– warum „bei meinem Pferd klappt das….“ nicht immer zählt
Manchmal muss ich wirklich schmunzeln, wenn ich die Kommentare unter meinen Beiträgen lese. Da wimmelt es von „Profis“, die es immer noch mehr und besser wissen, die meine Artikel zerpflücken, widersprechen und mich belehren.
Meine Artikel schreibe ich, um über die Philosophie „Im Sinne des Pferdes“ zu informieren und aufzuklären. Oft werde ich dann belehrt oder zurechtgewiesen – meist von Menschen, die den Artikel nicht einmal vollständig gelesen haben. Man sucht systematisch nach einem Satz, an dem man sich aufhängen kann. Das stört mich nicht. Ich möchte heute erklären, warum meine Beiträge dennoch das bleiben, was sie sind: Aufklärung über „Im Sinne des Pferdes“. Und warum ich nicht jedem Kommentar zustimmen kann, sei er noch so nett gemeint.
„Also, bei meinem Pferd ist das aber ganz anders!“
Diesen Satz höre ich oft – und meist ist er gar nicht
böse gemeint.
Er kommt aus Überzeugung, aus Fürsorge, manchmal auch aus Stolz.
Wer viele Jahre mit seinem Pferd lebt, erlebt Tiefe, Vertrauen, Vertrautheit. Man wächst zusammen, kennt jedes Ohrenspiel, jeden Blick.
Doch ist einem bewusst, dass alle Rückschlüsse, die auf Ohrenspiel, Blick etc. gezogen werden, immer eine Interpretation sind? Vielleicht ist es ja nur deshalb anders, weil man die beschriebene Herangehensweise nicht versteht oder nicht korrekt umgesetzt hat? Das Vertraute fühlt sich richtig an – aber das bedeutet nicht automatisch, dass es auch richtig ist.
Was ein (guter) Trainer anders sieht
Im Leben eines Trainers begegnet man nicht einem,
nicht fünf – sondern hunderten Pferden.
Junge, alte, sensible, skeptische, traumatisierte, fordernde. Jedes Pferd bringt seine Geschichte, seine Wahrheit und seine Strategie mit, um in dieser Welt klarzukommen.
Und jedes einzelne zwingt mich, wieder neu hinzusehen, neu zu fühlen, neu zu verstehen.
Diese Vielfalt ist das, was Erfahrung ausmacht – nicht
die Zahl der Jahre, die man mit einem Pferd verbringt, sondern die Zahl der Pferde, die man in einem Jahr erlebt.
Sie lehren, dass das, was bei einem funktioniert hat, beim nächsten völlig anders aussehen kann – oder ähnlich, aber niemals gleich.
Und dass ein und dieselbe Herangehensweise beim nächsten Pferd völlig falsch sein kann.
Und manchmal höre ich dann diesen Satz:
„Bei uns funktioniert das ganz wunderbar – ganz ohne Druck, einfach nur mit Vertrauen.“
Ja, das kann sein. Aber vielleicht, nur vielleicht,
war da auch ein gutes Stück Glück dabei.
Glück, dass das Pferd mitgemacht hat. Glück, dass es dich getragen hat, obwohl es noch gar nicht bereit war. Nicht, weil es richtig war – sondern weil das Pferd es trotzdem ausgehalten hat. Und
vielleicht hat es bei diesem Pferd geklappt, vielleicht wäre es bei einem anderen eskaliert, irgendwann, in der nächsten Situation.
Das Beispiel Druck – ein Schlüssel zum Verständnis
Ein Satz, der mir immer wieder begegnet, lautet:
„Bei meinem Pferd geht gar nichts mit Druck.“
Ich habe ihn gestern erst wieder gehört, in einem Gespräch mit einem Interessierten für meinen Einstellbetrieb. Innerlich mache ich da im Kopf immer kleine Häkchen. Am Ende des Gesprächs fügt sich jedes Mal ein sehr deutliches Bild zusammen. Meist hat die Aussage „mein Pferd geht gar nicht mit Druck“ mit später erwähnten Problemen und Unsicherheiten zu tun. Aber oft fehlt der Überblick, um die beiden Faktoren in Verbindung zu sehen.
Ich weiß, was damit gemeint ist. Meist steckt dahinter echtes Mitgefühl, die Sorge oder Abneigung, das Pferd zu dominieren oder zu verlieren, wenn man es konfrontiert. Oder auch die Scheu davor, es nicht händeln zu können, wenn es einmal heftig wird.
Aber die Wahrheit ist: Oft hört der Mensch einfach zu
früh auf, aus Hilflosigkeit und mangelndem Bewusstsein über gutes Timing. Somit verwehrt er dem Pferd den Schlüssel zur Klarheit – und damit Wohlbefinden und Sicherheit. Und öffnet allenfalls die
Tür zur resigniertem Gehorsam.
Das Pferd beruhigt sich wieder, weil der Mensch aufhört. So entsteht der Trugschluss: „Das war zu viel Druck.“
In dem Moment, in dem das Pferd beginnt, sich innerlich mit der Situation auseinander zu setzen, zieht der Mensch sich zurück. Weil es kurz unangenehm wird. Weil Spannung entsteht. Weil man denkt: „Jetzt ist es zu viel.“ Und weil man selbst nur reine Harmonie ertragen kann.
Doch genau in diesem Moment hätte das Pferd die
Chance, durch den Druck hindurchzugehen – und danach in Sicherheit zu entspannen.
So lernt es, dass der Weg durch die Spannung zur Ruhe führt, nicht weg von ihr.
