Weißt Du eigentlich, dass psychische Überforderung zu langfristiger nervlicher Instabilität führt?
Wir sprechen so oft von Training, von Fortschritt, von Entwicklung. Von dem, was „gehen sollte“. Von dem, was andere Pferde in diesem Alter längst können. Von dem, was „jetzt dran ist“. Doch selten sprechen wir darüber, was im Nervensystem geschieht, wenn wir zu viel, zu schnell, zu früh verlangen.
Psychische Überforderung zeigt sich nicht erst beim explodierenden Pferd.
Sie beginnt und zeigt sich viel früher, viel subtiler und manchmal wiederrum sehr deutlich.
Sie beginnt beim Flooding – wenn ein Pferd mit vielen Reizen so lange konfrontieren wird, bis es scheinbar „ruhig“ wird. Wenn es stehen bleibt, weil es längst keinen Ausweg mehr sieht, hat es nicht gelernt, dass dies der bessere Weg ist, sondern dass es außer sich zu ergeben, keine Möglichkeit hat. Wenn wir dieses Stehenbleiben als Erfolg interpretieren, obwohl es in Wahrheit Resignation ja Aufgabe sein kann.
Sie beginnt, wenn wir zu früh arbeiten.
Wenn ein junges Pferd körperlich vielleicht schon tragfähig erscheint, aber emotional noch nicht stabil ist. Wenn wir Abläufe verlangen, ohne dem Pferd Sicherheit und Klarheit zu bieten.
Sie beginnt, wenn wir Dinge zu bald zumuten. Neue Umgebungen. Neue Anforderungen. Mehr Druck. Mehr Dauer. Mehr Intensität. Ohne zu prüfen, ob das Nervensystem überhaupt noch verarbeiten kann.
Das Gefährliche daran ist, das Überforderung nicht immer dramatisch aussieht. Ja manchmal sogar den Anschein erweckt, dass es mit allem im Reinen ist. Manchmal steigt ein Pferd. Manchmal flieht es. Manchmal wehrt es sich sichtbar. Manche zeigen es einfach deutlich wenn etwas zuviel ist, um diese Pferde mache ich mir etwas weniger Sorgen.
Doch manchmal passiert das Gegenteil. Das Pferd wirkt sehr ruhig. Sehr angepasst. Sehr „brav“. Es reagiert weniger. Es wird langsamer. Es fährt herunter.
Nicht aus Gelassenheit. Sondern weil der Overload an Input, einen Tilt ausgelöst hat.
Ein überlastetes Nervensystem kann in zwei Richtungen kippen: in Übererregung – oder in Shutdown. Kampf oder Rückzug. Explosion oder Erstarrung. Und natürlich alle Nuancen dazwischen.
Beides ist kein Zeichen von Ausbildung oder Training nein nicht einmal Lernprozesse sondern schlicht weg: Überforderung.
Nervliche Instabilität entsteht nicht, weil ein Pferd „schwierig“ ist.
Sie entsteht, wenn das innere Gleichgewicht immer wieder übergangen wird. Wenn Stress sich aufsummiert. Wenn keine echte Regulation mehr möglich ist. Leider ist es häufig bei Jungpferden die
völlig vertrauensvoll und unbedarft sich den Vorschlägen hingeben, versuchen alles richtig zu machen, in ihrer Unbedarften Art aber sich nicht schützen und sich immer und immer wieder darauf
einlassen, bis es einfach nicht mehr geht, das Glas ist voll und wenn es nicht zerbricht, läuft es über. Was bedeutet nun ist keine Kapazität mehr für unerwartete Dinge, keine Kapazität für
plötzlich schwierige Situationen, denn das Nervensystem ist ohnehin schon die ganze Zeit auf Spannung.
Ein stabiles Nervensystem entwickelt sich durch eine sehr dosierte Herangehensweise.
Durch Reize, die fördern, aber nicht überfluten und Pausen, die wirklich Pausen sind in denen man zur Ruhe kommen kann, mal Minuten, mal Tage, mal Wochen.
Durch Führung, die Sicherheit vermittelt – nicht Belastbarkeit ausreizt.
Fortschritt entwickelt sich langsam, hier geht es nicht darum wieviel das Pferd aushalten kann, sondern immer wieder darum, dass es sich mit dem was präsentiert wird gut fühlen kann. Nur ein
entspanntes Pferd kann neue Impressionen in seinem System aufnehmen und verankern!
Vielleicht ist die wichtigere Frage also nicht:
„Hält mein Pferd das aus?“ Sondern: „Kann sein Nervensystem das integrieren?“ Manchmal höre ich Leute die mir stolz erzählen wie ihr Pferd dies oder das ausgehalten hat. Wenn ich dann frage,
warum hast du ihm nicht geholfen damit zu entspannen und sich gut zu fühlen, ernte ich fragende Blicke. Wenn Aushalten in Erinnerung bleibt, entspannt sich das Pferd auch in ähnlichen Situationen
nicht mehr.
Denn wahre Ausbildung erkennt man nicht daran, wie viel ein Pferd erträgt.
Sondern daran, wie stabil und gelassen es mit neuen Sachen umgeht.
Und manchmal ist das Mutigste, was wir tun können, nicht weiterzugehen, höher, schneller, weiter – sondern langsamer zu werden, durchzuatmen und dem, was da ist, Zeit zu geben, sich zu festigen, damit Schritt für Schritt mehr Stabilität entsteht und vieles ganz selbstverständlich werden darf.

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