· 

Ist Wälzen ein Bedürfnis, das unbedingt und jederzeit erfüllt werden muss?

Diese Frage wurde mir neulich während einer Unterrichtseinheit gestellt. Es ist eine dieser Fragen, die auf den ersten Blick ganz einfach wirken – und die bei genauerem Hinsehen doch viel mehr berühren als nur das Verhalten eines Pferdes in einem bestimmten Moment.

Vielleicht denkt sich die eine oder andere jetzt: Natürlich lasse ich mein Pferd nicht mit Sattel wälzen. Und ja – das ist absolut nachvollziehbar. Gleichzeitig gibt es auch Stimmen, die sagen: Wenn wir unserem Pferd den Sattel gar nicht erst zumuten würden, müssten wir es auch nicht vom Wälzen abhalten. Und genau zwischen diesen Gedanken entsteht für mich ein Raum, der es wert ist, betrachtet zu werden. Kein klares Richtig oder Falsch, kein einfaches Ja oder Nein – sondern die Einladung, etwas tiefer hinzuschauen und wirklich zu verstehen, worum es hier eigentlich geht.

Der Mensch kann unterscheiden: Ist der Sattel drauf, darf mein Pferd nicht wälzen – ist keiner drauf, darf es das. Für das Pferd ist diese Art von Regel jedoch nicht so einfach zu verstehen. Ich persönlich glaube nicht, dass ein Pferd diese Unterscheidung wirklich trifft. Oder anders gesagt: Die Gründe, warum ein Pferd sich wälzen möchte, haben nichts mit dem Gesatteltsein zu tun – und sollten deshalb auch nicht unser Maßstab sein. Wenn wir es ungesattelt nie üben zu unterbrechen, wird es gesattelt umso schwieriger.

An dieser Stelle möchte ich mir selbst widersprechen: Tatsächlich gibt es Pferde, die bei den ersten paar Erlebnissen des Gesattelt werden versuchen, diesen durch Wälzen abzustreifen.

Wenn wir darüber sprechen wollen, müssen wir zuerst verstehen, warum Pferde sich überhaupt wälzen. Denn auch hier gibt es keine einfache Antwort.

Wälzen aus purem Wohlbefinden
Dieses Wälzen kennt wohl jeder. Dein Pferd kommt frisch auf den Sandplatz oder eine Wiese und legt sich erst einmal genüsslich hin. Es wälzt sich ausgiebig, steht vielleicht noch einmal auf, nur um sich gleich wieder hinzulegen.

Wälzen als Zeichen: Der Platz wird akzeptiert
Hier sucht das Pferd oft etwas länger, bevor es sich hinlegt. Ich beobachte das häufig, wenn ich neue Pferde integriere – manchmal dauert es Tage, bis sie sich wohl genug fühlen. Auch in meinen Kursen sehe ich das: Das Pferd setzt sich intensiv mit seiner Umgebung auseinander, und wenn es sich schließlich wälzt, entsteht dieses klare Gefühl von „Jetzt passt es.“

Wälzen, um etwas abzustreifen (z. B. Unwohlsein)
Ein angespanntes oder nervöses Pferd legt sich hin, reibt sich intensiv am Boden, steht wieder auf und legt sich oft direkt auf der anderen Seite erneut hin. Meist sind es schnelle angespannte Bewegungen. Es wirkt, als würde es etwas regelrecht abstreifen wollen. Wenn es danach aufsteht und sich schüttelt, verändert sich häufig die gesamte Ausstrahlung – auch hier entsteht das Gefühl von Erleichterung. Oft wirkt das Pferd danach entspannter und weicher.

Wälzen aus Verlegenheit oder Überforderung
Das sehe ich seltener, aber es kommt vor. Wenn eine Aufgabe für das Pferd zu groß erscheint, kann es passieren, dass es sich hinlegt – als wüsste es keinen anderen Ausweg. Hier ist es besonders wichtig, den Moment zu erkennen und den Druck deutlich herauszunehmen.

Wälzen, um sich zu entziehen
Auch das gibt es – oft unbewusst vom Menschen mitgeprägt. Manche Pferde haben gelernt: Wenn ich mich hinlege, werde ich in Ruhe gelassen. Aus dieser Erfahrung heraus wird das Wälzen dann zu einer Strategie. An dieser Stelle lohnt es sich, die eigene Herangehensweise zu hinterfragen, damit echte Zusammenarbeit wieder möglich wird. Und das Pferd kein Bedürfnis hat sich uns zu entziehen.

