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Eine Unterrichtseinheit im Sinne des Pferdes

Unsere vierjährige Stute zeigt Stresssymptome, wenn sie angebunden ist. Das äußert sich im Schnicken mit dem Kopf oder dem nach vorne Austreten mit einem der Vorderhufe oder auch mal mit dem Scharren am Boden.

Wir (ja, wir sind zwei Besitzerinnen) bemerken, dass sie Unruhe bereits beim Vorgang des Anbindens zeigt.

 

Und das, obwohl sie im Verlauf ihrer Ausbildung schon gelassen angebunden an verschiedenen Orten stehen konnte. Wo kommt das her? Vielleicht war es der letzte Tierarztbesuch, vielleicht haben wir kleine Zeichen des Stresses nicht als solche wahrgenommen, sind zu oft darüber hinweg gegangen und haben sie einfach geputzt? Vielleicht ist es aber auch etwas ganz anderes? Die Suche nach der Ursache ist für die Bearbeitung des Problems aber oft gar nicht hilfreich, zumindest nicht im Moment des Dialogs mit dem Pferd. Zweifel, Sorge ums Pferd, Ärger über sich selbst besetzen im schlechtesten Fall Gedanken im Kopf, den ich frei haben muss, um klar mit meinem Pferd in den Dialog treten zu können. Das habe ich schon von Simone gelernt und es ist wahr.

 

Wir verabreden uns mit Simone also zu einer Unterrichtseinheit. Ich habe mir am Putzplatz alles Mögliche, was ich im Verlauf der Stunde brauchen könnte, ordentlich zurechtgelegt. Es sieht aus wie die vorbereiteten Instrumente in einem Operationssaal.

Ein Fähnchen, ein Hufauskratzer, drei unterschiedliche Bürsten, zwei verschiedene Spritzen, ein Stethoskop (ja, wir üben mit ihr u.a. den Besuch des Tierarztes)

Ich weiß ja nicht, was ich evtl, brauchen könnte und ich will vorbereitet sein und unsere Stute nicht alleine angebunden stehen lassen müssen.

Simone nimmt dies schmunzelnd zur Kenntnis und macht direkt mal ein Foto von meiner „Hagglebaasch“, wie sie es nennt.

 

Vor jedem Unterricht nimmt Simone sich Zeit, um mit uns zu besprechen, wo wir gerade stehen, woran wir in der letzten Zeit gearbeitet haben und ob es irgendwelche Probleme gibt, die wir erkannt haben: „Sie hat also ein Problem beim Anbinden. Lass uns mal darauf achten, wo sie beginnt, Stresssymptome zu zeigen. Eventuell ist das ja schon viel früher.“

 

Es war viel früher, nämlich bereits beim Aufhaftern. Häufiges Blinzeln, Zucken der Lippen, Unruhe im Kopf. Oha, das fängt ja gut an!

 

Ich führe die Stute aus der Herde und als sie am Tor drängelt, schicke ich sie zwei Schritte zurück.

„Achte darauf, dass sie nicht mechanisch wird in der Antwort. Variiere Deine Frage: Kannst Du schnell oder langsam rückwärts gehen.“

Ich versuche es erneut.

„Stelle ihr eine Frage, die anspruchsvoller ist, bei der sie die Antwort nicht schon in und auswendig kennt.“

Ich überlege. Simone gibt Hilfestellung:

„Frag sie: Kannst Du den rechten Hinterfuß untersetzen?“ Die Stute bewegt alle Füße; den rechten Hinterhuf zuletzt. „Bleib dran, damit sie aussortieren kann.“ Nach einigen Wiederholungen schaffen wir es.

Oft habe ich Schwierigkeiten damit, den richtigen Moment zum Aufhören zu finden. Und das Timing ist entscheidend. „Achte darauf, wann sie weich wird! Wann sie Dir weich folgen kann.“

Simone erklärt geduldig: „Ich möchte euch Möglichkeiten zeigen, wie ihr Fragen stellen könnt, wie ihr besser mit ihr in den Dialog kommen könnt. Heute wirst nur Du etwas Lernen, nicht sie!“

 

Ich gehe durch das Tor Richtung Putzplatz. Ich versuche wahrzunehmen, wie mein Pferd mir folgt, wie sie sich fühlt, welche Antworten sie gibt.

