In meinem letzten Beitrag habe ich einen Satz auseinandergelegt. Je mehr ich darüber nachdachte, umso interessanter
fand ich dessen Bedeutung.
Schon öfter höre ich einen meiner eigenen Sätze und bin erstaunt über den Inhalt! 😊
Heute geht es wieder um einen Satz – allerdings ist es diesmal ein schockierender Satz. Ein Satz, über den ich lange nachgedacht habe. Egal, wie ich ihn drehe und
wende, ich finde nichts Gutes daran. Ich kann ihn nicht schönreden. Ich kann ihn nicht nicht verstehen.
Vielleicht sollte ich etwas weiter ausholen.
Seit Langem war ich mal wieder auf einem Pferde-Event. Das Wetter war herrlich, die Stimmung gut. Viele meiner Schüler begleiteten mich, und so machten wir ein verlängertes Wochenende daraus. Es wurde viel gelacht, gefachsimpelt, die Zeit unter Gleichgesinnten genossen.
Auf diesem Event gaben zwei Trainerinnen eine Showeinlage.
Es liegt mir fern, andere Trainer schlechtzureden – deshalb wollte ich mich eigentlich gar nicht dazu äußern. Bis zu dem Moment, als ein Satz fiel, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging.
Vorgeführt wurde eine vierjährige Stute, seit mehr als einem Jahr unter dem Sattel. Zusätzlich wurde eine sechsjährige Stute „frei“ gearbeitet. Ich nehme an, das „frei“ sollte bedeuten, dass sie kein Halfter, keine Trense oder Ähnliches trug – allenfalls einen Halsring, an dem gezogen wurde, wenn sie nicht gehorchte.
Die Trainerin platzierte also die Sechsjährige neben ihrem Reitpferd und führte vor, wie beide gleichzeitig Seitengänge absolvierten. Es wurden jedoch keine
Seitengänge genannt – es sollten Travers, Renvers und Traversale darstellen.
Was dort gezeigt wurde, war kein Travers, kein Renvers, keine Traversale – vielleicht eine Traverversale? Oder besser gleich ein
Traververs – ein elegantes Durcheinander mit großen Worten.
Die Trainerin stoppte alle paar Schritte und gab beiden Pferden Leckerli (nein, auf das Leckerli-Thema gehen wir heute nicht ein!). Sie erklärte, dass sie diese beiden Pferde auf derartige Events vorbereite, um sie als ihre Nachwuchspferde heranzuziehen.
An irgendeinem Punkt – nachdem beide Pferde schon viele Runden in gefühlt dauerhafter Renversale gearbeitet wurden – ließ sie einen Satz fallen, der mich traurig machte, mich aber auch verstehen ließ, warum es in unserer Profi-Reiterwelt gerade in die falsche Richtung geht.
Sie wollte die Sechsjährige noch einmal in einen Seitengang bringen, was aber immer schwieriger wurde, als sie sagte:
„Jetzt ignoriert mal bitte die Vierjährige.“
Kennt ihr dieses Phänomen mit dem rosa Elefanten? Niemand denkt jemals an einen rosa Elefanten – bis jemand sagt: Denk nicht an einen rosa Elefanten! Und schon sitzt er in unserem Kopf.
Aber was wollte sie uns damit sagen?
Ignoriert bitte, dass mein vierjähriges Reitpferd mich gerade nicht versteht, weil ich mit dem Pferd neben uns beschäftigt bin?
Ignoriert bitte, dass sie sich einrollt und komplett überzäumt ist?
Ignoriert, dass sie gerade Hilfe bräuchte, mich besser zu verstehen, ich ihr diese aber im Moment nicht gebe?
Ignoriert bitte, dass ich mein Reitpferd gerade übergehe?
Da gibt ein vierjähriges Jungpferd alles, ist eingerollt, das Kinn auf der Brust, und soll ignoriert werden – weil es wichtiger ist, dass Pferde funktionieren, als dass sie uns verstehen und wissen, dass wir für sie da sind.
Wer mich kennt, weiß: Ich bin kein Freund von zu frühem Einreiten. Bei mir werden Pferde nicht vor dem fünften Lebensjahr langsam an das Reitergewicht
gewöhnt.
Wer mich kennt, weiß: Ich lege keinen Wert darauf, wie spektakulär eine Showeinlage ist.
Spektakulär wäre für mich ein fünfeinhalbjähriges Pferd, das in einer Arena, umgeben von hunderten Menschen, losgelassen mit schwingendem Rücken in allen drei
Grundgangarten läuft.
Das scheint es wohl nicht mehr zu geben.
Stattdessen müssen Vierjährige schon Traversalen laufen – mit dem Kinn auf der Brust – und sollen ignoriert werden.
Wer mich kennt, weiß, wie wichtig es mir ist, dass ein Pferd in jedem Moment, in jedem Schritt, Klarheit und Sicherheit von seinem Menschen bekommt – egal ob vom
Boden oder aus dem Sattel.
Alles, was ein Pferd tut, und alles, was es nicht tut, ist eine Frage an uns – oder eine Antwort auf unsere Frage.
Ignorieren ist da einfach nicht drin.
Es ist unsere Verantwortung, für jedes Pferd, das wir reiten, absolut präsent zu sein.
„Ignoriert bitte die Vierjährige.“
Bedeutet dieser Satz nicht auch: „Ich weiß zwar, dass das gerade nicht gut ist – aber das zählt jetzt nicht für mich?“
„Ignoriert bitte die Vierjährige.“
Heißt das nicht auch, Trainingsprinzipien wie „Lass dein Pferd niemals verwirrt zurück“ zählen hier nicht?
„Ignoriert bitte die Vierjährige.“
Bedeutet das nicht auch, dass Timing, Balance und Gefühl – die drei Säulen einer soliden Kommunikation – über Bord geworfen werden?
In einem Leben als Reitpferd müssen Pferde früh genug lernen, dass viele Menschen häufig unklar sind.
Das ist schlimm genug.
Aber sollte es einer Trainerin nicht wichtig sein, ihr Pferd immer zu seinem besten Wohle auszubilden?
„Ignoriert bitte die Vierjährige.“
Soll das heißen, was hier gerade vorgeführt wird, ist der Weg, den wir in der Ausbildung gehen wollen?
Dann wundert mich wirklich nichts mehr.
Spätestens an diesem Punkt – und ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich es nicht so weit hätte kommen lassen – spätestens hier hätte ich die Sechsjährige sein lassen
(es gab im Ring, immer Helfer die einspringen konnten wenn es mal nicht lief) und mich um meine Verbindung zu meinem Reitpferd gekümmert.
Ich hätte meinem Publikum gesagt:
„Sorry, aber es ist wirklich wichtig, dass ich in jeder Sekunde, in der sie mich braucht, für sie da bin.“
Und ich bin überzeugt – das wäre spektakulär gewesen.

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