Die Kommentare unter meinem Post mit der kaputten Sonnenbrille (https://www.facebook.com/share/p/1Q1d8SCxss/?mibextid=wwXIfr) haben mir gezeigt, dass Menschen durchaus bewusst ist, dass es oft die Liebe zum Leckerli ist, die das Pferd dazu motiviert, uns Aufmerksamkeit und Zeit zu schenken.
Um ehrlich zu sein, hat mich das sogar etwas überrascht. Ich hätte eher damit gerechnet, dass mehr Einwände kommen würden, die mir zeigen, wie falsch ich doch liege mit der Behauptung, dass für das Pferd das Futter oberste Priorität hat – und nicht wir als Mensch.
„Natürlich liebt mein Pferd meinen Tascheninhalt mehr und nicht mich als Mensch!“
„Mir sind die Motive, warum das Pferd zu mir kommt, egal – Hauptsache, es kommt!“
Genau hier fangen für mich entscheidende Fragen an. Denn mir sind die Motive, die das Pferd dazu bringen, zu mir zu kommen, keineswegs egal.
Mein Ziel ist es, für mein Pferd wichtig zu sein, dass es mich als Individuum wahrnimmt und nicht nur als Futterquelle.
Ich frage mich, ob Menschen, die konsequent mit Leckerli arbeiten, überhaupt wissen, dass es auch ohne funktionieren würde. Dass es Herangehensweisen gibt, die es
ermöglichen, für das Pferd Bedeutung zu haben, ohne Leckerli als Belohnung
Sollte es wirklich egal sein, warum das Pferd zu uns kommt? Oder redet man sich das nur schön, weil man keine Alternative kennt? Weil es der schnellere, einfachere Weg ist?
Die Behauptung, ein Pferd würde auf einer großen Wiese mit stabiler Herde und gutem Gras nicht zu uns kommen, wenn wir in seinen Augen nicht mit Futter verbunden
wären, sagt weniger über das Pferd aus als über die Beziehung, die wir aufgebaut haben.
Es ist eine sehr realistische Einschätzung für viele Mensch-Pferd-Beziehungen.
Dies gilt es zu erkennen – deshalb mein Artikel mit der rosaroten Brille.
Wenn man dies einmal erkannt und akzeptiert hat, was macht man dann mit dieser Erkenntnis? Wenn wir diesen Gedanken weiterdenken, wenn es dazu eine Fortsetzung gibt, dann kommen wir als Mensch
und Pferdebesitzer eigentlich nicht gut weg.
Da tauchen sehr viele Fragen für mich auf.
Wenn der Mensch weiß, dass die Beziehung des Pferdes zum Leckerli stärker ist als die Beziehung zum Menschen – und der realistische Mensch weiß, dass er sich da nichts vormachen braucht – warum
würde er dies anstreben?
Warum haben so wenige den Wunsch oder den Mut, dies zu ändern?
Ja, ich bin sicher: Es kostet Mut. Denn wenn man sich offiziell gegen den Weg der Leckerli entscheidet, muss man auch große Kritik der Befürworter aushalten.
Ist es vielleicht ein Mangel an Alternativen? Ein Mangel an Ideen? Oder weil es zu mühselig ist, seine Methode neu zu gestalten?
Jeder, der Pferde mit Hilfe von Leckerli ausbildet, sollte sich auch bewusst sein, dass Leckerli ihre Grenzen haben. Zum Beispiel, dass viele Pferde aufhören zu fressen, wenn das Stresslevel
steigt. Und dann? Dann vermittelt der Futterautomat Klarheit und Sicherheit?
Da ich schon viele Beiträge über dieses Thema geschrieben habe, möchte ich hier gerade nicht auf das Für und Wider von Leckerli eingehen.
Viel lieber würde ich Antworten auf meine wirklich ehrlich gemeinten Fragen bekommen.
Denn ich glaube nicht, dass wir nur Gefängniswärter sind. Und ich glaube nicht, dass alles, was ein Pferd bei uns zeigt, bloß Anpassung oder „Sklavenliebe“ ist.
Hier fällt mir der Satz ein, den mein Lehrer Harry Whitney oft gesagt hat:
„The horse doesn’t love us for who we are, but for how we make them feel.“
Ja, es stimmt: Das Pferd liebt uns nicht, weil wir sind, wer wir sind.
Wenn es uns liebt oder mag oder Zuneigung für uns empfindet, dann aufgrund des Gefühls, das wir in ihm auslösen.
Aber diese Erkenntnis allein genügt nicht. Dieses Wissen allein ist nicht genug.
Es bildet den Grundstock, den Anfang einer Reise – und nicht ihr Ende.
Die entscheidende Frage bleibt:
Wissen Menschen, dass es möglich ist, ein Pferd vollständig ohne Leckerli artgerecht zu trainieren und eine Beziehung aufzubauen, in der Nähe und Zuneigung, nicht gekauft oder bestochen, sondern
ermöglicht wird?
Halten wir am Futter fest, weil wir Angst haben zu entdecken, wie wenig wir unserem Pferd sonst anzubieten haben?
Oder ist es die unbewusste Angst, weniger geliebt zu werden?
Es sind ungemütliche Fragen, die ich hier stelle.
Es ist leicht, sie schnell wegzuwischen und am Futterlob und an den Leckerli festzuhalten. Vor allem, weil man bestätigt bekommt, dass man mithilfe von Leckerli sehr schwierige Pferde ganz
schnell zur Kooperation bewegen kann.
Mit der Erklärung, dass das eigene Pferd gut damit zurechtkommt, dass man lediglich auf Futterhöflichkeit achten muss – dann ist alles okay. Und weil es alle machen, muss es doch richtig
sein.
Ich möchte niemandem seine Überzeugung nehmen.
Wenn Leckerli die eine große Wahrheit sind, dann sei es so.
Aber wenn es hier die ein oder den anderen gibt, der sich darüber schon einmal wirklich bis in die Tiefe Gedanken gemacht hat, dann würde ich mich über Austausch freuen.
Nicht die Diskussion „Leckerli – ja oder nein“ interessiert mich.
Ich kenne die vielen Argumente für Futterlob. Und sie überzeugen mich nicht.
Ich möchte wissen: Wer arbeitet ohne?
Wer geht den Weg, der einen oft an sich zweifeln lässt, der nichts fürs Ego ist, der immer wieder herausfordert?
Den Weg, der dann aber auch das Herz öffnet, wenn die Zuneigung echt ist, das Interesse ehrlich und die Aufmerksamkeit wirklich dir
gehört.
Für mich ist klar:
In meiner Beziehung zu meinem Pferd möchte ich Bedeutung haben und nicht auf die Rolle eines Futterautomaten reduziert werden.

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