Worum es hier NICHT geht
Dieser Text ist keine Diskussion darüber, ob Leckerlis richtig oder falsch sind. Und er ist auch kein Plädoyer gegen Menschen, die gerne mit Futter arbeiten. Er richtet sich nicht an Überzeugte – egal auf welcher Seite. Menschen dürfen unterschiedliche Wege gehen. Wer mit Leckerlis arbeitet und sich dabei stimmig fühlt, darf diesen Weg gehen.
Also um was geht es dann in diesem Text?
Dieser Text richtet sich an diejenigen, die aus einem inneren Impuls heraus spüren: Ich möchte meinem Pferd nicht über Belohnung begegnen. Nicht aus Prinzip. Nicht aus Ideologie. Sondern aus einem Gefühl von Stimmigkeit heraus.
Immer wieder erlebe ich, wie meine Worte anders gelesen werden, als sie gemeint sind. Wie Diskussionen entstehen, wo eigentlich etwas ganz anderes angesprochen werden wollte. Wie Rechtfertigungen folgen, obwohl keine Erklärung eingefordert wurde. Und wie Gegenangriffe entstehen, obwohl nie angegriffen wurde.
Auch wenn ich explizit darum bitte, diesmal nicht über Leckerli ja oder nein zu sprechen, wird genau dieses Pro-und-Contra erneut aufgemacht. Die Gegenstimme wird dabei oft so laut, dass unsichere Stimmen noch unsicherer werden, leise Stimmen verstummen – und suchende Menschen sich zurückziehen.
Deshalb möchte ich es diesmal ganz klar sagen:
Dieser Text ist für Menschen, die den Weg ohne Leckerli suchen – und sich dabei noch unsicher fühlen.
Für die Leisen und die Suchenden
Wer spürt, dass er Beziehung nicht über Tausch gestalten möchte, darf einen anderen Weg wählen. Nicht, um etwas zu beweisen. Nicht, um „mehr wert“ zu sein. Sondern um dem eigenen inneren Gefühl zu folgen.
In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die leiser werden, sobald es um die Frage geht, ob man mit Pferden auch ohne Leckerlis arbeiten kann – oder vielleicht sogar möchte. Nicht, weil sie keine Haltung hätten. Sondern weil sie unsicher sind.
Weil sie spüren, dass sie sich nach einer Beziehung sehnen, die nicht auf Tausch basiert – und gleichzeitig Angst haben, ihrem Pferd damit etwas wegzunehmen.
Dann höre ich Sätze wie:
- „Ich möchte eigentlich ohne Leckerlis arbeiten, aber ich weiß nicht, ob das fair ist.“
- „Ich habe das Gefühl, mein Pferd macht dann weniger gern mit.“
- „Ich will nicht hart sein.“
- „Ich möchte mein Pferd nicht enttäuschen.“
Diese Sätze höre ich nicht von Menschen, denen Beziehung egal ist. Ich höre sie von Menschen, denen sie besonders wichtig ist.
Der innere Konflikt, den viele nicht aussprechen
Viele Menschen stehen heute zwischen zwei Polen:
Auf der einen Seite steht das Wissen um Lerntheorie, Motivation und positive Verstärkung. Auf der anderen Seite steht ein tiefes Bedürfnis nach echter Begegnung.
Dazwischen entsteht ein innerer Konflikt:
- Bin ich unfair, wenn ich kein Futter einsetze?
- Verlange ich dann etwas umsonst?
- Ist mein Pferd dann weniger motiviert – oder weniger gesehen?
Diese Fragen entstehen nicht aus Mangel. Sie entstehen aus Verantwortungsgefühl.
Was Beziehung ohne Leckerli in meiner Arbeit bedeutet
Wenn ich von Beziehung ohne Futter spreche, meine ich keinen Verzicht. Ich meine auch kein „besser“, „reiner“ oder „echter“ im moralischen Sinn.
