Bevor sich ein Pferd bewegt, bevor ein Muskel anspannt, bevor ein Huf einen Schritt setzt, entsteht ein Gedanke. Genau dieser Moment wird so häufig übersehen. Beine werden korrigiert, Hälse
geformt, Schultern verschoben – doch selten wird gefragt, was im Inneren des Pferdes entschieden wurde, bevor die Bewegung überhaupt ausgeführt wird.
Gutes Training beginnt nicht im Körper, sondern im Kopf. Wird nur am Äußeren gearbeitet, entsteht vielleicht Bewegung – aber kein Verständnis. Im Sinne des Pferdes zu handeln bedeutet, diesen
inneren Prozess frühzeitig wahrzunehmen, noch bevor er sichtbar wird. Alles, was folgt, hat dort seinen Ursprung – im Gedanken.
Ein Beispiel hierfür ist das Timing. Genauer gesagt: das Timing im Loslassen. Timing ist entscheidend. Wann eine Frage gestellt wird, ist oft genauso wichtig wie die Frage selbst – manchmal sogar
wichtiger. Doch auch das Beenden der Frage, das „Danke“, das Nachgeben ist von enormer Bedeutung, wenn es um Dialog und Kommunikation geht. Und genau darum sollte es im Umgang mit dem Pferd immer
gehen.
Leider wird das viel zu oft missverstanden.
Kommt das „Danke“ erst dann, wenn das Pferd die Bewegung körperlich umsetzt, um die wir gebeten haben, können dazwischen bereits viele Gedanken stattgefunden haben – Gedanken, die ein zu spät
gesetztes Feedback zur Quelle großer Verwirrung machen.
Die Reaktion, das „Danke“, sollte bereits in dem Moment kommen, in dem das Pferd den alten Gedanken loslässt. Nicht erst dann, wenn es körperlich auf unsere Bitte reagiert!
Kommt das Feedback im Weichwerden, in dem Augenblick, in dem der alte Gedanke aufgegeben wird, dann wird der Weg frei. Dann kann alles passieren. Das Pferd muss unseren Vorschlag nicht annehmen –
es darf. Es kann uns ebenso gut einen anderen Vorschlag machen. In einem Gespräch geht es darum, zu erkennen, was den anderen bewegt – nicht darum, ihn zu manipulieren, um die eigene Vorstellung
durchzusetzen.
Das ist wesentlich, wenn ehrlicher Kontakt entstehen soll. Oft höre ich dann: „Aber er macht ja nicht, was ich will!“ Ja mei, – genau darum geht es in diesem Moment gar nicht.
Geschockt? Auch das darf sein. Es geht darum, dass das Pferd eine Vorstellung loslassen kann und bereit ist, ins Gespräch zu kommen.
Wer hat den Satz „Das Richtige einfach, das Falsche schwierig – aber nicht unmöglich“ „Make the right thing easy, the wrong thing difficult, but not imposible“ wirklich in seiner ganzen Tiefe
verstanden? Bist Du Dir ganz sicher? Über Jahre hinweg durfte ich immer feinere Nuancen dieser Aussage erkennen. Hinter diesem Satz steckt weit mehr, als es zunächst scheint. Und mittlerweile
habe ich ihn für mich noch ausgebaut. Ich würde sogar noch weiter gehen:
Das Richtige entsteht dort, wo Klarheit auf innere Stimmigkeit trifft – und sich dadurch leicht und gut anfühlt.
Das Falsche wird nicht durch Härte korrigiert, sondern durch das Ausbleiben von Bestätigung bedeutungslos.
In der Realität ist es leider oft anders. Schnell wird nur auf das Sichtbare/das Offensichtliche reagiert. Ein Pferd hebt den Kopf – die Haltung wird korrigiert. Es beschleunigt – das Tempo wird
reguliert. Es hält an einer Vorstellung fest – die Hilfen werden verstärkt.
Doch selten wird die eigentliche Frage gestellt:
Welche inneren Entscheidungen hat das Pferd vor diesem Moment der körperlichen Bewegung getroffen? An welchen Gedanken hält es fest, welche lässt es los – und warum?
Bewegung ist niemals der Anfang. Sie ist das Ergebnis.
Bevor ein Körper reagiert, bewerten Gedanken, beobachten, wägen ab, ordnen ein, zweifeln oder stimmen zu. Oft wird unterschätzt, wie schnell das Fluchttier Pferd denken kann.
Wird ausschließlich am Körper gearbeitet, ohne den inneren Zustand zu berücksichtigen, entsteht Funktion – aber keine echte Überzeugung. Ein Pferd, das funktioniert, ist nicht automatisch ein
Pferd, das verstanden hat, sich gut fühlt oder Freude und Interesse empfindet.
Die Bewegung des Pferdes liefert im Umkehrschluss wertvolle Informationen über seine Gedanken. Im Sinne des Pferdes zu handeln bedeutet daher, nicht die Füße zu korrigieren, sondern die
dahinterliegenden Gedanken zu erkennen und ernst zu nehmen. Nicht die Form zu formen, sondern den inneren Zustand zu begleiten.
Dort entscheidet sich, ob echte Kooperation entsteht – oder lediglich Anpassung. Es ist entscheidend, die Gedanken des Pferdes als oberste Priorität zu erkennen und die körperliche Bewegung als
Resultat dessen zu begreifen.
Ist das schwieriger? Ich denke schon. Ist es das wert? Unbedingt.
Es eröffnet neue/andere Wege. Es gibt dem Pferd das Gefühl, als Wesen wichtig und gesehen zu sein.
Und es ermöglicht einen Dialog von enormer Qualität.

Kommentar schreiben