Gebisslos – zwischen Mythos, Missverständnis und echter Verbindung
Einordnung vorab
Vorab möchte ich etwas Wichtiges sagen:
Alles, was ich hier schreibe, entspringt meinen eigenen Erfahrungen. Es sind meine Beobachtungen, mein Lernen, meine Meinung – kein wissenschaftliches Ergebnis und keine neutrale
Untersuchung.
Wir sprechen hier von Lebewesen, die so individuell sind wie wir Menschen. Genau deshalb halte ich eine wissenschaftliche „Einheitslösung“ in vielen Bereichen für wenig aussagekräftig. Das ist
meine Sichtweise, nicht der Anspruch auf allgemeine Wahrheit.
Es gibt viele Meinungen, und ich glaube, dass jede einzelne davon ihre Berechtigung hat.
Ich freue mich über respektvolle Kommentare – sie müssen mir nicht recht geben, dürfen aber gerne zum Austausch beitragen.
Für all diejenigen, die an meinen Erfahrungen interessiert sind:
Hier sind sie.
Ich widme mich heute der gebisslosen Zäumung.
Ein Blick zurück: Wie es früher oft lief
Ich komme noch aus einer Zeit, da ist man in den Reiterladen gegangen, wenn einem „der Gaul durchging“, genauer gesagt, wenn man das Pferd nicht halten bzw. kontrollieren konnte.
Hat man dann sein Anliegen geäußert, war es nicht untypisch, dass man binnen Minuten mit einem schärferen Gebiss nach Hause ging.
Lang ist das her, mittlerweile läuft es etwas anders ab – aber der Ansatz „Pferd pariert nicht – also schärferes Gebiss“ ist leider immer noch in manchen Ställen gang und gäbe.
Worauf ich heute eingehen möchte
Ich möchte in diesem Beitrag nicht auf jede Zäumung einzeln eingehen – das würde den Umfang einfach sprengen. Vielmehr geht es mir um einige grundsätzliche Dinge, die man bei der Wahl der richtigen Zäumung für sein Pferd unbedingt in Betracht ziehen sollte. Und vielleicht können wir auch einige Mythen genauer unter die Lupe nehmen.
Direkte und indirekte Zügelführung
Zuallererst möchte ich über die direkte und indirekte Zügelführung sprechen – beide kommen sowohl bei gebisslosen Varianten als auch bei Zäumungen mit Gebiss vor.
Bei der direkten Zügelführung handelt es sich um ein System zwischen Gebissring, der unmittelbar am Gebissstück befestigt ist, und dem Zügel, das ohne Hebel agiert. In der gebisslosen Version wäre es der Zügel, der direkt am Nasenband durch einen Ring einwirkt. Der Reiter spürt also genau dieselbe Menge an Druck in der Hand, die er dem Pferd auf dem Nasenband aussetzt.
Die indirekte Zügelführung hingegen beinhaltet immer eine Form des Hebels. Sie ermöglicht es dem Reiter, mit weniger Druck zu arbeiten, während das Pferd eine verstärkte Form des Drucks fühlt.
Wichtig bei der Hebelwirkung:
Es kann auf drei Punkten sehr starker Druck entstehen – Kinnriemen, Genickstück und Nasenband. Je stärker die Hebelwirkung eingestellt ist, desto „schärfer“ ist die Einwirkung.
Das Fatale daran:
Der Reiter hat weniger Druck in der Hand – beim Pferd kommt mehr an. Das führt oft zu dem Trugschluss, das Pferd finde diese Zäumung angenehmer, weil es kooperativer wirkt. Häufig versucht es
aber lediglich, dem Druck zu entkommen.
Gebisslos vs. Gebiss – beides kann fair oder unfair sein
Ob mit Gebiss oder ohne – beides kann fein, fair und klar sein. Und beides kann grob, unangenehm oder verwirrend wirken.
Auch bei den gebisslosen Varianten gibt es unzählige Ausführungen. Und obwohl der erste Eindruck sanfter scheint, gibt es sehr unterschiedliche Härtegrade.
Ich bin weder Gebiss-Gegner noch Gebisslos-Gegner. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche Pferde mit dem einen, andere mit dem anderen besser und entspannter laufen. Und grundsätzlich bin ich der Meinung, wenn das ein oder andere nicht gut „funktioniert“ hat es in erster Linie nichts mit der Ausrüstung sondern eher Trainingsbedingt mit dem Mindset des Pferdes zu tun.
Beispiele gebissloser Zäumungen
Sidepull
Ein Sidepull wird mit direkter Zügelführung eingesetzt, und auch hier gibt es unterschiedliche Einwirkungen.
