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Und dann sollte man auch noch pünktlich sein!

 

In meinem letzten Post war es mir so wichtig, über die psychische Verfassung des Pferdes beim Stillstehen zu sprechen, dass ich einen entscheidenden Aspekt, der in dem beschriebenen Video zusätzlich völlig außer Acht gelassen wird, gar nicht erwähnt habe.
Das möchte ich jetzt nachholen – denn es geht um viel mehr als um die Uhr oder einfache Geduld; es geht um Verständnis, Vertrauen und den Moment, in dem das Pferd wirklich bereit ist.

15 Minuten.

Warum nicht 12? Oder 18? Warum nicht 21 oder 9 Minuten?

Es ist – mal wieder – ein Text über Timing.

Im Pferdetraining ist Timing für das Pferd von immenser Bedeutung, wenn es wirklich verstehen soll, worum es uns geht. Der Moment, wann ich eine Frage stelle, ist entscheidend. Genauso wie der Moment, wann ich die Antwort anerkenne und danke. Mindestens ebenso wichtig wie das Gefühl, mit dem ich sowohl die Frage stelle als auch die Antwort begleite.

Denn auch wenn Timing etwas mit Zeit zu tun hat, ist es nicht die Uhr, die bestimmt, wann die Frage gestellt wird oder wann der Druck nachlässt. Es ist der Moment, in dem das Pferd offen ist für diese Frage. Der Moment, in dem es seinen Gedanken ändert. In dem es bereit ist, dem Gefühl zu folgen. Ein Pferd versteht nicht, warum es 15 Minuten stillstehen soll. Und es versteht erst recht nicht, warum nach genau diesen 15 Minuten der Druck, der das Stillstehen kontrolliert hat, plötzlich verschwindet.

Zurück bleibt Verwirrung.
Verwirrung, die Unsicherheit erzeugt.
Unsicherheit, die Unwohlsein nährt.
Und allzu oft endet dieser Weg nicht in Verständnis, sondern in stiller, resignierter Ergebenheit.

Wenn wir wollen, dass ein Pferd uns versteht, uns vertraut und wirklich mit uns in Dialog tritt, müssen wir uns auf sein Konzept von Timing einlassen – ein Konzept, das nichts, aber auch gar nichts mit der Uhr zu tun hat!

Es geht darum, im richtigen Moment zu fragen, vor allem zu Beginn der Ausbildung, wenn das Verständnis des Pferdes noch nicht gefestigt ist. Der richtige Moment ist alles.
Mein Lehrer sagte oft:

„Don’t set him up to fail!“
(„Stell ihn nicht so auf, dass er scheitern muss.“)

Dieser Satz hat sich tief in mein Denken über Pferdetraining eingeprägt. Je besser ich den Moment erkenne, in dem mein Pferd bereit ist zu stehen, und diesen Vorschlag dann mache, desto bereitwilliger und freudiger wird es stillstehen. Je besser ich den Moment erkenne, in dem mein Pferd nicht mehr stillstehen kann, und ihm bevor es loslaufen muss den Vorschlag mache, sich zu bewegen, desto mehr wird es mir Vertrauen schenken und sich gesehen fühlen – in seinen Bedürfnissen, seinem Tempo, seinem Sein.

Aus diesem feinen Zusammenspiel entsteht die psychische Verfassung, die längeres Stehenbleiben überhaupt erst möglich macht. Wenn meine Verbindung mit dem Pferd darauf aufgebaut ist, wird es im fortgeschrittenen Training durchaus möglich sein, zu fragen: „Kannst du noch ein kleines bisschen länger stehen?“

Es ist ein fortlaufender Prozess, der auf Einfühlungsvermögen, Vertrauen, Timing und Gefühl basiert.

Und noch etwas: Timing nach der Uhr funktioniert auch im Gruppenunterricht nicht. Wenn alle Reiter:innen gleichzeitig dasselbe machen sollen, reagiert jeder nicht auf den Moment, in dem sein Pferd bereit ist, sondern auf die Dynamik der Gruppe. Aber die Gedanken der Pferde ändern sich nicht gleichzeitig. Das Ergebnis ist dasselbe wie bei der Uhr: Verwirrung, Unsicherheit und Unverständnis für das, was wirklich von ihnen erwartet wird.

Wer dieses Konzept versteht, wird auch verstehen, warum ein Training nach der Uhr oder nach starrer Gruppenkoordination immer nur zu Verwirrung, Unsicherheit und Widerstand führen kann – und niemals zu echtem Verständnis.

Wenn wir wirklich wollen, dass Pferde verstehen, vertrauen und bereitwillig mit uns zusammenarbeiten, müssen wir erkennen wann das Pferd seinen Gedanken ändert, seine Bereitschaft zu erkennen und unsere Fragen im richtigen Moment in ein Danke umwandeln – nicht nach Uhr, nicht nach Gruppenrhythmus, sondern nach dem, was das Pferd gerade zeigt.

Jeder Moment, den wir verpassen, jede Frage, die wir zu früh oder zu spät stellen, hinterlässt Spuren: Unsicherheit, Verwirrung, Widerstand. Aber wer sich auf das Pferd einlässt, wer Timing, Gefühl und Vertrauen zu seinem Werkzeug macht, der eröffnet einen Dialog, in dem Lernen, Verständnis und echte Verbindung möglich werden.

Es geht nicht darum, dass wir unsere Pläne durchsetzen oder unsere Zeit durchdrücken. Es geht darum, dass das Pferd bereit ist, mit uns zu gehen, dass es uns versteht und dass wir ihm gerecht werden – jeden einzelnen Moment.

Denn am Ende ist Pferdetraining kein Kampf gegen die Uhr, keine Choreografie für die Gruppe, sondern ein Dialog zwischen zwei Lebewesen, der nur dann Früchte trägt, wenn wir aufmerksam, sensibel und präsent sind.

 

 

 

 

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