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Wenn Sanftheit Verwirrung stiftet

Bei einem Kurs in Thüringen begegnete mir der kleine Araberwallach Ole. Seine Besitzerin kam – laut eigener Einschätzung – gut mit ihm zurecht. Wollten andere mit ihm umgehen, war das schon etwas schwieriger, eigentlich fast unmöglich – auch das -  laut Einschätzung -der Besitzerin.

Das Bild, das sich dann bot, als sie mit ihm im Round Pen war, zeigte einen Araber, der nicht stillstehen konnte, nur im Außen war und innerlich extrem angespannt schien. Laut meiner Einschätzung ein Pferd, das sich in seiner Haut nicht wohlfühlt.

Auf meine Frage, ob er sich immer so benehmen würde, meinte Sonja: Ja, das sei normal, aber er ist ja gut handlebar. Ich bot an, mal kurz zu übernehmen, doch sie bat mich, sie zu coachen, da er aufgrund fremder Menschen noch nervöser sein würde, als er ohnehin schon ist.

So schlug ich ihr vor, Ole Fragen zu stellen, in der Ruhe zu bleiben, mit ruhigen Händen klare Botschaften über das Seil zu geben, auf ihr Timing zu achten – und ihn, vor allem was den Kopf betrifft, gut zu beschäftigen. Körperliche Beschäftigung hatte er durch sein Gezappel ohnehin genug; dies hoffte ich einzudämmen, wenn sein Geist mal zur Ruhe kommt.

Es gestaltete sich sehr schwierig. Sonja war selbst sehr unruhig in ihrer Präsentation, und in vielen Situationen schien sie die Ursache für seine Nervosität zu sein. Sie versuchte, beruhigend auf ihn einzuwirken, bewegte sich immer langsamer und sanfter – als würde sie hoffen, dass er sich ihr anpassen würde.

Genau hier, an diesem Punkt, ist für mich offensichtlich, dass Pferde oft viel zu sehr vermenschlicht werden. Sonja verhielt sich ihrem Pferd gegenüber so, wie sie sich wünschen würde, in dieser Situation behandelt zu werden – nicht so, wie es ihr Pferd dringend gebraucht hätte.

Je ruhiger Sonja wurde, umso nervöser wurde ihr Pferd. Letztendlich ließ sie mich doch übernehmen. Ole gab mir einen kurzen Moment seine Aufmerksamkeit, war dann sofort wieder im Außen, als ich das Round Pen betrat. Wir wechselten Position, und ich gab ihm ein Signal, um auf meine Präsenz aufmerksam zu machen. Er erstarrte kurz, sah mich an. Als er wieder anfing, sich zu bewegen, gab ich ihm ein weiteres Signal, indem ich ihn auf einen Platz verwies – einen Meter neben mir. Dort kam er zur Ruhe, schnaubte ab und entspannte sich binnen weniger Minuten so sehr, dass er sogar ein Hinterbein entlastete.

Was möchte ich an diesem Beispiel sagen?

Bei Pferden liegt die Ursache ihrer Sorge und inneren Unruhe häufig an einem Mangel an Klarheit – nicht an Fürsorge oder Empathie. Ole wollte nicht führen, er wollte geführt werden. Die sanfte Erscheinung seiner Besitzerin gab ihm keine Sicherheit, kein Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Denn immer wenn er innerlich hochkochte, fuhr sie ihre Energie herunter – sicherlich mit der guten Absicht, ihm zur Ruhe zu verhelfen, dennoch machte sie sich dadurch viel weniger spürbar.

Ich möchte dies einmal anhand eines Weide Elektrozauns erklären. Wer schon einmal beobachtet hat, wenn ein Pferd einen elektrischen Schlag bekommt, der weiß, wie schlimm das für ein Pferd ist. Das Pferd ist davon überzeugt, es müsse sterben. Oft weiß es zu Anfang gar nicht, wo dieser schreckliche Schmerz herkam – es weiß nicht, wie dieses Zaunkonzept funktioniert. Kommt der Strom aus den Pfosten oder aus der Litze? Springt er einen Meter über? Oder war es am Ende ein Monster das aus dem Boden sprang?

Solange das Pferd das Konzept Stromzaun nicht versteht, ist es meist nach einer ersten Erfahrung extrem skeptisch. Sobald es aber die Regeln versteht, entspannt es sich und kann sogar sehr nah neben dem Zaun zur Ruhe kommen – obwohl dieser Zaun nie beruhigend auf das Pferd eingewirkt hat, er hat nie beruhigend gestreichelt, geschweige denn Worte der Beruhigung geflüstert.

