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Gymnastizierung um jeden Preis?

Heute habe ich mich mit einer geschätzten Freundin bei einem virtuellen Kaffee ausgetauscht. Wir sprachen über Pferde – wen wundert’s – die gesundheitliche Probleme zeigen: Kotwasser, Verspannungen, diffuse oder undefinierte Lahmheiten oder Magenproblemen und Abwehrverhalten bei dem nicht klar ist, ist es schmerz oder stress bedingt? Themen, bei denen man zunächst alles richtig macht. Der Tierarzt wird verständigt, die Physiotherapeutin kommt, ein Osteopathietermin wird vereinbart. Und doch geraten viele Pferde und ihre Menschen in eine Dauerschleife. Häufig bleibt das Problem bestehen, verschlimmert sich oder zeigt sich nach einiger Zeit an einer anderen Stelle erneut.

Dabei sind es oft weder fehlende Kompetenz noch mangelndes Bemühen. Im Gegenteil. Viele dieser Pferde werden von sehr guten Fachleuten begleitet. Und trotzdem stellt sich keine nachhaltige Gesundheit ein.

In unserem Gespräch ging es genau um diese Fälle: um Pferde, die trotz kompetenter tierärztlicher Betreuung, Physiotherapie und Osteopathie einfach nicht gesund werden. Und irgendwann fiel dieser eine Satz, klar und eindringlich:
„Du musst darüber schreiben.“

Der Anstoß für unser Gespräch war ein Video, das ich neulich gesehen hatte und von dem ich erzählte: Ein Pferd, gesattelt und gezäumt, steht alleine auf dem Reitplatz. Ohne Reiterin – sie filmte – vollzieht es mehrere Umdrehungen eines Westernspins. Der Kommentar dazu lautete: Es macht meinem Pferd so viel Spaß, dass es das ganz alleine macht.
Die Reaktionen darunter waren eindeutig: eine Fanclub-Fraktion, die das Ganze sehr lustig fand.

Mir kam spontan der Gedanke: Wie viel Drill braucht es, damit ein Pferd sich drei- oder viermal schnell um die eigene Achse dreht – ohne äußere Einwirkung? Wie viel Adrenalin ist dafür nötig? Und vor allem: Was ist die Motivation des Pferdes? Den Spaßfaktor halte ich für unrealistisch.

Nicht nur im Westernreiten werden Bewegungen aus dem natürlichen Bewegungsrepertoire von Pferden abgeleitet und weiterentwickelt. Diese Argumentation findet sich in nahezu allen Sparten der Reiterei: Es seien natürliche Bewegungsabläufe, die hier „gefördert“ würden.

Tatsächlich kennen wir viele dieser Bewegungen aus dem natürlichen Verhalten von Pferden – aus dem Spiel junger Tiere oder aus Auseinandersetzungen zwischen Hengsten. Im Kampf ist ein hohes Maß an Adrenalin notwendig, das Spiel dient oft genau dazu, solche Situationen vorzubereiten. Diese Bewegungen entstehen situativ, kurzzeitig – sie sind kein Dauerzustand.

Problematisch wird es dort, wo genau solche Bewegungsmuster im Training isoliert, technisch perfektioniert und immer wieder reproduziert werden.

Ein Western-Rollback wird im natürlichen Kontext einmal gezeigt – nicht permanent wiederholt.
Ein Spin, bei dem sich ein Pferd mehrfach in hoher Geschwindigkeit um das innere Hinterbein dreht, ist eine hochadrenaline Bewegung, keine gymnastische Grundübung. Und abgesehen von diesem Video habe ich es noch nie gesehen, dass sich ein Pferd viermal schnell im Kreis dreht. Es sei denn der Reiter fordert dies ein. Wozu auch?

Ähnliches gilt für die Piaffe. Historisch entstand sie nicht als Ausdruck von Leichtigkeit oder Entspannung, sondern aus pragmatischen Gründen: um Pferde während langer Transporte – etwa auf Schiffen oder im militärischen Einsatz – muskulär „in Bewegung“ und damit leistungsfähig zu halten, obwohl sie auf engstem Raum stehen mussten. Auch hierfür war und ist eine erhebliche innere Spannung notwendig. Adrenalin gehört unweigerlich dazu.

