Ich glaube, ich habe diese Woche eine Antwort darauf gefunden, in einem kleinen Experiment, das ich gemeinsam mit einer Gruppe von Schülern gemacht habe.
Ich habe einige Bilder aus dem Netz genommen, die öffentlich dargestellt wurden, um für die Trainingsmethode der jeweiligen Trainer/innen zu werben. Immer mit Mensch und Pferd, mal reitend, mal am Boden, meist ein Mensch, manchmal auch mehrere und manchmal hat ein schöner harmonischer Spruch über Vertrauen, Verbindung und Klarheit das ganze noch abgerundet.
Zuerst habe ich das jeweilige Bild gezeigt und das Pferd bzw. die Pferde und den Spruch wegretuschiert. Die Aufgabe war, zu beschreiben, wie man sich das Pferd dazu vorstellen würde.
Im zweiten Schritt habe ich genau dasselbe Bild gezeigt, diesmal jedoch ohne den Menschen und ohne Spruch, sodass das Pferd im Fokus stand.
Im dritten Schritt wurde das vollständige Bild gezeigt, also Mensch und Pferd gemeinsam, teilweise ergänzt durch Sprüche wie Vertrauen, Verbindung, Klarheit oder Kommunikation, die jedoch nur bei der Version mit Mensch und beim vollständigen Bild zu sehen waren.
Die Aufgabe beim ersten Bild war also, sich vorzustellen, wie das dazugehörige Pferd wohl aussehen würde. Und obwohl niemand das Pferd sehen konnte, waren die Beschreibungen erstaunlich eindeutig. Es wurde fast durchgehend ein entspanntes, zufriedenes und motiviertes Pferd beschrieben, aufmerksam beim Menschen, mit gespitzten Ohren und einer weichen klaren Ausstrahlung.
Ganz anders war die Reaktion beim zweiten Bild. Als der Mensch aus dem Bild verschwunden war und der Blick ausschließlich auf das Pferd fiel, wurde sehr schnell deutlich, was tatsächlich zu sehen ist. Pferde mit angelegten Ohren, hochgezogenen Nüstern, leeren oder zusammengekniffenen Augen, angespannt, teilweise deutlich abwehrend und in manchen Fällen mit einem Ausdruck, den man nur schwer aushalten kann. Das, was zuvor in der Vorstellung entstanden war, hatte mit dem realen Ausdruck der Pferde nichts zu tun.
Die eigentliche Erkenntnis kam jedoch erst im dritten Bild. Obwohl die Teilnehmer zuvor sehr klar benennen konnten, wie es dem Pferd im zweiten Bild ging, veränderte sich die Wahrnehmung, sobald Mensch und Pferd wieder gemeinsam zu sehen waren. Durch die Ausstrahlung des Menschen, durch die scheinbar stimmige Situation und durch die positiven Worte wurde das, was im Pferd sichtbar war, relativiert. Nicht, weil es verschwunden war, sondern weil etwas darübergelegt wurde, das unsere Wahrnehmung beeinflusst hat.
Das Pferdeleid war noch da, aber es wirkte nicht mehr ganz so deutlich, nicht mehr ganz so präsent, obwohl es sich um exakt dasselbe Bild handelte.
Diese Erkenntnis hat uns alle tief bewegt, weil sie so deutlich zeigt, wie leicht wir uns beeinflussen lassen und wie schnell wir bereit sind, etwas zu übersehen, wenn das Gesamtbild stimmig wirkt.
In der anschließenden Reflexion kam ein weiterer wichtiger Punkt auf, den eine Teilnehmerin eingebracht hat. Bilder sind immer Momentaufnahmen, und natürlich gibt es auch bei uns Situationen, die nicht ideal sind, Momente, auf die man nicht stolz ist und die einem eher zeigen, wo man noch besser werden muss.
Aber genau darin liegt für mich der entscheidende Unterschied. Wir erkennen diese Bilder als das, was sie sind, und würden sie weder auswählen, um damit nach außen zu gehen, noch sie mit Worten versehen, die etwas anderes suggerieren. Denn wir sehen den Fehler.
Und genau hier beginnt für mich die eigentliche Frage: Wer setzt solche Bilder ins Netz?
Ist es fehlendes Wissen darüber, wie sich Stress und Unwohlsein im Pferd zeigen, ein mangelndes Bewusstsein für die Schmerzsymptome der Pferde oder vielleicht auch eine gewisse Ignoranz gegenüber dem Wesen Pferd und dem, was es uns eigentlich sagen möchte?
Vielleicht hast du Lust, es selbst einmal auszuprobieren. Nimm dir ein paar Bilder aus dem Internet und betrachte sie ganz bewusst, vielleicht sogar so, dass du zuerst nur das Pferd in den Fokus nimmst und alles andere ausblendest.
Und dann frage dich ganz ehrlich, ohne dich von Worten oder vom Menschen im Bild beeinflussen zu lassen, was du wirklich siehst. Bei Betrachtungen von Videos sollte man deshalb unbedingt den Ton ausschalten und nur die Gesichter der Pferde ansehen.
Vielleicht liegt genau hier auch die Antwort auf meine ursprüngliche Frage, weil die psychischen Wunden leiser sind. Sie sitzen tief, sie bluten nicht, hinterlassen aber oft größere Narben.
Und genau deshalb müssen wir genauer hinsehen.

Kommentar schreiben