Mit vielen Pferden zu arbeiten schenkt uns die Möglichkeit, unzählige Nuancen von Stress und Sorge zu erkennen – sofern wir bereit sind hinzusehen und bereits ein Bewusstsein dafür entwickelt haben.
Mit etwas Erfahrung lernen wir nicht nur, diese feinen Zeichen wahrzunehmen, sondern auch, sie aufzulösen – oder zumindest dem Pferd zu helfen, Stück für Stück einen Teil davon zu wandeln und in Heilung zu bringen. Je mehr Pferde man beobachten darf, desto mehr Schichten zeigen sich. Stress ist selten laut. Oft ist er sehr leise und subtil, beinahe unscheinbar.
In meiner Arbeit spielt die Blickrichtung des Pferdes eine zentrale Rolle. Für mich macht es einen Unterschied, wohin ein Pferd schaut – und vor allem auch aus welcher inneren Haltung heraus es das tut.
Ich wünsche mir ein Pferd, das mich direkt anschaut – entspannt – und mir damit zeigt, dass es Fragen stellt, aktiv mit mir im Dialog ist und aufmerksam bleibt. Das bedeutet nicht, dass es nie wegschauen darf. Es macht aber einen großen Unterschied und sagt sehr viel über die Qualität der Arbeit aussagt, ob ein Pferd nur Übungen abspult oder ob es aktiv Teil eines Gesprächs ist.
Dazu gehört für mich nicht nur das Anschauen des Menschen, sondern auch das gezielte Schauen in die Richtung, in die es läuft, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. An der Blickrichtung, an der Art und Weise, wie ein Pferd diese verändert, ebenso wie am Blinzeln, lässt sich unglaublich viel über Sorge, Wichtigkeit und der psychischen Verfassung des Pferdes erkennen.
Doch Wegsehen ist nicht gleich Wegsehen.
Es gibt viele unterschiedliche Formen des Wegsehens, und jede einzelne trägt eine eigene Bedeutung in sich.
Wegsehen als Umschauen
Ein Pferd kann sich umsehen, um seine Umgebung wahrzunehmen. In diesem Fall ist es präsent. Es bleibt im Kontakt mit dem Menschen, reagiert auf kleine Hilfen und nimmt gleichzeitig Veränderungen in seinem Umfeld wahr. Hier ein Rascheln, dort ein Schatten, vielleicht ein Mensch, der auftaucht oder verschwindet. Nichts Besonderes – nur Wahrnehmung. Für ein Fluchttier, das aufmerksam ist, ist das völlig normal und in der Regel auch anstrebenswert. Es bleibt dennoch ansprechbar, auch wenn der Blick kurz wandert.
Wegsehen um meinem Vorschlag nachzugehen
In meiner Arbeit geht es nicht nur darum, sich gegenseitig anzusehen, sondern auch darum, Gedanken zu adressieren und Vorschläge zu machen. Die Blickrichtung des Pferdes hilft mir dabei zu erkennen, ob es gedanklich bei mir ist oder lediglich seine Beine bewegt. Eine Veränderung der Blickrichtung sagt etwas darüber aus, ob ein Pferd meinem Vorschlag innerlich folgen kann, bevor der Körper sich in Bewegung setzt. Schaut es in die Richtung, in die es laufen soll? Nimmt es meinen Gedanken an? Bevor die Beine sich bewegen, geht zuerst der Blick.
Wohin kann ich fliehen?
Dann gibt es das Umsehen, um einen Fluchtweg zu prüfen. Dieses Wegschauen hat eine klare Absicht. Der Blick fragt: „Wo kann ich hier raus?“ Es ist kein unsicheres Meiden, sondern ein aktives Abchecken. Ein innerliches Distanzieren. Ein gedankliches Verlassen der Situation. Flucht beginnt nicht erst mit Bewegung – sie beginnt im inneren mit dem Blick auf der Suche nach dem Ausweg.
Kontrolle statt Vertrauen
Eine weitere Variante ist das „Nicht-aus-den-Augen-Lassen“. Du kannst es dir denken: Das ist kein entspanntes Umsehen. Auch kein wegsehen, in keiner Form wie bei den anderen Varianten. Ein Pferd, das seinen Menschen nicht aus den Augen lässt, tut das nicht unbedingt aus Interesse, zumindest nicht in erster Linie. Oft liegt darunter Sorge. Es möchte nichts verpassen, das gefährlich werden könnte. Anspannung und Stress sind hier meist dauerhafte Begleiter und ein Zeichen dafür, dass in der Beziehung Vertrauen fehlt und wachsen muss.
Was häufig unerkannt bleibt
Das Wegsehen, um den Kontakt zum Menschen zu meiden. Diese Form wird häufig übersehen. Ein Pferd, das von dir wegschaut, ohne sich tatsächlich etwas anderes anzusehen, zeigt möglicherweise, dass es dich in diesem Moment nicht anschauen kann. Die Absicht liegt nicht darin, sich etwas anderem zuzuwenden, sondern darin, Dich nicht hinzusehen. Dem Druck auszuweichen, der vom Menschen ausgeht – sei es Erwartung, Überforderung oder zu viel Spannung.
Dies muss nicht immer Menschen liegen. Manche Pferde können in Momenten innerer Unsicherheit den Blick des Menschen schlicht nicht halten. Deine Präsenz, deine Energie, dein Blick – all das kann in diesem Moment zu viel sein. Wie ein Mensch, der aus Unsicherheit den Augenkontakt meidet, weil er sich zu sehr gesehen fühlt.
Natürlich gibt es noch viel mehr Abweichungen der beschriebenen Situationen. Und in jedem Fall viel Grauzone neben dem schwarz oder weiß.
Um einem Pferd in diesen Entwicklungsphasen wirklich beistehen zu können, ist es entscheidend, die unterschiedlichen Arten des Wegsehens, Umsehens und Hinschauens wahrzunehmen und unterscheiden zu können. Nur dann können wir auf die Sorgen eingehen, die sich dahinter verbergen. Nur dann können wir die richtigen Fragen stellen, Antworten geben und Entwicklung ermöglichen.
Oberflächlich sehen diese Varianten für das ungeschulte Auge vielleicht gleich zumindest ähnlich aus. Der Kopf dreht sich, die Augen wandern. Doch innerlich stehen vollkommen unterschiedliche Prozesse dahinter.
Und genau hier beginnt unsere Verantwortung – nicht im Korrigieren des Kopfes, sondern im Verstehen des Blickes.
Denn wenn wir erkennen, warum ein Pferd wegschaut, können wir beginnen, Bedingungen zu schaffen, unter denen es wieder hinschauen kann. Nicht aus Zwang sondern aus Sicherheit, Vertrauen und echter Verbindung.

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