Wird eine solche Lektion immer wieder geübt, losgelöst von ihrem ursprünglichen Kontext und ohne Rücksicht auf das innere Erleben des Pferdes, hat das mit Gesunderhaltung wenig zu tun – auch wenn es genau so vermarktet wird. Gewünscht ist Gymnastizierung auf hohem Niveau. Eine körperliche Gesunderhaltung wird angestrebt, während das Nervensystem immer häufiger und über längere Zeiträume in Anspannung gehalten wird.
Von Ego-Erfüllung à la „Schaut mal, was ich alles kann“ ganz zu schweigen – aber davon reden wir heute nicht.

Ich frage mich, wer hier den Zusammenhang zu stressbedingten Erkrankungen nicht sehen will, wo doch bei uns Menschen längst anerkannt ist, dass Stress – im beruflichen wie im privaten Kontext – eine zentrale Rolle für viele gesundheitliche Probleme spielt. Vielleicht sogar für die meisten.

Bei unseren Pferden scheint dieses Verständnis noch immer nicht selbstverständlich zu sein. Ist es also Zufall, dass immer mehr Wert auf außergewöhnliche Bewegungen und spektakuläre Abläufe gelegt wird, die ein gewisses Grad an Stress/Anspannung erfordern– und gleichzeitig stressbedingte Erkrankungen, wie oben aufgezählt zunehmen?

Wer strebt heute noch losgelassene, entspannte Übergänge an? Solide Grundgangarten? Ausgeglichenheit in den Lektionen?
Ist es Zufall, dass der Blick für Stresssymptome immer weniger geschult wird, während starke Aufrichtung und große Beinaktion immer mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten?

Ich bin der Meinung, gute Pferdearbeit sollte gesundheitsfördernd sein. Deshalb ziehe ich, wenn ich ein neues Pferd kennenlerne, oft frühzeitig Physiotherapeutinnen hinzu – meist gibt es zunächst einiges zu tun. Doch sobald die natürlichen Selbstheilungskräfte wieder greifen, sollte Training fördernd und nicht fordernd sein, um einen gesunden Körper zu erhalten. Auf psychischer ebenso wie auf physischer Ebene.

Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder erlebt, wie wertvoll der Austausch mit Menschen ist, die sich der Gesunderhaltung von Pferden widmen – unabhängig davon, ob sie aus dem Trainings- oder Therapiebereich kommen. Sie alle eint der Wunsch, Pferde nicht nur funktionell zu betrachten, sondern sie in ihrer Gesamtheit zu verstehen.

Aus genau diesem Grund durchlaufen auch Therapeutinnen und Therapeuten mein PferdeLeben-Programm: um die Zusammenhänge zwischen psychischem Erleben, körperlichem Zustand und dem eigentlichen Pferdetraining besser zu begreifen. Nicht als Methode, nicht als Technik – sondern als ganzheitliche Betrachtung des Pferdes.

Neulich sagte eine Therapeutin, die bei mir ein Pferd behandelt hat, einen Satz, der mich nachdenklich machte. Sie meinte sinngemäß, dass sie in meinem Stall auffallend seltener Rückenprobleme bei Pferden vorfindet als in anderen Ställen zu denen sie gerufen wird – und dass es dafür einen Grund geben müsse.

Ich habe diesen Satz nicht als Kompliment verstanden, sondern als Hinweis. Als leise Bestätigung dafür, dass bestimmte Wege offenbar Wirkung zeigen. Nicht, weil sie spektakulär sind, sondern weil sie dem Pferd Raum geben: für Klarheit, für Regulation, für innere wie äußere Balance.

Vielleicht geht es am Ende gar nicht um mehr Technik, mehr Ausdruck oder spektakulärere Bilder.
Vielleicht geht es um weniger. Weniger Adrenalin. Weniger Daueranspannung.
Weniger Rechtfertigungen für Dinge, die sich gut verkaufen, aber schlecht regulieren lassen.

Vielleicht sollten wir uns wieder öfter fragen, wie es sich für das Pferd anfühlt, statt nur, wie es von außen aussieht. Ob ein Körper gerade wirklich gesund arbeitet – oder nur funktioniert. Ob ein Nervensystem in Balance ist – oder gelernt hat, dauerhaft Spannung auszuhalten.

Gesunde Pferdearbeit ist für mich keine Frage der Disziplin oder der Reitweise. Sie zeigt sich nicht im Applaus am Rand, sondern im Alltag: in ruhigen Augen, in weichen Übergängen, in Körpern, die nicht ständig kompensieren müssen.

Und vielleicht ist genau das der unbequemste Gedanke von allen:
Dass echte Gesunderhaltung oft unspektakulär ist, still und leise und gerade deshalb so wertvoll.

 

 

 

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