Wenn wir zu früh aufhören, lernt das Pferd stattdessen: Wenn ich nur lange genug dagegenhalte, hört der Mensch auf. Ähnlich wie wenn man einem Pferd hilft, durch den Tunnel der Angst zu gehen, um zu zeigen, dass am Ende des Tunnels etwas Besseres wartet.
Und dann heißt es irgendwann: „Bei meinem Pferd geht
gar nichts mit Druck.“
Aber in Wahrheit hat es nie gelernt, wie es gehen könnte. Nicht nur das Pferd – auch der Mensch verwehrt sich selbst unendliche Möglichkeiten.
Missverständnisse über Leckerli und Vorurteile
Oft lese ich auch Kommentare wie:
„Ich mache das doch genauso wie du – nur halt mit Leckerli!“
Ähhh – da hast du meine Philosophie überhaupt nicht verstanden!
Leckerli können den Prozess kurzfristig beschleunigen,
sie schaffen aber Erwartungshaltungen im Pferd. Dadurch entsteht innerer Stress, und der Dialog geht verloren.
Es geht nicht darum, das Pferd einfach „zu belohnen“, sondern Klarheit, Sicherheit und echtes Verstehen zu vermitteln – sodass das Pferd freiwillig und entspannt folgen kann. Wer das
versteht, weiß: Es geht nie um Tricks oder Belohnungen allein, sondern um das Wohlbefinden und die innere Orientierung des Pferdes.
Bilder sagen mehr als Worte! Hm, nein!
Oder noch häufiger: Andere lesen meinen Text gar nicht, weil sie schon beim Blick auf das Bild mit dem Knotenhalfter angewidert sind. Ohne mich und meine Arbeit zu kennen, werde ich dann aufgrund meiner Ausrüstung verteufelt. Auch das gehört zur Realität dazu: Vorschnelle Urteile verhindern, dass Menschen überhaupt verstehen, worum es wirklich geht.
Erfahrung ist mehr als Vertrautheit
Wenn man ein Pferd lange kennt, sieht man jede Nuance
– aber oft nur innerhalb der gewohnten Dynamik. Das ist, als würde man immer denselben Dialog führen: vertraut, liebevoll, aber vorhersehbar. Man sieht, was funktioniert – aber nicht unbedingt
warum.
Und ganz unbewusst fragt man dann nur noch Dinge ab, von denen man weiß, dass sie funktionieren. Man erkennt oft nicht die Zusammenhänge, warum manches nicht funktioniert.
Ein guter Trainer sieht die Muster, die sich über
viele Pferde hinweg wiederholen.
Er erkennt, wo Klarheit fehlt, wo Druck zu viel, zu wenig, zu früh oder zu spät kommt, oder nicht im richtigen Moment nachlässt.
Wo Vertrauen echt ist – und wo Routine entstanden ist.
Diese Erfahrung formt nicht Überlegenheit, sondern
Demut – und auch Kompetenz.
Je mehr Pferde man erlebt, desto deutlicher wird, dass jedes Pferd sehr individuell ist – und doch gewisse Prinzipien auf die meisten Fluchttiere passen.
Liebe allein reicht nicht
Viele Pferdebesitzer wollen das Beste für ihr Pferd –
und genau deshalb halten sie so fest an dem, was bei ihrem Pferd klappt. Aber Liebe allein ersetzt kein Verständnis.
Beziehung ist kein Argument gegen Prinzipien.
Wenn wir wirklich im Sinne des Pferdes handeln wollen,
müssen wir bereit sein, unsere eigene Erfahrung zu hinterfragen – auch dann, wenn es bisher scheinbar „doch gut ging“.
Und fairerweise sollte man eingestehen: Es ist nicht sehr aussagekräftig, dass etwas bei einem Pferd funktioniert. (Vom Schweifschlagen, zu schnellem Blinzeln, Nüstern hochziehen, das man
vielleicht übersehen hat, einmal abgesehen.)
Fazit – Glück ist kein Trainingssystem
Es ist schön, wenn Dinge funktionieren.
Ich freue mich über jedes Pferd-Mensch-Paar, das ein harmonisches Miteinander lebt.
Aber nicht alles, was funktioniert, ist auch richtig oder gut für das Wohlbefinden des Pferdes.
Ein Pferd kann uns jahrelang durch sein vermeintliches
Vertrauen oder durch Gewohnheit tragen, auch dann, wenn wir noch unklar, unbewusst oder unbeholfen sind. Und genau darin liegt die Größe vieler Pferde:
Sie kompensieren unsere Fehler. Sie sind Meister im Anpassen – was nicht bedeutet, dass es ihnen damit gut geht.
Wenn wir ihnen wirklich gerecht werden wollen, sollten
wir aufhören, uns auf „Glück“ zu verlassen – und anfangen, Wissen zu erlangen und Kompetenz zu entwickeln.
Wer Artikel liest, um zu lernen und nicht nur zu widersprechen, gewinnt wertvolle Gelegenheiten Wissen zu erlangen.
Es ist Demut, die uns zuhören lässt, ohne in der Antwort toppen zu müssen.
Es ist Bescheidenheit, die uns erlaubt, eine andere Wahrheit stehen zu lassen, bis wir sie geprüft haben – ohne zu verurteilen oder besser wissen zu müssen.
Denn Glück und Zufall sind kein
Trainingskonzept.
Klarheit, Feingefühl und Demut schon – und die Erfahrung öffnet Horizonte.

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