Vier Wochen zuvor sah die Situation noch ganz anders aus.
Wir hatten noch Eis, der Platz, das Round Pen, alles war gefroren. Dennoch stand eine Unterrichtseinheit an, die von unglaublichem Wert für das Pferd und voller neuer Erkenntnisse für Sabine war.
Yasmina, eine kleine Paso-Fino-Stute, war schon länger in meiner Obhut. Seit einigen Monaten begleite ich Sabine mit ihrer Grauschimmelstute. Von einem übersensiblen, fast schon hysterischen Gangpferd hat sie sich mittlerweile zu einem feinen, ausgeglicheneren Freizeitpferd entwickelt. Mit jedem Tag kann man sehen, wie sie selbstbewusster und geerdeter wird. Auch in der Herde, im Umgang mit den anderen Pferden, entwickelt sie durch ihr wachsendes Selbstbewusstsein einen anderen Status.
Doch neue Dinge, die ihr präsentiert werden, lassen sie immer noch in alte Muster fallen. Von den Trainern, die sie eingeritten haben, lernte sie: Egal was präsentiert wird – du musst da durch. Und so wirkte sie immer gespannt wie ein Flitzebogen, dennoch gehorsam. Wenn man dieses bebende Gezappel als Gehorsam interpretiert und wenig Empathie für das Wesen Pferd mitbringt, scheint das kein Problem zu sein. Wir wollten aber eine gesunde Beziehung mit einem in sich ruhenden Pferd. Weshalb ein bebendes Durchrennen der Feldgräben mit hocherhobenem Kopf und bebenden Nüstern nicht ganz das ist, was wir so anstreben.
Sabine zeigt mir also, woran sie gerade arbeitete. Sie lief ruhig an den Graben heran und versuchte, sie hindurchzuführen. Ab einem gewissen Punkt veränderte sich ihre Haltung – aufgerissene Augen und eine verspannte Oberlinie – und sie rannte durch den Graben. Auf der anderen Seite angekommen wollte sie sofort Gas geben, um zwischen sich und dem Graben möglichst viel Abstand zu kreieren. Immerhin hatte sie ihr „Soll“ erfüllt.
An diesem Punkt schlug ich vor, sie gar nicht mehr durch den Graben zu führen, sondern einen Weg zu schaffen, in dem sie in den Graben gehen kann und sich dabei wohlfühlt.
Schritt für Schritt gingen wir also in den Graben hinein. Erst einmal nur einen Schritt und wieder hinaus. Ruhe und Pause wurden nun mehr geübt als schnelle Durchgänge. Schon bald konnte sie kleine Schlangenlinien hinein und heraus auf einer Seite des Grabens üben, ohne sich dabei festzumachen und in die Flucht zu gehen.
An diesem Tag kamen wir bis an den Punkt, dass sie entspannt im Graben stehen konnte und auf derselben Seite wieder ruhig hochlaufen konnte. Das war sehr wichtig für sie, um dieses Muster des Durchrasens zu unterbrechen, in jedem Schritt zur Ruhe zu kommen und wieder entspannt zurückzulaufen, ohne die Aufgabe – durch den Graben zu gehen – erfüllen zu müssen. An diesem Tag konnten wir ganz gelassen in den Stall zurückkehren.
Wie bei allem, was wir mit einem Pferd erreichen möchten:
Es kommt nicht darauf an, dass es durch den Graben geht.
Es kommt nicht darauf an, dass es in den Anhänger geht.
Es kommt nicht darauf an, dass es über die Plane läuft oder durch das Wasser.
Worauf es ankommt, ist allein, dass es sich bei jedem Schritt, den es dabei tut, wohlfühlt. Beim ersten, beim zweiten und auch noch beim letzten. Wenn wir es schaffen, dass sich das Pferd bei jedem Schritt wohlfühlt – warum sollte es dann damit ein Problem haben?
Das ist der Unterschied zwischen Gehorsam und Bereitschaft.
Und Yasmina? Mittlerweile zieht es sie förmlich zum Graben hin. Gerne läuft auch sie Schlangenlinien, mal halb hinein und wieder heraus, mal ganz hinein. Manchmal bleibt sie darin stehen, um einfach einmal tief auszuatmen. Sabine kann ihr dann vorschlagen, ob sie nun zurück oder weiter ganz durchgeht. Es ist egal, denn sie fühlt sich dabei wohl, hat keine Sorge – und genau darauf kommt es an.

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