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Üben – Teil 4 Dein Pferd hat längst geübt!

Vor kurzem hatte ich eine Kundenanfrage. Es ging um eine Stute, die in Momenten, in denen sie etwas nicht versteht – oder auch: in denen etwas für sie keinen Sinn ergibt – beginnt zu steigen. Im Gespräch stellte sich schnell heraus, dass es sich dabei nicht um ein neues oder gelegentliches Verhalten handelt, sondern um etwas, das diese Stute seit vielen Jahren zeigt. Auf meine Nachfrage, wie lange das schon so ist, kam die Antwort ganz selbstverständlich: schon immer, seit fünf Jahren.

Allein diese Information trägt bereits eine enorme Aussagekraft in sich. Denn wenn ein Pferd über einen so langen Zeitraum immer wieder auf dieselbe Weise reagiert, dann lohnt es sich, nicht nur auf das Verhalten selbst zu schauen, sondern vor allem auf das, was darunter liegt. Es geht darum, wie der Mensch in diesem Moment reagiert und ob überhaupt eine gemeinsame Verständigungsbasis vorhanden ist.

Wenn ein Pferd über Jahre hinweg ein Verhalten zeigt, das für uns problematisch ist, dann ist das kein Zufall und auch kein Ausdruck von Widersetzlichkeit. Vielmehr ist es ein Hinweis darauf, dass etwas Grundlegendes nicht verstanden wurde. In solchen Fällen existiert oft keine echte Kommunikation, sondern vielmehr ein Nebeneinander aus Handlungen, Reaktionen und Wiederholungen, die zwar als Training bezeichnet werden, aber dem Pferd keinen klaren, nachvollziehbaren Sinn vermitteln. Die Übung ist da, meist reichlich, aber die Klarheit fehlt. Und die Spirale geht weiter im reagieren und agieren der selben Muster ohne effiziente Veränderung.

Ein Pferd orientiert sich immer am Weg des geringsten Widerstands. Das bedeutet nicht, dass es sich der Arbeit entziehen möchte, sondern dass es nach Lösungen sucht, die sich für seinen Körper und sein Empfinden stimmig anfühlen. Wenn ein Pferd also über Jahre, selbst Monate und Wochen, hinweg auf ein Verhalten wie Steigen zurückgreift, dann tut es das nicht, um sich durchzusetzen, sondern weil es keinen anderen Weg gefunden hat, mit der Situation umzugehen, der für es verständlich und sinnvoll ist und weil dieses Steigen zu funktionieren scheint, zumindest mehr als andere Verhalten die es möglicherweise schon versucht hat.

Gerade in der Arbeit mit Pferden, besser gesagt ihrer Besitzer begegnet mir immer wieder die Vorstellung, dass alles, was wir erreichen möchten, geübt werden muss, oft über einen längeren Zeitraum hinweg. Mit dem Begriff „Üben“ verbindet sich fast automatisch die Idee von Wiederholung und Zeit, und damit auch eine Haltung, die Lösungen in die Zukunft verschiebt. Es entsteht leicht die Überzeugung, dass sich Dinge mit genügend Wiederholungen irgendwann von selbst klären werden, sei es in einigen Tagen, Wochen oder Monaten.

Doch genau hier liegt häufig ein Missverständnis. Viele der Dinge, die wir mit Pferden erarbeiten möchten, benötigen nicht in erster Linie Zeit, sondern Klarheit. Wenn eine Situation als echter Dialog verstanden wird, als ein Moment des gegenseitigen Verstehens, dann verändert sich die Qualität der Arbeit grundlegend. Es geht nicht mehr darum, ein Verhalten so lange zu wiederholen, bis es irgendwann funktioniert, sondern darum, Missverständnisse aufzulösen und dem Pferd einen Weg anzubieten, der für es logisch und nachvollziehbar ist.

Unter diesen Voraussetzungen können sich manche Themen erstaunlich schnell verändern, nicht weil intensiver oder länger gearbeitet wurde, sondern weil die Kommunikation an Tiefe und Präzision gewinnt. Das bedeutet nicht, dass jedes Problem sofort verschwindet, aber es verschiebt den Fokus weg von der Dauer hin zur Qualität der Interaktion.

Wenn ein Pferd steigt, dann ist das eine klare Rückmeldung. Es ist eine Form von Ausdruck, die darauf hinweist, dass in diesem Moment etwas nicht passt, sei es auf körperlicher, emotionaler oder kognitiver Ebene. Anstatt dieses Verhalten lediglich „wegüben“  zu wollen, lohnt es sich, die darin enthaltene Information ernst zu nehmen und zu hinterfragen, was das Pferd an dieser Stelle eigentlich mitteilen möchte.

Wenn ein solches Verhalten über sechs Jahre hinweg bestehen bleibt, dann ist das kein Zeichen dafür, dass das Pferd schwierig ist, sondern ein deutlicher Hinweis darauf, dass die bisherigen Veränderungen nicht an der entscheidenden Stelle angesetzt haben. Es wurden möglicherweise Methoden angepasst, Reaktionen verändert oder Trainingsansätze gewechselt, ohne jedoch den Kern des Missverständnisses wirklich zu erreichen.

Die eigentliche Einladung liegt darin, den Blick zu verändern und sich von der Vorstellung zu lösen, dass Zeit allein Lösungen bringt. Stattdessen geht es darum, die eigene Kommunikation zu hinterfragen, die eigene Klarheit zu schärfen und sich ehrlich mit dem auseinanderzusetzen, was zwischen Mensch und Pferd tatsächlich geschieht, in dem jeweiligen Moment!  Denn in jedem Verhalten liegt eine Botschaft, und die Qualität unserer Arbeit hängt maßgeblich davon ab, ob wir bereit sind, diese Botschaft wirklich zu hören und darauf entsprechend zu reagieren.

Üben sollte hier allenfalls der Mensch – nicht am Pferd, sondern an sich selbst. An seiner Klarheit, an seiner Wahrnehmung und an seiner Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für das, was über Jahre hinweg entstanden ist. Denn das Pferd hat längst geübt. Es hat seine Antwort perfektioniert. Die eigentliche Frage ist, ob wir bereit sind, unsere zu hinterfragen.

 

 

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