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Muss man Stillstehen beibringen?

Ich möchte nicht auf all die Diskussionen eingehen, die momentan im Netz rund um ein Video zum Stillstehen von Pferden unter dem Reiter kursieren. Auf den verschiedenen Plattformen ist dazu bereits alles gesagt worden.

Und dennoch hat mich das Thema inspiriert – vielleicht gerade deshalb.

Im Umkehrschluss stellt sich für mich eine viel grundlegendere Frage:
Was bedeutet Bewegung eigentlich für das Lauftier Pferd?

Bewegung ist ein zentrales Regulationsinstrument des Nervensystems. Laufen hilft dem Pferd, Erregung abzubauen, innere Spannung zu sortieren und Eindrücke zu verarbeiten. Viele Reize lassen sich in Bewegung deutlich besser integrieren als im Stillstand.

Was aber hier auch erkannt werden sollte, das Pferd läuft weil es das gerade braucht. Man sollte auch die Ursache erkennen: es tut es zum regulieren des Nervensystems, das ist die Ursache, würde es also nützen, das Symptom „Laufen“ zu verhindern? Auch Denken wird beim Pferd häufig durch Gehen unterstützt – kognitive Prozesse sind eng mit Bewegung verknüpft. Stillstehen unter innerem Druck kann für ein Pferd wesentlich herausfordernder sein als ein kontrolliertes Vorwärtsgehen. Und auch hier wieder: woher kommt der innere Druck? Dies gilt es zu verarbeiten, nicht das Symptom Laufen!

Auch soziale Kommunikation findet beim Pferd überwiegend in Bewegung statt. In der Herde werden Entscheidungen, Richtungswechsel und Spannungen meist im Gehen oder Traben geklärt, nicht im starren Verharren. Dazu kommt, dass Verdauung und Stoffwechsel auf kontinuierliche Bewegung ausgelegt sind: Das natürliche Fressverhalten besteht aus langsamem, stetigem Laufen mit gleichzeitiger Futteraufnahme. Längerer Stillstand widerspricht diesem biologischen Rhythmus.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Laufen für Pferde häufig keine Form von „Weglaufen“ ist, sondern ein Akt der Selbstregulation. Viele Pferde bewegen sich nicht aus Ungehorsam, sondern um sich emotional wie körperlich zu organisieren und innere Unruhe zu regulieren.

Auch Lernen braucht Durchlässigkeit. Ein Pferd, das sich bewegen darf, bleibt mental offen. Bewegung kann Lernblockaden lösen, während erzwungener Stillstand diese oft noch verstärkt.

Sollte ein Pferd dennoch auch einmal stillstehen können?
Ja, unbedingt.
Muss man es ihm beibringen?
Ich denke nicht. Das wäre der falsche Denkansatz.

Wenn ich auf meine letzten 30 Jahre mit Pferden zurückblicke, erinnere ich mich an genau ein Pferd, bei dem ich bewusst an der Fähigkeit des Stillstehens gearbeitet habe – allerdings nicht, indem ich es stillstehen ließ. Ganz im Gegenteil: Ich habe es bewegt. Und nicht in hohem Tempo damit es müde wird! Sondern ruhig und im Schritt.  Im Bewegen habe ich hingehört, habe über Führung und Klarheit geholfen, innere Ruhe zu finden, habe gewartet, bis vom Pferd selbst die Frage in Richtung Stillstehen kam. Erst dann habe ich ihm vorgeschlagen, stehen zu bleiben – und dieses Angebot wurde freudig angenommen.

Und noch bevor es nicht mehr stillstehen konnte, habe ich ihm wiederum Bewegung vorgeschlagen. Ganz nach dem Prinzip: Stärken stärken.
Fühlt sich ein Pferd gut geführt, gesehen und verstanden, beginnt es zunehmend länger auf meine Bitte, meinen Vorschlag weiterzugehen, zu warten. Es entwickelt Vertrauen – Vertrauen darin, dass ich nicht zu viel verlange, dass ich Situationen einschätzen kann und sein Wohlbefinden im Blick habe. Mit diesem Vertrauen wächst Gelassenheit, das Gefühl von Sicherheit und das Erleben, gut geführt zu werden. Das Ergebnis ist ein Pferd, das immer länger entspannt stillstehen kann, bis es wieder weitergeht.

Der Ansatz ist also nicht, dem Pferd Stillstehen aufzuzwingen, damit es „lernt“, dass es das kann. Denn was dabei häufig entsteht, ist kein echtes Verstehen, sondern ein Aushalten. Äußerlich mag das Pferd ruhig wirken, innerlich bleibt es jedoch oft in Spannung oder zieht sich zurück. Das Vertrauen in mich als Reiter, dem das Wohlbefinden des Pferdes am Herzen liegen sollte, geht dabei schleichend verloren. Das Pferd befindet sich dann in einer Situation, in der es dominiert, nicht geführt wird.

Der eigentliche Ansatz besteht darin, das Pferd in eine psychische und emotionale Verfassung zu begleiten, in der Ruhe überhaupt erst möglich wird. Wenn das Nervensystem reguliert ist, wenn Orientierung, Sicherheit und Klarheit vorhanden sind, entsteht Stillstehen nicht als antrainierte Lektion, sondern als natürliche Folge dieses inneren Zustands.

In diesem Moment steht das Pferd nicht, weil es muss, sondern weil es kann. Weil es keinen Grund mehr gibt, sich über Bewegung zu organisieren oder Spannung abzubauen. Stillstehen wird damit zu einer eigenen Entscheidung des Pferdes und nicht zu einem Verhalten, das unter Druck abrufbar ist. Und genau dann ist Stillstehen möglich – und entspannt.

Der Unterschied liegt also nicht im sichtbaren Ergebnis, sondern im inneren Prozess. Zwischen äußerer Kontrolle und innerer Kooperation. Ein Pferd, das innerlich angekommen ist, bleibt stehen, weil es sich sicher fühlt – nicht, weil es gelernt hat, dass Weggehen unmöglich gemacht wird.

Es ist einmal mehr die Intention und der Ansatz, die grundlegend unterschiedlich sind. Es geht nicht darum, einem Pferd Losgelassenheit, Entspannung, Go oder eben kein Go beizubringen. Es geht darum, ihm zu helfen, in eine psychische Verfassung zu kommen, in der all das möglich wird – weil es dem entspricht, was es von Natur aus kann.

Wenn ich höre, man bringe einem Pferd Stillstehen bei, indem man es dazu zwingt, stillzustehen, möchte ich ehrlich sagen:
Setzen, sechs. Thema verfehlt.

 

Und jetzt lade ich euch ein, darüber zu sprechen, Fragen zu stellen und in den Dialog zu gehen – damit mehr Bewusstsein für die Bedürfnisse der Pferde in die Welt kommt.

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