Meine Kurse beginnen selten mit den üblichen Fragen, denn es interessiert mich nicht in erster Linie, woher jemand kommt oder was er bisher mit seinem Pferd gemacht hat – all das erzählt oft erstaunlich wenig über das, was wirklich zwischen Mensch und Pferd existiert. Viel mehr berührt mich die Frage nach dem Inneren, nach dem, was jemanden antreibt, nach dem, was er sich im tiefsten Kern wünscht.
Wenn ich also Frage, welche Art von Beziehung sich jemand von seinem Pferd erhofft, entsteht häufig ein Moment der Stille, ein kurzes Innehalten, bevor die Antworten kommen – und genau in diesem Moment liegt oft schon alles. Denn diese Antworten sind selten nur Worte. Sie tragen Sehnsucht in sich, manchmal auch Unsicherheit, sie erzählen von Träumen, aber nicht selten auch von den leisen Brüchen in der Realität, von Dingen, die sich noch nicht wirklich stimmig anfühlen.
Eine Frage, die ich in diesem Zusammenhang besonders gerne stelle, ist: „Was macht der Satz mit dir: Ich möchte für mein Pferd wichtig sein?“ Und es ist jedes Mal aufs Neue faszinierend, wie unterschiedlich die Reaktionen darauf ausfallen, wie sehr diese Worte etwas in Bewegung bringen und wie sich die Antworten im Laufe der Kurstage verändern. Was anfangs vielleicht noch wie ein verständlicher menschlicher Wunsch klingt, beginnt sich zu wandeln, wird weicher, tiefer und gleichzeitig klarer, weil langsam ein Bewusstsein dafür entsteht, worum es bei jedem Pferd wirklich geht.
Denn meine Arbeit möchte genau diesen Raum öffnen: weg von alten Mustern, die häufig entweder von Dominanz, Hierarchie oder von einem Missverständnis von Harmonie geprägt sind, hin zu einem ehrlichen Verständnis für die Bedürfnisse des Pferdes. Es geht nicht darum, sich durchzusetzen oder sich „wichtig zu machen“, sondern darum zu begreifen, was ein Flucht- und Herdentier überhaupt braucht, um sich einzulassen, um Vertrauen zu entwickeln und um seine ureigenen Sicherheiten – seine Herde, seine gewohnte Umgebung – für einen Moment loslassen zu können.
Und genau an diesem Punkt wird es ehrlich. Denn wenn ich für mein Pferd keine Bedeutung im Sinne von Sicherheit, Klarheit und Verlässlichkeit habe, dann darf ich auch nicht erwarten, dass es für mich diesen Schritt geht.
Für mich gehört auch eine unbequeme Wahrheit dazu: Wenn wir für unser Pferd keine echte Bedeutung haben, haben wir auch kein Recht, etwas von ihm zu verlangen. Ein Pferd verlässt seine Herde nicht, weil wir nett fragen – es tut es, wenn wir für es so relevant sind, dass es sich lohnt, uns zu folgen.
Und genau hier liegt für viele der eigentliche Trigger. Besonders Frauen tun sich oft schwer damit, das auszusprechen oder überhaupt zuzulassen, weil sie gelernt haben, sich eher zurückzunehmen, harmonisch zu sein, nicht „zu viel“ zu wollen. Doch zu sagen: „Ich möchte für mein Pferd wichtig sein“ hat nichts mit Dominanz zu tun – es ist ein Ausdruck von Verantwortung.
Vielleicht beginnt genau hier eine Verschiebung. Weg von dem Wunsch, vom Pferd gemocht oder geliebt zu werden, hin zu etwas Wahrhaftigerem: dem Wunsch, zu dem Menschen zu werden, den das Pferd braucht – nicht, weil es ohne uns nicht kann, sondern weil es sich in unserer Nähe gesehen, verstanden und sicher fühlt.

Kommentar schreiben