Ich meine eine Beziehung, die sich nicht über Anreize organisiert, sondern über:
- Präsenz
- Klarheit
- Verlässlichkeit
- emotionale Ruhe
- echtes Wahrnehmen des Pferdes
Das bedeutet:
Das Pferd folgt nicht, weil etwas in Aussicht steht. Sondern weil der Mensch Orientierung gibt. Orientierung in Form von Klarheit – und Klarheit gibt Sicherheit.
Ja, das ist enorme Arbeit an sich selbst. Oft mehr als Arbeit am Pferd. Es geht darum, die Qualität des Miteinanders so hoch zu schrauben, dass das Pferd sich für den Dialog entscheidet, obwohl kein äußerer Lohn im Spiel ist. Kein Gehalt.
Würde ich meinen Partner oder meine beste Freundin dafür bezahlen, Zeit mit mir zu verbringen – wäre es dann noch dieselbe Qualität, wie wenn es ohne Gegenleistung geschieht?
Dieser Weg ist nicht einfacher – und das darf gesagt werden
Beziehung ohne Leckerli ist kein schneller Weg. Er verlangt Selbstreflexion, Kreativität, Geduld – und vor allem Ehrlichkeit mit sich selbst und viel Ausdauer. Man kann fehlende Motivation durch etwas Materielles überdecken. Beziehung nicht. Das ist unbequem. Und genau deshalb zweifeln viele an sich. Nicht, weil sie zu wenig wissen. Sondern weil sie sehr genau spüren, was es braucht – und wie anstrengend die Arbeit an der eigenen Klarheit und inneren Haltung manchmal ist.
Und doch empfehle und unterstütze ich Menschen auf diesem Weg. Denn er beinhaltet eine andere Qualität des Miteinanders.
Eine wichtige Entlastung
Wenn du ohne Futter arbeiten möchtest und dich dabei unsicher fühlst, dann liegt das nicht daran, dass du deinem Pferd etwas verweigerst. Es liegt vielleicht daran, dass du nicht von einem Extrem ins andere wechseln möchtest. Dass dir Ideen und Werkzeuge fehlen, um diesen Weg pferdegerecht und fair zu gestalten. Dass du zweifelst, ob dein Pferd bei dir bleibt, auch wenn nichts in deiner Tasche ist. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Das berührt manchmal auch unser Ego. Denn es ist eine Beziehungsfrage. Beziehung zu mir selbst – und Beziehung zu meinem Pferd.
Koexistenz statt Kampf
Ohne Futterlob ist nicht gleich Dominanz.
Es geht hier nicht darum, den Weg über Dominanz zu gehen. Ganz im Gegenteil.
Auch durch Futterlob kann Abhängigkeit und (Erwartungs)Druck entstehen – besonders bei einem Wesen, dessen Alltag zu großen Teilen aus Futtersuche besteht und das nicht immer optimal versorgt ist. Diese Argumente werden häufig in der Verteidigung von Futterlob angeführt.
Wer Pferde im sozialen Kontakt beobachtet, erkennt jedoch schnell: Es gibt eine Zeit für Fressen – und eine Zeit für Beziehung. Beides hat seinen Platz. Es findet jedoch selten gleichzeitig statt.
Eine Einladung
Wenn du dich in diesem Text wiederfindest, wenn du leise suchst statt laut zu verteidigen, wenn du spürst, dass Beziehung für dich mehr ist als Motivation mit Goodies, dann bist du nicht falsch.
Du musst nichts rechtfertigen. Du darfst lernen. Du darfst zweifeln. Und du darfst deinen eigenen Weg finden.
In Beziehung. Ohne Tausch. Im Sinne des Pferdes.
Dieser Text muss nicht diskutiert werden. Er darf einfach wirken.
Wenn er etwas in dir berührt hat, dann reicht das.
Du musst nichts erklären, nichts verteidigen und niemanden überzeugen.
Beziehung beginnt dort, wo wir uns selbst ernst nehmen – und leise bleiben dürfen.
Im Sinne des Pferdes.

Kommentar schreiben