Und wenn ich Dir jetzt sagen würde, mit diesen vier Übungen –bekommst Du ein absolut zuverlässiges Reitpferd?
- Dann würde ich die Individualität eines jeden einzelnen Pferdes nicht nur missachten, ich würde sie ausradieren und so tun, als wären Seelen standardisierbar.
Und wenn ich Dir sagen würde, ich mache aus Deinem Pferd in nur XY Tagen einen großartigen Freizeitpartner?
- Dann würde ich einem Prozess, der Einfühlungsvermögen, Reife und Geduld braucht, ein Preisschild und ein Ablaufdatum anhängen. Ich würde Entwicklung auf Geschwindigkeit reduzieren und Lebendigkeit auf Funktion.
Und wenn ich Dir verspreche, Du musst nur meinen Workshop kaufen – und all Deine Wünsche bezüglich deines Pferdes erfüllen sich?
- Dann wäre das vielleicht strategisch klug, aber es wäre nicht im Sinne des Pferdes, sondern im Sinne des Marketings.
Und wenn ich Dir verspreche, dass Du mit meiner Methode jedes Problem „in den Griff“ bekommst – garantiert und für immer?
– Dann würde ich meine Glaubwürdigkeit und die Wahrhaftigkeit meiner Philosophie in Frage stellen, weil diese Versprechen rein gar nichts mit guter Pferdearbeit zu tun haben. Denn echte
Entwicklung kennt keine Garantiescheine. Sie entsteht im Dialog, im Zuhören, im stetigen Überprüfen des eigenen Handelns – nicht im Verkaufen von Sicherheiten, die es im Lebendigen schlichtweg
nicht gibt.
Ich kenne diese Welt ich habe sie live erlebt. Vor 27 Jahren, als ich in Denver, Colorado lebte, saß ich in einer riesigen Halle. Ein berühmter Trainer stand im Scheinwerferlicht. Die Pferde, die er präsentierte, hätten angeblich zuvor keinen Menschenkontakt gehabt – abgesehen von sauber getrimmten Hufen und sorgfältig gepflegten Mähnen. 😊
Ich höre seine Stimme noch heute.
„Meine Damen und Herren – nach nur 8 Minuten und 27 Sekunden liegt der Sattel drauf.“ Er hatte nicht gelogen, der Sattel lag tatsächlich auf dem Pferd. Doch das Pferd selbst war innerlich verzweifelt, nicht vertrauensvoll. Sein rennen keine pure Freude an der Bewegung sondern ein Versuch aus diesen Set up zu entfliehen. Wenig später erklang erneut seine Stimme durch die Halle: „Nach nur 12 Minuten und 35 Sekunden sitzt der Reiter drauf.“ Das Publikum schien begeistert.
Was allerdings unerwähnt blieb: Nach 2 Minuten und 45 Sekunden befand sich der Reiter bereits wieder im Sand. Dieser Umstand schien jedoch keine Rolle zu spielen, denn entscheidend war allein die demonstrierte Effizienz – messbar in Minuten und Sekunden!
Nicht das Zittern unter der Haut, nicht die weit aufgerissenen Augen und auch nicht das unausgesprochene dennoch sehr klare Nein des Pferdes fanden Beachtung. An diesem Abend wurden vier Pferde auf diese Weise missbraucht – vier Pferde, deren Widerstand systematisch gebrochen wurde. Ich konnte es mir nicht bis zum Ende ansehen.
Viele Jahre sind seitdem vergangen, und ich dachte, wir wären inzwischen weiter, bewusster und sensibler im Umgang mit dem Wesen Pferd. Doch noch immer wird Kompetenz im Pferdetraining nach Zeit und nach dem Grad des Gehorsams gemessen. Es hat sich erschreckend wenig verändert, und ich bin zutiefst erschüttert, wenn ich lese, was alles versprochen wird, ohne das einzelne Pferd überhaupt zu kennen und in mit seinen Bedürfnissen und in seiner Not zu sehen.
Wer von mir lernen möchte, bekommt keine Versprechen über konkrete Ergebnisse und keine Zeitangaben. Oft frustriert es Menschen, wenn ich sage: Das entscheidet das Pferd, dazu kann ich im Vorfeld nichts sagen.
