besitzerin eher hart in ihrer Energie. Nicht im Sinne von grober Gewalt, sondern in einer klar fordernden, drängenden Haltung. Für ein Pferd, das ohnehin Mühe hat, Sicherheit in sich zu finden, kann genau diese Art von Druck jedoch dazu führen, dass es innerlich noch enger wird. Wenn Verständnis fehlt, während gleichzeitig Erwartungen bestehen, entsteht leicht ein Zustand, in dem Flucht zur scheinbar einzigen Lösung wird.
Es fällt auf, dass sie gedanklich viel im Außen ist oder zu stark bei ihrem Menschen. Zuviel hier und zuviel da lassen wenig Raum, wirklich bei sich zu sein. Ich möchte, dass sie bei sich bleibt, ihre Gedanken nicht im Außen oder zu sehr beim Menschen verliert. Mit den Gedanken eines Pferdes zu arbeiten, ist immer noch wenig verbreitet und stellt viele Pferdebesitzer vor Rätsel. Dabei ist es für ein ausgeglichenes Pferd essenziell. Sind die Gedanken nicht in all ihrem Handeln präsent, ist sie nie ganz bei sich. Ein Pferd, das nicht ganz ist, fühlt sich nicht wohl, es ist nicht vollständig. Es ist, als würde etwas Wesentliches fehlen. Und dies zeigt sich in plötzlichem Erschrecken, ruckartigen Bewegungen und Unwohlsein. Über kurz oder lang können Pferde dann unberechenbar werden oder resignieren in ihrer Rolle als gehorsames Pferd.
Ich beginne, mit ihr frei zu arbeiten. Ihre Reaktionen sind anfangs häufig explosiv. Bewegung schießt aus ihr heraus, die Hinterhand wird schnell, manchmal entlädt sich die Spannung in einem Austreten nach hinten. In diesen Momenten fragt mich die Besitzerin, warum ich sie nicht energischer treibe oder dieses Verhalten unangenehm mache.
Ich halte das nicht für angebracht, geschweige denn notwendig.
Das Explodieren fühlt sich für diese Stute ohnehin schon unangenehm genug an. Sie hüpft hier nicht vor Freude durch das Round Pen, sie drückt damit aus, dass sie nicht versteht, nicht in der Ruhe ist, keine Verbindung zu mir hat – und sich extrem unwohl fühlt. Die Spannung, die sie überrollt, ist kein kalkulierter Akt, sondern Ausdruck eines Nervensystems, das keinen anderen Weg gefunden hat, mit dem inneren Druck umzugehen. Würde ich diesen Moment zusätzlich verschärfen, bestätige ich lediglich, dass ihre Welt tatsächlich bedrohlich ist. Würde ich sie dafür bestrafen, würde ich nichts tun, um eine Vertrauensbasis mit ihr aufzubauen.
Stattdessen stelle ich ihr die gleiche Frage noch einmal. Ruhig und klar, und gebe uns damit die Möglichkeit eines anderen Ausgangs. Ich verändere nicht die Intensität, sondern die Qualität meiner Hilfen. Ich bleibe bei meinem Vorschlag, ohne ihn zu verschärfen.
Erstaunlich schnell beginnt sich etwas zu verändern. Die Muskulatur wird weicher, der Rücken beginnt zu schwingen, der Blick verliert seine Härte und ist doch klar. Sie beginnt zu verstehen, dass man hier auch im Miteinander sein kann, und das Interesse wächst. Sie sucht die Nähe, statt sich zu entziehen.
Der Trab, der zu Beginn fest und eilend wirkte, wird lockerer, weicher. Die Schritte werden federnder. Das, was anfangs blockiert schien, wird durchlässiger. Die psychische Verfassung zeigt sich
immer im Physischen.
Sobald Klarheit entsteht, entsteht Weichheit – in der Bewegung und im Auge.
Strafe schafft nicht Sicherheit, sondern noch mehr Verwirrung. Und Angst, neue Antworten zu geben – es könnte ja wieder falsch sein, ich könnte ja wieder bestraft werden. Ein unerwünschtes Verhalten zu bestrafen, mag kurzfristig unterdrücken, was sichtbar ist. Es verändert jedoch nicht die Ursache. Wenn das Austreten Ausdruck von Unsicherheit ist, braucht es Orientierung, nicht zusätzliche Bedrohung.
Das bedeutet, dass Klarheit und Konsequenz nicht mit Härte verwechselt werden dürfen. Ein Pferd darf lernen, dass bestimmte Reaktionen nicht zielführend sind. Doch es kann dies leichter lernen, wenn dem Pferd die Möglichkeit des Aussortierens gegeben wird. Wenn es das Vertrauen hat, auch etwas falsch machen zu dürfen – ohne schlimme Konsequenz –, wenn es innerlich reguliert ist und sich verstanden fühlt.
In diesem Fall war nicht mehr Druck die Lösung, sondern mehr innere Ruhe bei gleichbleibender Klarheit. Die Stute brauchte keinen stärkeren Impuls, sondern einen verständlicheren Rahmen.
Und genau dort liegt für mich der Unterschied zwischen „unangenehm machen“ und „führen“. Denn unangenehm machen – dort, wo ohnehin schon alles unerträglich ist – bestätigt nur darin, dass man sich auf Menschen nicht verlassen kann. Es führt nicht zu einer vertrauensvollen Beziehung und ist nicht im Sinne des Pferdes.

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