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Meine Brille scheint kaputt zu sein

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Ich sehe Pferde, die im Galopp kommen, sobald sich ihr Mensch dem Zaun nähert. Menschen fühlen sich geschmeichelt, freuen sich über diese vermeintliche Zuneigung und erzählen mir, wie sehr ihr Pferd sie liebt. Wenn ich genauer hinschaue, sehe ich oft etwas anderes: Erwartungshaltung, Spannung im Körper, manchmal sogar Stress. Der Blick bleibt nicht beim Menschen, sondern wandert zur Tasche, zur Hand, zum Tor – in der Hoffnung auf Futter.

Und bevor jetzt der Einwand kommt, dass man ja nicht jedes Mal oder schon lange kein Futter mehr mitbringt: Glaub mir, Pferde besitzen die Fähigkeit, sich solche Zusammenhänge sehr lange zu merken. Sehr viel länger, als wir es oft wahrhaben wollen.

Ich höre Geschichten von Pferden, die bereits scharrend und wiehernd im Paddock stehen, sobald die Besitzerin auf den Hof fährt. Aus Sicht der Besitzerin: Mein Schnuckel freut sich, wenn ich komme. Er erkennt sogar mein Auto.
Wenn ich hinschaue, sehe ich oft ein Pferd, das 22 Stunden am Tag in einer Box mit kleinem Paddock steht und jede Form von Abwechslung dankbar annimmt. Ich frage mich dann: Würde sich dieses Pferd genauso verhalten, wenn es auf einem Paddocktrail mit zehn anderen Pferden und ausreichend Futter stünde? Wenn es den Menschen, der kommt, nie mit Futtergabe oder Abwechslung verknüpft hätte?

Ich behaupte nicht, dass es diese Art von Verbindung nicht gibt. Ich möchte lediglich hinterfragen, ob es in jedem Fall wirklich Verbindung ist – oder ob wir uns aus Wunschdenken oder fehlender Selbstreflexion manchmal selbst etwas erzählen. Und ja, trotzdem werden wir wieder Berichte bekommen, dass es bei ihren Pferden ganz anders sei: Sie hätten noch nie etwas bekommen und freuten sich einfach, weil sie ihre Menschen so lieben. Das streite ich nicht ab. Für alle anderen möchte ich Bewusstsein schaffen.

Erst heute gab es dafür ein schönes Beispiel. Eine Besitzerin erzählte voller Freude, ihr Pferd würde sie wohl schon an ihrem Gang erkennen und sofort kommen. Für sie ein Moment von Nähe. Als wir gemeinsam hinschauten, zeigte sich ein anderes Bild: Das Pferd kam, blieb jedoch unter Spannung, lief auf und ab, der Körper angespannt, der Blick suchend. Erst als ich die Anspannung benannte, konnte sie sie selbst wahrnehmen. Nicht aus Unwissenheit und nicht aus Gleichgültigkeit – sondern weil wir Menschen Nähe oft mit Zuneigung gleichsetzen, während Pferde etwas anderes zeigen.

Das ist kein Vorwurf. Es geschieht nicht aus Ignoranz. Es geschieht, weil wir Menschen mit unseren Gefühlen schauen – und Pferde mit ihrem Nervensystem antworten. Pferde reagieren nicht auf unsere Absichten, sondern auf das, was sie gelernt haben, was sie erwarten, was in ihnen Spannung erzeugt oder Sicherheit gibt. Nähe bedeutet für ein Pferd nicht automatisch Entspannung. Und Kommen heißt nicht zwangsläufig Verbindung.

Ich sehe nervöse Pferde, die nicht zur Ruhe finden, deren Körper ständig in Bewegung ist, deren Atmung flach bleibt. Menschen streicheln sie, sprechen leise, wollen beruhigen und meinen es gut. Doch dieses Pferd bräuchte in diesem Moment keine sanften Worte, sondern einen Menschen, der klar ist, Sicherheit vermittelt und Orientierung gibt. Einen Menschen, der trägt und führt – statt mitzuschwingen und mitzuleiden.

Ich sehe Pferde, die drängeln, schieben, keinen Abstand halten. Oft höre ich dann, wie anhänglich sie seien, wie verspielt, wie sehr sie den Kontakt suchten. Wenn ich hinschaue, sehe ich Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und fehlende Grenzen. Ein Pferd, das Führung sucht, weil es sie nicht spürt.

Ich höre auch immer wieder von hochsensiblen Pferden, die „mit Druck gar nicht umgehen können“. Wenn ich nachfrage, wie in den Momenten damit umgegangen wird, in denen das Pferd auf feine Signale nicht reagiert, ernte ich häufig fragende Blicke.
Was ich dann sehe, ist oft kein sensibles Pferd – sondern ein überfordertes. Ein Pferd, das in den Raum des Menschen hineindrängt, nicht ausweicht, Grenzen überschreitet. Nicht aus Dominanz, sondern aus Ermüdung. Weil Reaktion sich nicht mehr lohnt. Weil das Programm immer gleich bleibt: einmal vorwärts abgespult, beim nächsten Mal rückwärts. Ohne echte Orientierung, ohne nachvollziehbare Konsequenz, ohne Veränderung im inneren Bild des Menschen.

Und ich sehe Pferde, die als tiefenentspannt beschrieben werden. Der Kopf hängt, die Augen sind halb geschlossen, der Körper wirkt ruhig. Menschen sind erleichtert, weil endlich Ruhe eingekehrt ist. Manchmal sehe ich Resignation. Nach unendlich vielen Monologen. Nach all den Momenten, in denen dieses Pferd versucht hat, sich mitzuteilen – und gelernt hat, dass seine Signale keine Antwort bekommen. Dass Anpassung einfacher ist als herauszufinden, was der Mensch eigentlich von ihm möchte.

Vielleicht ist meine Brille wirklich kaputt.
Oder vielleicht schauen wir einfach durch sehr unterschiedliche Gläser.

Pferde fühlen nicht menschlich. Sie denken nicht menschlich. Und sie brauchen keine menschlichen Antworten auf pferdische Fragen. Vermenschlichung entsteht oft aus Liebe, aus dem ehrlichen Wunsch heraus, es gut zu machen. Doch sie nimmt Pferden manchmal genau das, was sie am dringendsten brauchen: Klarheit, Verlässlichkeit und echte Sicherheit.

Ein Pferd fühlt sich nicht gesehen, weil wir es streicheln oder beruhigen. Es fühlt sich gesehen, wenn wir bereit sind, wirklich hinzuschauen, Verhalten einzuordnen und Verantwortung zu übernehmen – auch dann, wenn das bedeutet, unsere eigene Brille infrage zu stellen, statt unser Ego mit der erhofften Liebe des Pferdes zu füttern.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese rosarote Brille kurz abzusetzen.
Eine Brille, die den Bedürfnissen der Pferde nie gerecht wird.
Und neu hinzusehen.

Im Sinne des Pferdes.

 

 

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