Er ist nur in sich und seinen Regeln unmissverständlich klar. Diese Klarheit ist für das Pferd so eindeutig, dass es – hat es das Prinzip einmal verstanden – keine Sorge oder Beunruhigung mehr damit hat und sogar sehr nah neben dem Zaun entspannen und schlafen kann.

Manchmal wünschte ich mir mehr Menschen mit der Klarheit eines Elektrozauns! Es ist die Klarheit, die das Pferd entspannen lässt und sich in Sicherheit wiegen lässt. Nicht das Streicheln, nicht die ruhigen Worte – Klarheit.

Habe ich also ein Pferd wie oben – in meiner Geschichte der kleine Ole, der außer sich war vor Unsicherheit – muss meine erste Herangehensweise unbedingt ein Akt der Klarheit sein, die ihm Sicherheit gibt, um überhaupt in der Lage zu sein, mir zuzuhören. Um noch genauer zu werden: der Fokus in der Pferdearbeit sollte immer die Klarheit sein, die ich dem Pferd vermittle.

Was bedeutet das nun im Hinblick auf unser Training?

Viele Trainingsmethoden bauen auf der Idee auf, Dinge mit dem Pferd zu üben – im Sinne von Wiederholung. Viele Wiederholungen. Manches wird so lange geübt und wiederholt, bis es sitzt.

Hier ist aber die Gefahr groß, dass es eine Gewohnheit wird, die – wenn man es dann mal nicht genau so präsentiert – wieder große Unsicherheit hervorruft. Bewahre vor Gewohnheitsmustern die geändert werden! Das löst in null Komma nichts die nächste Unsicherheit aus! Es ist dann nämlich nicht die Klarheit in der Botschaft, die das Ziel war, sondern die Gewohnheit in der Wiederholung. Und dies dient nicht wirklich auf dem Weg zu einem gelassenen, durchlässigen Pferd.

Beim Elektrozaun ist das anders: Sobald die Regel verstanden wurde, kann der Zaun auch mal höher, mal niedriger oder auch mal komplett woanders stehen – er wird nicht wieder in Frage gestellt. Selbst wenn man das Material austauscht, aus einem breiten Band ein Seil macht oder die Farbe verändert – die Botschaft bleibt bestehen: Ich bin ein Elektrozaun. Ich stehe hier, und wenn du mich berührst, wird es für Dich sehr unangenehm.

In unserem Umgang sowie im Training mit dem Pferd, sollte Klarheit das oberste Gebot sein, weil sie – gerade was das Lernen betrifft – eins zu eins mit dem Gefühl von Sicherheit zusammenläuft. Der Zaun kann also so viel variieren und doch in seiner Klarheit erhalten bleiben.

Warum sollte dies in unserem Training nicht möglich sein? Es ist möglich – vorausgesetzt, wir öffnen uns für flexiblen Dialog mit dem Pferd und versteifen uns nicht auf ein und dieselbe Technik, die sowieso niemals für alle Pferde funktioniert.

Dies ist der Unterschied zu vielen herkömmlichen Trainingsweisen, die auf Konditionierung, Wiederholung und Üben aufgebaut sind.

Wenn ich mit einem Pferd in Kontakt trete, dann ist mir – bei allem, was ich dem Pferd lehren möchte – Klarheit und die daraus geborene Sicherheit die höchste Priorität. Es geht also nicht in erster Linie um „die richtige Ausrüstung“, denn die kann sich verändern. Auch geht es nicht um die genau immer gleiche Technik, denn auch die wird sich verändern – spätestens dann, wenn die Besitzerin wieder übernimmt.

Es geht um die Klarheit, die wie ein roter Faden durch das ganze Leben geht – die dem Pferd Sicherheit gibt und aufgrund dessen das Pferd interessiert ist und Freude daran hat, mit mir in den Dialog zu treten.

Ole hat mich einmal mehr daran erinnert, dass Sanftheit ohne Klarheit oft das Gegenteil bewirkt.

Sanftheit ohne Klarheit ist Unsicherheit in weichem Gewand.
Klarheit ohne Gefühl ist Härte.
Erst wenn beides also eine sanfte Klarheit, sich begegnet, entsteht Sicherheit und Vertrauen.

Und Ole? Es war ja mehr als deutlich, dass es nicht fremde Menschen waren die ihn Verunsicherten, wie hätte er sonst binnen weniger Minuten neben mir die er noch nie im Leben sah entspannen können. Ich hoffe und wünsche ihm das Seine Besitzerin aus diesen Trainingseinheit gelernt hat und nun besser für ihn da sein kann.

 

 

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