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Innenwendung vs. Außenwendung – ein Weg zu mehr Klarheit

Was hat das mit der Einladung zu tun?

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich die Außenwendung der Innenwendung in der freilaufenden Bodenarbeit vorziehe. Und jedes Mal erkenne ich mich ein Stück darin wieder. Es gab eine Zeit, in der ich ganz klar anders gearbeitet habe. Die Innenwendung hatte für mich einen großen Stellenwert, und auch in meinem ersten Buch habe ich viele Gründe gefunden, die genau dafür sprachen.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, erkenne ich, dass viele dieser Argumente vor allem aus einer menschlichen Perspektive entstanden sind – aus dem Wunsch nach Nähe, nach Verbindung, vielleicht auch nach einem gewissen Gefühl von Kontrolle. Weniger aus der Frage heraus, wie sich das Ganze eigentlich für das Pferd anfühlt.

Wenn wir uns die beiden Herangehensweisen genauer anschauen, wird dieser Unterschied spürbar.

Bei der Innenwendung verändere ich unsere gemeinsame Bewegung, indem ich mich vom Pferd weg bewege und es einlade, nach innen zu kommen. Das Pferd löst sich vom Zaun, wendet sich mir zu, kommt in meine Richtung, und ich drehe mich anschließend wieder zurück, um es auf der neuen Hand weiterzuschicken. Es entsteht ein Moment der Nähe, ein kurzes Aufeinandertreffen, ein In-Kontakt-Treten, bevor das Pferd dann wieder nach außen geschickt wird.

Genau hier sehe ich einen entscheidenden Nachteil. Auf Dauer erlebe ich häufig, dass Pferde zögerlicher werden, wenn ich sie wirklich einladen möchte. Es entsteht ein Moment von Unsicherheit – weil die Einladung nicht klar von einem erneuten Hinausschicken zu unterscheiden ist. Oft zeigt sich das auch sehr deutlich im Ausdruck der Pferde: angelegte Ohren, angespannte Nüstern, ein zusammengezogener Blick oder auch ein Kopfschlagen.

In der Außenwendung geschieht etwas anderes. Ich verändere meinen Winkel so, dass ich vor das Pferd komme und dadurch einen Engpass kreiere. Aus dieser Situation heraus entscheidet sich das Pferd, sich nach außen zu orientieren und die Richtung zu wechseln.

Die Außenwendung gibt mir die Möglichkeit, genau dann in den Dialog zu treten, wenn das Pferd noch in seinen eigenen Gedanken unterwegs ist. Ich kann ihm helfen, einen Gedanken, in dem es vielleicht festhält, loszulassen und einen neuen Gedanken zu finden.

Diese Fähigkeit, einen Gedanken loszulassen, zeigt mir sehr viel über den inneren Zustand des Pferdes. Fällt es ihm leicht, sich neu zu orientieren? Oder entsteht Stress, sobald es darum gebeten wird? Dies zu erkennen und damit zu arbeiten, ist ein enormer Mehrwert in der weiteren Kommunikation – denn nicht jedem Pferd fällt das gleich leicht. Die Außenwendung sollte dabei kein abruptes Stoppen sein, sondern vielmehr ein Umlenken.

Wertvoll ist dabei auch der Moment, in dem das Pferd den einen Gedanken loslässt, bevor es den nächsten aufnimmt. Genau dort entsteht ein kleiner Zwischenraum – eine Art Leertaste. Und genau hier wird Veränderung möglich.

Das zeigt sich zum Beispiel bei einem hektischen Pferd, das innerlich sehr unter Spannung steht. Über diesen Nullpunkt im Wechsel entsteht ein Moment der Stille, in dem neue Ideen Raum bekommen können. Ein Pferd, das eben noch getrieben wirkte, beginnt plötzlich, wieder bei sich anzukommen – nicht mehr von außen gesteuert, sondern zunehmend aus sich selbst heraus.

Der innere Druck, der zuvor alles bestimmt hat, weicht einer ersten Ahnung von Klarheit. Aus Fluchtgedanken wird langsam wieder Ansprechbarkeit. Dort, wo zuvor Überforderung spürbar war, entsteht Verständnis. Widerstand verwandelt sich in ein vorsichtiges Mitgehen, ein erstes Einlassen auf das, was gerade entsteht. Ein Pferd, das innerlich abgeschaltet hatte, kommt zurück in die Präsenz und wird wieder erreichbar in seinem ganzen Sein.

Und mit jedem dieser kleinen Schritte verändert sich auch das Gefühl von Sicherheit.
Aus Unsicherheit wächst Vertrauen. Was vorher stark von außen gesteuert war, beginnt sich von innen heraus zu ordnen, bis das Pferd nicht mehr nur reagiert, sondern wirklich in den Dialog einsteigt.

Und genau darin liegt für mich eine große Qualität – besonders auf der psychischen Ebene.

Ein eher träges Pferd wird durch diese Art der Arbeit häufig wacher, klarer und präsenter, weil es nicht mehr einfach nur einer vorgegebenen Richtung folgt, sondern beginnen darf, mitzudenken. Gleichzeitig erleben wir bei eher hektischen Pferden oft das Gegenteil: Durch die Klarheit der Führung und die Struktur der Aufgabe finden sie leichter in eine ruhigere, konzentriertere Bewegung zurück, weil sie sich nicht mehr in ihren eigenen Gedanken verlieren.

Gleichzeitig dürfen wir den körperlichen Aspekt nicht unterschätzen. Durch die Bewegung in der Außenwendung wird die Hinterhand oft deutlich aktiver. Das Pferd beginnt, sein Gewicht anders zu organisieren und sich bewusster zu tragen. Es entsteht mehr Balance und mehr Leichtigkeit im Vorwärts, weil die Bewegung nicht mehr überwiegend aus der Vorhand kommt – wie es bei der Innenwendung häufig der Fall ist –, sondern sich durch den ganzen Körper verbindet.

Wenn ich heute auf all das schaue, dann fühlt es sich für mich nicht so an, als wäre die Außenwendung einfach „die bessere“ Wahl. Vielmehr ist sie für mich verständlicher geworden – aus der Sicht des Pferdes. Sie hilft, Gedanken zu ordnen, Bewegung zu strukturieren und Emotionen zu regulieren, ohne dass ich das Pferd in eine Nähe holen muss, die es in diesem Moment vielleicht noch gar nicht wirklich tragen kann.

Und das Einladen?
Das wird dann eine ganz eigene, klare Frage, die ihren eigenen Platz und ihre eigene Bedeutung bekommt – ohne sich in der Innenwendung zu vermischen.

 

Doch das ist eine andere Geschichte … und darf ein anderes Mal erzählt werden. 😊

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