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 Aufmerksamkeit – nichts, was du einforderst, sondern etwas, das du dir verdienen darfst

Viele kennen dieses Gefühl: Man ist mit dem Pferd auf dem Platz, bemüht sich um Abwechslung, gibt sich Mühe – und trotzdem scheint alles andere interessanter zu sein als die eigentliche Übung. Ein Geräusch dort, eine Bewegung da, der Blick schweift immer wieder nach außen. Aufmerksamkeit zu bekommen, geschweige denn sie zu halten, fühlt sich plötzlich an wie harte Arbeit.

Wirklich wahrnehmen tun das meist nur diejenigen, die ein Bewusstsein dafür entwickelt haben, wie es ist, mit den Gedanken des Pferdes zu arbeiten – nicht nur mit seinem Körper. Denn ein Pferd kann körperlich korrekt mitlaufen und geistig längst woanders sein. Und genau da beginnt die eigentliche Herausforderung.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele ohne regelmäßigen Input, ohne Spiegel von außen oder Unterricht arbeiten. Man dreht sich im eigenen System, oft mit bestem Willen – aber ohne neue Impulse. Und irgendwann stellt sich ganz leise die Frage:
Kann man Aufmerksamkeit eigentlich einfordern?

Für mich ist das ein bisschen so wie mit einem Fernseher. Wie oft kann man sagen: „Schau doch hin!“ – wenn das Bild flimmert, der Ton rauscht und nichts wirklich fesselt? Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an die Zeiten der drei Programme: Man durfte endlich länger aufbleiben – und dann flimmerte der Bildschirm. Irgendwann ist man freiwillig ins Bett gegangen. Oder hat sich etwas anderem zugewandt.

In der Pferdewelt ist es oft ganz ähnlich. Die „Übungen“, die wir stellen, kennt das Pferd auswendig. Und seien wir ehrlich: Wir fragen am liebsten das ab, was gut klappt. Weil es sich gut anfühlt. Weil es reibungslos läuft. Weil es uns kompetent aussehen lässt.
Aus Sicht des Pferdes aber? Ist genau das oft schlicht: langweilig.

Wir stellen Fragen, die das Pferd schon unzählige Male perfekt beantwortet hat. Und wir stellen sie wieder. Und wieder. Und wieder.
Allein die Vorstellung lässt mich gähnen – und ich bin kein Pferd.
Warum also sollten die Gedanken nicht langsam abschweifen? Weg vom Reitplatz, weg von der Aufgabe, hinein in die Welt da draußen.

Oft bemerken wir es erst, wenn sich die Qualität verändert. Wenn die Ausführung zwar noch korrekt ist, aber leer wirkt. Wenn Bewegungen abgespult werden, statt gestaltet. Wenn die Verbindung fehlt. Dann versuchen wir, die Aufmerksamkeit „zurückzuholen“. Mal mit neuen Fragen – oft aber, weil wir selbst nicht ganz präsent sind, rutschen wir schneller als gedacht wieder in alte Muster.

Es entsteht ein Pingpong-Spiel um Aufmerksamkeit.

Genau so eine Situation hatten wir neulich in einer Unterrichtsstunde bei mir. Eine Schülerin, die regelmäßig mit ihrer sehr intelligenten Stute kommt, äußerte ihren Frust: Keine Entwicklung mehr. Das Gefühl, ihr Pferd Stück für Stück zu verlieren.
Auf meinen Vorschlag hin, der Stute einmal eine Aufgabe zu stellen, die sie so noch nie bekommen hatte, bekam ich große Augen – und einen ziemlich ratlosen Blick zurück.

Und dann begannen wir. Mit kleinen, neuen Aufgaben. Ohne Fokus auf perfekte Ausführung. Ohne Anspruch auf „richtig“ oder „falsch“.
Der einzige Fokus lag darauf, Lösungsvorschläge zu bekommen. Mitdenken. Mitwirken. Dialog.

Plötzlich war alles außerhalb des Reitplatzes unwichtig.
Nicht, weil wir Aufmerksamkeit eingefordert hätten – sondern weil sie ganz von selbst da war.

Beide waren beschäftigt: Das Pferd damit, eine Aufgabe zu verstehen und zu lösen. Die Reiterin damit, herauszufinden, wie sie diese Aufgabe so präsentieren kann, dass sie für ihr Pferd klar und einladend wird.
Eine zutiefst bereichernde Arbeit auf beiden Seiten.

Über allem stand immer wieder derselbe Leitsatz:
Wie klein kann ich fragen? Wie klar kann ich werden?

Und auf einmal war es nicht mehr nötig zu sagen: „Hey, konzentrier dich mal.“
Nicht, weil wir irgendetwas besonders gut gemacht hätten, sondern weil die Arbeit selbst interessant geworden war. Die Stute hatte etwas zu tun. Etwas, das sie noch nicht auswendig konnte. Etwas, bei dem Mitdenken gefragt war.

Was mich an solchen Momenten immer wieder berührt: Auch der Mensch verändert sich. Wenn es nicht mehr darum geht, eine Übung „abzuliefern“, sondern darum, verstanden zu werden, wird man automatisch genauer. Aufmerksamer. Ehrlicher mit sich selbst. Man fängt an zu experimentieren, Fragen kleiner zu machen, Pausen zuzulassen, zuzuhören.

Dieses ständige „Hol die Aufmerksamkeit zurück“ verliert dann an Bedeutung.
Nicht, weil das Pferd plötzlich brav oder folgsam ist – sondern weil es keinen Grund mehr gibt, innerlich wegzugehen.

Und vielleicht liegt genau dort der Punkt, den man nicht trainieren kann wie eine Lektion:
Aufmerksamkeit entsteht nicht durch Wiederholung dessen, was schon längst sitzt.
Sondern durch echte Beteiligung.

Manchmal reicht dafür schon eine neue Frage.
Oder dieselbe Frage – nur anders gestellt.

 

Und plötzlich war klar:
Es ging nie darum, Aufmerksamkeit zurückzuholen oder immer wieder einzufordern,
sondern darum, den Dialog so zu gestalten, dass Aufmerksamkeit freiwillig bleibt
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