Kommen wir zurück zur konkreten Situation im Unterricht.
Gleich zu Beginn zeigte das Pferd deutlich, dass es sich wälzen wollte. Also kam die Frage: Lässt du ein Pferd während der Arbeit wälzen?

Eine mögliche Antwort wäre: „Ja, lass es wälzen, dann ist das erledigt.“
Das wirkt zunächst logisch. Ich vergleiche das gerne mit einer einfachen Situation: Du trägst einen großen Karton, und plötzlich beginnt deine Nase zu kitzeln. Du versuchst es zu ignorieren, aber das Gefühl wird immer stärker – bis du den Karton abstellst, weil du dich einfach kratzen musst.

Übertragen aufs Pferd: Das Bedürfnis ist erfüllt, danach kann man weitermachen.
Doch je nach Ursache des Wälzens greift dieser Ansatz nicht immer.

Ein anderer Gedanke wäre: „Ich sollte wichtiger sein.“
Doch auch das greift zu kurz. Wichtiger zu sein bedeutet nicht, dass das Pferd keine Bedürfnisse mehr haben darf. Es bedeutet, dass es Momente gibt, in denen meine Frage, meine Bitte Gewicht bekommt. Und das entsteht nicht durch Entscheidung, sondern durch echte Kommunikation.

Was passiert also, wenn ich in genau diesem Moment eine Frage stelle?
Bleibt das Pferd bei seinem Wälzgedanken – oder ist es bereit, diesen loszulassen und mir Priorität zu geben? Was ist in diesem Moment wichtiger?

Genau darin liegt der entscheidende Punkt.
Denn wenn ein Pferd ungesattelt nicht in der Lage ist, diesen Gedanken loszulassen, wird es das gesattelt auch nicht tun. Wenn es sich wälzt, obwohl ich es unterbrechen möchte, hat meine Bitte wenig Bedeutung. Und wenn meine Bitte wenig Bedeutung hat, habe ich als Mensch in diesem Moment ebenfalls wenig Gewicht.

Sollten wir es also grundsätzlich verhindern?
Nein. Es geht nicht um Verbote, sondern um Timing und Bedeutung. Natürlich kann ich mein Pferd vor der Arbeit, danach oder auch zwischendurch wälzen lassen. Entscheidend ist nur, dass ich in diesem Moment nicht etwas anderes von ihm möchte.

Übe es, wenn du kannst – nicht erst, wenn du musst.
Es geht darum, ob es möglich ist. Nicht darum, es ständig zu verhindern.

Manche Pferde zeigen sehr deutlich, wie wichtig ihnen das Wälzen ist – und wie wenig Bedeutung der Mensch in diesem Moment hat. Wenn wir dann versuchen, es zu unterbrechen, entsteht oft ein bekanntes Bild: Man hält dagegen, doch irgendwann liegt das Pferd trotzdem am Boden. Also gibt man auf.

Doch was lernt das Pferd daraus?
Aus seiner Sicht könnte die Botschaft sein: „Genau das hat funktioniert.“
Es konnte gar nicht verstehen, was mir eigentlich wichtig war.

Es gibt jedoch eine andere Möglichkeit.
Ich kann dranbleiben – auch wenn das Pferd sich bereits hingelegt hat. Nicht mit Härte, sondern mit Klarheit. Das Pferd steht wieder auf, versucht es vielleicht noch einmal, aber oft schon weniger entschlossen. Und irgendwann verliert der Gedanke an Bedeutung.

In diesem Moment verändert sich etwas Entscheidendes: Kommunikation wird wieder möglich. Nicht, weil ich das Bedürfnis unterdrückt habe, sondern weil meine Bitte Gewicht bekommen hat.

Und genau hier entsteht für mich der schönste Teil.
Sobald diese Klarheit da ist, lade ich das Pferd bewusst zum Wälzen ein. Ich nehme jeden Druck heraus, gebe Raum, Zeit und Ruhe. Manchmal streife ich nur leicht mit dem Fuß über den Boden – eine leise Einladung die fast immer angenommen wird.

Wälzen wird dadurch nicht verboten, sondern verschoben.
Nicht jetzt – aber später gerne.

Und genau darin liegt für mich der Unterschied:
Das Pferd wälzt sich nicht mehr als Ausweg aus der Situation, sondern als Teil eines gemeinsamen Verständnisses.

 

Und nochmal, das hat nichts mit Dominanz zu tun, sondern vertieft die Beziehung, weil auch in dieser Situation Kommunikation möglich wird. Weil wir geübt haben, dass meine bitte auch hier gehört wird. Dann ist es mit Sattel nicht notwendig riesengroß zu gestikulieren, dann reicht ein Einfaches: bitte, jetzt nicht. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0