Diesen Satz hört man immer wieder: „Das Pferd ist dein
Spiegel.“
Er klingt klug, fast schon weise – und doch ist er für mich schlicht falsch.
Nicht, weil er abgenutzt wäre, sondern weil er inhaltlich nicht stimmt. Vielleicht bin ich Spielverderberin. Tatsache ist: Das Pferd
spiegelt dich nicht. Es reagiert auf dich.
Ein Spiegel zeigt genau das, was hineinschaut. Ein Pferd dagegen kann auf einen ängstlichen Menschen selbst ängstlich reagieren – oder aber pushy werden, übergriffig oder desinteressiert und abgestumpft. Ein Mensch, der sehr hart und dominant auftritt, kann wiederum ein Pferd bekommen, das unsicher und ängstlich ist – oder ebenfalls abstumpft.
Es ist eine Reaktion auf das menschliche Wesen, keine
Spiegelung.
Verstehst du den Unterschied?
Bist du klar, souverän, kompetent – dann kann sich das
Pferd bei dir sicher fühlen.
Bist du unsicher, unkonzentriert oder emotional verstrickt, dann fühlt es das ebenfalls, weil du dadurch für dein Pferd keine gute Führung bietest.
Du vermittelst Unsicherheit – und das ist für ein Fluchttier potenziell lebensbedrohlich.
Also nicht, weil es dich „spiegelt“, sondern weil es mit deiner Energie und deiner Präsenz umgehen muss. Es reagiert auf das, was ist.
Es ist also nicht ein zu eins übertragbar:
Unsicherer Mensch – unsicheres Pferd
Autoritärer Mensch – autoritäres Pferd
Gelassener Mensch – gelassenes Pferd
Das wäre doch zu schön.
Ein autoritärer Mensch mag vielleicht einem unsicheren Pferd helfen, mehr Sicherheit zu empfinden, wenn dieser aber schlechtes Timing hat und wenig Gefühl dann wird er dennoch seinem Pferd nicht dazu verhelfen selbstsicherer aufzutreten.
Auch ein gelassener Mensch der die falschen Hilfen gibt kann ein Pferd verunsichern, dann hilft es vielleicht dass Mensch nicht auch noch mega Puls hat, aber die Unsicherheit aufgrund der unklaren Hilfen kann dennoch bleiben.
Pferde haben kein Interesse daran, unsere Co-Coaches
zu sein oder unsere seelischen Schwächen aufzudecken.
Sie wollen sich gut fühlen. Sie wollen leben, sich bewegen, wohlfühlen – schlicht und pragmatisch. Es interessiert sie nicht, dass du dich auf eine neue Rolle als Teammanager vorbereiten
möchtest. Ihre Ambitionen sind viel einfacher gestrickt.
Unsicherheit macht ihnen Stress – Sicherheit schenkt ihnen Frieden.
Ja, es gibt Menschen, die anhand des Verhaltens eines Pferdes Rückschlüsse auf deine Themen ziehen können. Passiert mir ständig! Aber mal ehrlich: Ein guter Coach kann das auch ohne Pferd.
Ich tue mir schwer mit dem Gedanken, Tiere immer
wieder als Spiegel oder Werkzeug für unsere persönlichen Baustellen zu benutzen. Wenn ich unterrichte, dann mit einem anderen Fokus: Das Pferd lesen lernen, verstehen lernen – und vor allem
für das Pferd ein besserer Mensch werden. Klarer, verständlicher, gerechter.
Von gutem Timing, guter Auffassungsgabe und viel Einfühlungsvermögen mal ganz abgesehen.
Denn zu oft habe ich erlebt, dass in sogenanntem
Coaching an Pferden „geübt“ wird – um im Berufsleben selbstbewusster aufzutreten oder Grenzen zu setzen.
Doch das Pferd lernt dabei nichts, es profitiert dabei nicht.
Es wird nicht klarer, nicht sicherer – nur stumpfer.
Mein Fokus im Unterrichten ist das Wohlbefinden des
Pferdes.
Ich frage mich: Was braucht es, um sich mit uns sicher zu fühlen?
Was braucht dieses Pferd, damit es in der gemeinsamen Arbeit einen Sinn erkennt?
Mein Fokus ist nicht: Was können wir tun, damit
es dem Menschen besser geht?
Oder: Welche Übung würde dem Menschen jetzt helfen, selbstbewusster zu werden?
Und doch passiert genau das – ganz nebenbei. Menschen
entwickeln sich in diesem Prozess.
Sie werden klarer, ruhiger, authentischer. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, Grenzen zu setzen, präsenter zu sein. Und diese innere Veränderung wirkt – oft weit über die Zeit mit dem Pferd
hinaus.
Der Unterschied liegt in der Ausrichtung: Ich
unterrichte für das Pferd.
Geht der Mensch diesen Weg für das Pferd, profitiert er selbst ganz automatisch.
Aber Unterricht für den Menschen, mit „Hilfe“ des Pferdes – das bringt selten dem Pferd etwas.
Warum ich damit nur eine kleine Zielgruppe
anspreche?
Vielleicht gibt einer meiner Lieblingssätze darüber Aufschluss:
„Pferdetraining ist nichts fürs Ego.“
Und das sortiert von selbst. Viele, die das Pferd benutzen, um ihr eigenes Ego zu füttern, spektakulär zu sein, Macht auszuüben, oder zu zeigen was sie alles können, finden woanders, was sie suchen.
Diejenigen aber, die bereit sind, sich in ihrem
eigenen (!) Spiegel anzusehen – auch wenn das, was man dort manchmal sieht, nicht immer hübsch ist –, die an sich arbeiten und bemüht sind, für das Pferd die beste Version Mensch zu werden, die
sie sein können:
Die finden den aufrichtigen, ehrlichen, pferdewohlorientierten Weg.
Und die anderen – die weiter dem Mythos „Das Pferd spiegelt mich“ folgen – finden ebenfalls ihren passenden Trainer.
Das ist völlig in Ordnung.
Denn jeder Schüler findet früher oder später den Lehrer, der zu ihm passt.
In diesem Sinne und im Sinne des Pferdes, habt ein schönes Wochenende!

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