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Rückwärtsgehen – zwischen unterschwelliger Aggression und unbewusster Verwirrung

Als ich eine Unterrichtseinheit mit einer Schülerin hatte, die aus einer anderen Trainingsmethode stammt und nun sehr bemüht ist, ihre alten Muster abzulegen, fiel mir einmal mehr auf, wie schnell Pferde sich auf echte Fragen und ehrliche Antworten einlassen – und gleichzeitig, wie schnell sie selbst wieder in alte Muster fallen oder auf die alten Muster ihres Menschen reagieren.

Anne ist mit ihrer freilaufenden Stute im Round Pen und möchte sie bitten, vom Zaun wegzukommen, um eine gerade Linie durch das Rund zu gehen. In diesem Moment rutscht sie in ein altes Muster zurück und beginnt rückwärtszugehen, um Bell hereinzuziehen – also weg vom Zaun –, mit der klaren Absicht, sie im nächsten Schritt wieder über die Mittellinie auf die andere Seite zu schicken.

Bell reagiert sofort auf diese Bewegung, und obwohl Anne scheinbar Raum gibt und mit ihrem Rückwärtsgehen eine Einladung ausspricht, zeigt die Stute deutliche Abwehr: Sie legt die Ohren an, schüttelt den Kopf in Ablehnung, ihre Augen sind zusammengekniffen, und ihr gesamter Ausdruck wirkt angespannt. Für Anne ist das zunächst nichts Ungewöhnliches, da sie es nicht anders kennt, und so führt sie die Übung fort, geht wieder auf die Stute zu, schickt sie durch die Mitte des Round Pens und entscheidet auf der anderen Seite, auf welcher Hand Bell weiterlaufen soll.

Und genau in diesem Moment wird mir etwas mit einer Klarheit bewusst, die ich so vorher nicht hatte.

Ich habe dieses Verhalten schon oft beobachtet, sei es beim Einladen oder bei der Innenwendung, doch bisher habe ich den „Fehler“ immer erst in dem Moment gesehen, in dem das Pferd nach einigen Schritten auf den Menschen zu wieder hinausgeschickt wird – und in der daraus entstehenden Verwirrung, weil das eben noch scheinbar gewünschte Herankommen plötzlich doch nicht mehr gewollt ist.

Doch das greift zu kurz.

Denn das Pferd reagiert nicht erst auf die sichtbare Handlung des Hinausschickens, sondern auf das, was dieser Handlung innerlich bereits vorausgeht. Die Abwehr beginnt nicht in dem Moment, in dem das Pferd wieder weggeschickt wird, sondern bereits in dem Augenblick, in dem es hereingeholt wird.

Das Pferd spürt schon in dieser ersten Geste, dass etwas nicht stimmig ist, dass dort etwas mitschwingt, das nicht zu einer echten Einladung passt, weil in diesem „Hereinholen“ bereits die Bereitschaft liegt, im nächsten Moment wieder Druck aufzubauen und das Pferd hinauszuschicken.

Und genau darin liegt für mich die eigentliche Erkenntnis: Wenn Bell bereits in dem Moment mit Abwehr reagiert, in dem die scheinbar freundliche Geste noch gar nicht in eine offensichtliche Handlung übergegangen ist, dann bedeutet das, dass sie die Unstimmigkeit dieser Bewegung schon vorher wahrnimmt. Sie spürt im Rückwärtsgehen des Menschen und in dem Versuch zu führen eine Spannung, die nicht ehrlich ist, nicht wirklich einladend, sondern innerlich bereits mit einer unterschwelligen Aggressivität aufgeladen ist – einer Spannung, die für das Pferd klar fühlbar ist.

Besonders deutlich wird das in dem Moment, in dem das Rückwärtsgehen mit Tempo verbunden wird, um mehr „Sog“ zu erzeugen, denn im Tempo liegt eine andere Energie als im tatsächlichen Zurückweichen. Diese beiden Qualitäten miteinander zu vermischen, schafft aus Sicht des Pferdes keinen klaren Kontext, sondern einen Widerspruch, der Irritation und Abwehr hervorruft.

Damit wird auch deutlich, wie widersprüchlich dieses Rückwärtsgehen beim Einladen für das Pferd ist, denn eine echte Einladung braucht kein Weichen, kein Sich-zurücknehmen im strategischen Sinne und kein Zurückziehen, das bereits ein Ziel verfolgt. Aus Pferdesicht ergibt das keinen Sinn, weil es nicht der Klarheit entspricht, die sie in der Kommunikation suchen – und genau auf diese fehlende Klarheit reagieren sie.

So entsteht ein Spannungsfeld, das für das Pferd kaum auflösbar ist: Wir möchten Sicherheit vermitteln, getragen von unserer eigenen Souveränität, und gehen gleichzeitig rückwärts. Für das Pferd bedeutet dieses Zurückweichen jedoch ein Nachgeben, ein Verlassen der klaren Linie, obwohl wir doch genau diese Klarheit verkörpern wollten. Auf diese Weise senden wir, oft unbewusst, zwei Botschaften zugleich – eine, die führen möchte, und eine andere, die nachgebend den Raum verlässt.

Am Ende geht es also nicht um die Frage, ob Rückwärtsgehen funktioniert oder nicht.

Sondern darum, ob das, was wir tun, für das Pferd eine klare, widerspruchsfreie Information ist –
oder eine Bewegung, die bereits in sich das Gegenteil trägt.

Und genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob aus einer Geste Verbindung entsteht
oder unterschwellige Spannung.

 

 

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