Nicht selten ist das der Moment, in dem sich Pferdebesitzer gegen mich entscheiden und ihr Pferd in einem kostengünstigeren Stall mit „Zwei-Monats-Garantie“ ausbilden lassen. Häufig bleibt es jedoch nicht bei dem versprochenen Zeitrahmen, und irgendwann heißt es, man habe es hier mit einem besonders schwierigen Pferd zu tun, weshalb das Training länger dauere als geplant. Das wird akzeptiert, denn man sieht ja selbst, dass das Pferd mental nicht stabil wirkt, noch immer angespannt und unberechenbar erscheint. Dies auf die Trainingsmethode zu schieben, erschließt sich niemandem, denn wer sich für diesen Weg entschieden hat und bereits Geld dafür bezahlt hat, der möchte ungern zugeben, dass er den falschen Weg gewählt hat. Und so läuft die Maschinerie an und weiter.
Liegt es an den vier standardisierten Übungen, die jedes Pferd durchläuft – unabhängig davon, ob sie für dieses Pferd sinnvoll sind oder nicht? Oder liegt es daran, dass das Pferd nicht als Individuum wahrgenommen wird, dass nicht erkannt wird, was es braucht, um sich sicher und gut aufgehoben zu fühlen? Vielleicht hat es schlicht nie wirklich verstanden, was von ihm erwartet wurde.
Wer glaubt, man brauche nur die richtige Methode, um jedes Pferd zu einem vertrauensvollen Partner zu machen, der glaubt auch, dass Kühe lila sind.
Wer zu meinen Kursen kommt, lernt keine Methode zur schnellen Problemlösung. Er lernt hinzuschauen, was sein Pferd an diesem Tag braucht. Er lernt, wie aus innere Klarheit Sicherheit entsteht, und wie man sein Pferd so liest, dass man individuell auf seine Bedürfnisse eingehen kann. Dieser Weg ist weniger schematisch, aber er bietet unendlich viele Werkzeuge. Das Problem? Die Verantwortung bleibt bei Dir!
Man sagt mir, ich müsse meine Marketingstrategie ändern. Ich frage dann: Welche Strategie?
Ich schreibe meine Texte nicht, um möglichst viele Kunden zu gewinnen. Dafür provoziere ich vermutlich zu sehr. Ich hole Menschen nicht dort ab, wo ihr Ego sich bestätigt fühlt, sondern konfrontiere sie und mache auf Missstände aufmerksam. Ich spreche nicht gezielt ihre Sorgen an, sondern mache auf die Probleme ihrer Pferde aufmerksam. Ich orientiere mich nicht danach was Menschen möchten, sondern was Pferde brauchen.
Wir leben in einem System, das zunehmend kollabiert. In dem Wohlstand mehr zählt als das Wohlbefinden des Pferdes. In einem System in dem das Pferd benutzt wird, um noch mehr Gewinn zu erzielen. Dieses System sollte nicht durch ein anderes ersetzt werden, in dem auch Freizeitreiter auf schnelle Lösungen getrimmt werden und dabei immer mehr das Bewusstsein für das eigentliche Wohl des Pferdes verlieren. Indem man auch mit wenig Basiswissen, spektakuläre Bewegungen in schnellster Zeit einstudieren kann.
Warum erkennen so wenige Menschen, dass Pferde trotz sogenannter „Freiarbeit“ unter Stress stehen? Vielleicht, weil es für ein ungeschultes Auge "freiwillig aussieht? Weil Musik darübergelegt wird und Worte wie Harmonie und Vertrauen den Eindruck von Leichtigkeit vermitteln? Vielleicht auch, weil wir in unserer Wahrnehmung abstumpfen und zunehmend bereit sind, das zu glauben, was uns überzeugend und ästhetisch präsentiert wird.
Dabei senden die Pferde deutliche Signale: angelegte Ohren, ein schlagender Schweif, harte, verspannte Bewegungen. Früher hätte selbst ein Kind gespürt, dass hier etwas nicht stimmig ist. Heute jedoch werden diese Zeichen mit wohlklingenden Begriffen überdeckt, und während wir uns von schönen Bildern beruhigen lassen, rückt wirtschaftlicher Erfolg immer weiter in den Fokus.
Und dennoch stehe ich hier und gehe meinen Weg weiter, weil es auch die anderen gibt. Menschen, die ihr Bewusstsein für ihr Pferd vertiefen möchten, die sich nicht von Glitzer und Inszenierung täuschen lassen und denen eine wahrhaftige Begegnung wichtiger ist als ein schneller, vorzeigbarer Erfolg. Ich mache weiter und ich weiß, dass ich mit dieser Haltung nicht allein bin und weil es eine wachsende Gemeinschaft von Menschen gibt, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für das Wesen Pferd.

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