Alles, was du tust – und alles, was du nicht tust – ist ein Dialog mit deinem Pferd.
Alles, was es tut – und alles, was es nicht tut – ist eine Frage an dich, eine Antwort auf deine Frage oder beides zugleich.
Je länger ich über diese Sätze nachdenke, desto mehr zweifle ich daran, dass wir Menschen das volle Ausmaß dieser Aussage überhaupt begreifen.
Und natürlich wird es wieder viele Menschen geben, die
diesen Punkt der Erkenntnis längst überschritten haben, die selbstverständlich immer absolut eins mit ihrem Pferd sind. Und ja – sie möchten das mitteilen. … Wobei ich in den Antworten oft schon
lesen kann: Nein. Die Tiefe, die ich hinter dieser Aussage vermute, wurde noch nicht einmal erahnt, geschweige denn begriffen, erlebt oder erreicht.
Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel. Und Leser sind wie immer ausgeschlossen.
Mir wurde dieses Ausmaß gestern wieder sehr deutlich – in einer Unterrichtseinheit.
Die anspruchsvolle Stute wurde zunächst auf dem Platz geführt. Verschiedene Ecken wurden abgelaufen, getestet, ob sie dort heute ein Problem hat – was offenbar häufiger der Fall ist. Ein Abchecken also: Wo stehen wir heute? Wie ist ihre psychische Verfassung? Was steht heute an? Alles richtig gemacht, oder?
Nach ein paar Minuten stellte ich die Frage:
Bist du mit ihr im Dialog – oder arbeitest du an deinem Programm, an deinem Plan?
Die Antwort kam nach kurzem Nachdenken:
„Ich wollte austesten, ob sie heute konzentriert bei mir und gelassen ist. Oder ob sie Sorgen hat, um die ich mich zuerst kümmern muss, bevor wir loslegen.“
Alles richtig gemacht, oder?
Ich konkretisierte meine Frage:
Testest du aus, was heute geht – oder stellst du ihr Fragen?
Diesmal kam eine Gegenfrage:
„Ist das nicht das Gleiche?“
Für dein Pferd? Nein.
Für dein Pferd macht es einen großen Unterschied, wie und mit welchen Fragen du deine Einheit beginnst.
a)
Indem du mit ihr den Platz abläufst, um zu sehen, ob sie Sorgen hat.
Um zu sehen, ob sie auf dich reagiert.
oder
b)
Indem du sie fragst: Können wir hier ganz langsam laufen?
Können wir jetzt etwas schneller laufen? Können wir hier stehen bleiben? Kannst du drei Schritte rückwärts gehen?
Und indem du nach jeder einzelnen Frage hinschaust, welche Antwort sie dir gibt.
Für dein Pferd ist das ein enormer Unterschied. Bei A bist du im mechanischen Abchecken, im Abarbeiten von Punkten. Bei B bist du bei ihr, egal wo ihr euch gerade befindet – in diesem Moment, bei diesem Pferd.
Du bekommst deine Information trotzdem – oder gerade deswegen – ehrlicher, authentischer und klarer. Denn A) bleibt oft oberflächlich und routinemäßig, während B) dein Pferd im Hier und Jetzt anspricht.
Und je nachdem, wie ihre Antworten ausfallen, kannst
du Rückschlüsse ziehen:
Ist sie heute in Sorge und angespannt?
Oder ist sie motiviert, präsent und bereit, den Tag gemeinsam mit dir zu erleben?
Auch wenn diese Fragen simpel sind. Basic. Und manche
vielleicht schon die Augen rollen: Loslaufen, anhalten – das haben wir doch längst. Dann frage ich mich oft:
Warum gibt es so unendlich viele Situationen, in denen es genau an dieser Basis mangelt?
Vielleicht, weil die Verzögerung im Loslaufen nicht
als Antwort auf eine Frage erkannt wird. Wird mein Loslaufen überhaupt als Frage erkannt?
Vielleicht, weil das Hinterherziehen als unwichtig abgetan wird.
Vielleicht, weil ein zähes oder übertrieben schnelles Rückwärtsgehen als Nebensächlichkeit gilt.
Es wird oft nicht als Antwort auf unsere Frage
wahrgenommen.
Und genau hier beginnt das Problem in der Kommunikation.
Und viele merken es nicht.
Dabei geht es mir bei den Antworten nicht primär darum, dass das Pferd „perfekt“ reagiert oder korrekt antwortet. Es geht mir viel mehr darum, zu erkennen, was dahintersteckt – wenn es das nicht tut, und ebenso, wenn es das tut.
Die Antwort des Pferdes enthält unendlich viele Informationen, die leider sehr häufig verloren gehen, weil sie nicht als Informationsaustausch erkannt werden. Und so stirbt der Dialog. Und damit das Miteinander im Tun.
Wenn ich also eine Frage stelle – und sei es
nur:
Kannst du bitte mit meiner Energie gehen, was nichts anderes bedeutet, als dass du etwas mehr Go entwickeln müsstest – dann ist es in erster Linie gar nicht entscheidend, was mir mein Pferd
antwortet. Hauptsache, es antwortet.
Dann kann ich reagieren.
Ich kann meine Frage klarer stellen oder anders formulieren, oder meine Frage kleiner stellen. Oder auch einfach Danke sagen.
Es ist entscheidend, die eigene Frage zu erkennen und die Antwort des Pferdes lesen zu können. Auch keine Veränderung des Pferdes ist eine klare Antwort!
Es ist nicht die Verantwortung des Pferdes, richtig zu
antworten.
Es ist unsere Verantwortung, die Frage so zu stellen,
dass es richtig antworten kann.

Kommentar schreiben