Doch Simone will heute noch mehr: „Du musste jetzt lernen, ihr beim Finden der Antwort zu helfen wie eine nette Lehrerin. Es ist kein Test, in dem Du eine Frage stellst und sie muss allein die richtige Antwort finden. Führe sie, hilf ihr dabei.“

 

Beim Prozess des Lernens, kann man immer nur das sehen, verstehen und umsetzen, was man von seinem jetzigen Kenntnisstand begreifen KANN. Das Lernen mit Simone ist als würde man eine Zwiebel schälen. Anfangs ist man ganz außen und nach und nach blättert man immer eine neue Schicht ab mit neuen Erkenntnissen, neuen Fähigkeiten zu sehen und zu fühlen, einem neuen Anspruch an sich selbst. Es ist ein Erkennen und Verändern, ein Loslassen und Wachsen, ein Neugewinn mit Tiefgang für sich selbst und damit für das Miteinander mit dem Pferd.

 

Rückblickend und hier im Text natürlich stark vereinfacht und verkürzt zusammengefasst würde ich die einzelnen Schalen im Erlernen des Dialogs mit dem Pferd so beschreiben: Am Anfang habe ich gelernt meinem Pferd überhaupt Fragen zu stellen und Vorschläge zu machen. Das war der Beginn unseres Gesprächs. Dann habe ich gelernt, die Antworten des Pferdes auch als solche zu erkennen und wahrzunehmen und im nächsten Schritt darauf richtig und angemessen zu reagieren: Muss ich die Frage eventuell erneut auf eine etwas andere Art stellen? War ich klar genug oder werde ich hart? Wann kann ich danke sagen und die nächste Frage stellen?

Und nun werde ich also lernen können, dem Pferd bei der Antwort zu helfen, ihm helfen, die richtige Lösung zu finden. Es klar und einfühlsam führen lernen. Getreu dem Motto: Mach das Richtige einfach und das Falsche schwierig. Und das ist in der Praxis gar nicht so leicht.

 

Das Lernen KÖNNEN ist vergleichbar damit wie es ist, wenn man ein Buch mit 16 Jahren liest und dann dasselbe Buch noch einmal dreißig Jahre später. Es kommt einem vor wie ein anderes, ein neues Buch. Und so ist es auch mit diesem Lernprozess. Er lässt sich nicht abkürzen. Es ist eben der Weg. Und der kann manchmal sehr anstrengend und steil sein, manchmal auch ganz viel Freude bereiten und richtig Spaß machen. Vor allem, wenn man ihn gemeinsam mit anderen geht.

 

Und hat unser Pferd heute wirklich nichts gelernt?

 

Wir haben den Vorgang des Anbindens in die kleinstmöglichen Schritte zerlegt. Wir haben dem Pferd die Möglichkeit gegeben selbst herauszufinden, dass dabei nichts passiert, was es stressen müsste.

Dafür habe ich zunächst so lange meinen Arm gehoben und wieder gesenkt, bis unsere Stute dabei entspannt dastehen konnte. Ich habe so lange den Strick durch die Anbinde Öse gefädelt, bis sie gemerkt hat, dass sie das nicht stressen muss. Ich habe so lange einen Knoten gemacht und wieder geöffnet, bis sie bemerkte, dass sie da entspannt bleiben kann, weil ja weiter nichts passiert. Zwischendurch in den gelassenen weichen Momenten habe ich sie einige Schritte bewegt, damit sie nachdenken und verarbeiten kann. Und nach zwanzig Minuten in einem solchen gelassenen weichen Moment ohne Anspannung habe ich sie losgebunden und in die Herde zurückgeführt.

 

Und wie habe ich ihr nun heute bei der Antwort geholfen? Ich habe ihre Stressanzeichen wahrgenommen und bin nicht darüber hinweg gegangen. Ich habe den Vorgang des Anbindens in die kleinsten Einheiten unterteilt und so lange wiederholt, bis sie das entspannt mitmachen konnte. Wir waren im Dialog.

 

Ich denke wir haben heute beide viel gelernt.

 

Und was ist mit meinem Sammelsurium an Gegenständen, die ich zurechtgelegt hatte? Ich habe heute genau nichts davon benötigt. Auch das hat mit Loslassen zu tun. Loslassen des Planes, den man sich im Kopf bereits zurechtgelegt hatte. Auch das kann man üben und lernen und dann ist man bereit, immer wieder neu zu sehen, was DIESES eine Pferd heute und IN DIESEM MOMENT tatsächlich BRAUCHT!

 

Eine dankbare Schülerin

 

 

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