Ein flaches Lederband auf dem Nasenrücken wirkt beispielsweise sanfter als Rohhaut, geflochten. Dann gibt es auch noch die Plüschi-Sanft-Version mit Fellbezug.
Ich persönlich mag das gepolsterte Lederband. Es gewährleistet mir eine klare und doch sanfte Führung.
Allerdings gibt es auch hier Varianten, deren Passform nicht ideal ist – und dadurch liegt dann nur ein Bruchteil des breiten Lederbandes korrekt auf der Nase auf.
Die Rohhaut-Variante ist mir zu scharf, das Lammfell zu weich und damit unklar.
LG-Zaum / „Glücksrad“
Der LG Zaum, auch Glücksrad genannt, kann in vielen verschiedenen Weisen eingeschnallt werden. Von direkter Zügelführung bis hin zu starker Hebelwirkung ist hier vieles möglich.
Ich persönlich störe mich an der Bezeichnung „Glücksrad“, denn in den Varianten mit Hebelwirkung ist es lediglich eine Marketingstrategie, die positive Gefühle beim Käufer auslöst, wenn er seinem Liebling ein „Glücksrad“ kauft, das dann angeblich mit starker Hebelwirkung für „entspannte Ausritte“ sorgt (Ironie aus).
Ist er ohne Hebelwirkung angewandt, kann man ihn mit dem Sidepull vergleichen – allerdings ist das Nasenband oft sehr breit und dadurch auch wieder unklar.
Hackamore – englisch oder mechanisch
Egal ob englisch oder mechanisch – beide wirken sehr stark auf Genick, Nasenbein und Kinnriemen. Je nach Windung und Länge der Hebel ist die Umsetzung stärker bei weniger Kraftaufwand des Reiters – das wird oft verkannt.
Es täuscht vor, angenehmer zu sein, weil kein Gebiss im Maul des Pferdes liegt, ist aber – nicht nur in ungeschickten Händen – sehr hart. Aus meiner Sicht nicht empfehlenswert.
Bosal / kalifornische Hackamore
Das Bosal findet immer mehr Anklang, doch leider sehe ich immer mehr Anwendungsweisen, die nicht dem Sinne des Erfinders entsprechen.
Auch hier gibt es eine mechanische Hebelwirkung.
Beim Anzug der Mecate – die übrigens aus picksigem Rosshaar gemacht sein sollte, da die Einwirkung überwiegend über das Neckreining passieren soll – drückt sich bei unsachgemäßem Anziehen das
Nasenteil nach unten, während der Knoten nach hinten auf die Kieferäste drückt.
Eigentlich sollte es mit durchhängendem Zügel eingesetzt werden – was leider oft nicht der Fall ist. Je nach Dicke wirkt es auch unterschiedlich stark auf das Nasenbein.
Hinzu kommt: Ein Bosal muss sehr gut an den Kopf des Pferdes angepasst werden.
Dies wird häufig übersprungen, und ein und dasselbe Bosal wird auf viele Pferde mit unterschiedlichen Köpfen gesetzt. Man leiht es sich mal schnell von der Freundin, nur um zu schauen, ob es beim
eigenen Pferd „auch das gewünschte Ergebnis“ hat. Völlig ungeeignet.
Das Bosal und sein Einsatz entstammen einer sehr alten Tradition, die eine gute Ausbildung erfordert – und leider wird das häufig unterschätzt.
Kappzaum als Zäumung
Auch was Kappzäume betrifft gibt es sehr unterschiedliche Varianten. Ich gehe heute mal von der sanftesten Variante aus, das gepolsterte Nasenband. Ich verwende kein Kappzaum als Zäumung, die Tatsache dass dieser sehr eng verschnallt werden muss, damit er nicht auf dem Nasenband ins rutschen kommt, lässt ihn für mcih als ReitZäumung ausschließen. Für eine gymnastizierend Arbeit, kann ich diese enge Band rechtfertigen, aber eben nur für diese 20-23 Minuten. Alles was länger dauert halte ich für nicht empfehlenswert.
Knotenhalfter als Zäumung
Obwohl ich ein Fan des Knotenhalfters bin, halte ich dieses als Zäumung eher ungeeignet, wo ich vom Boden aus viel Klarheit und Feine Hilfen ausüben kann, ist die Zügelführung über das Knotenhalfter sehr unklar, egal ob die Seile am unteren Knoten als Zügel geknotet sind, oder separate Seile in seitlichen Ringen angebracht sind. Das Halfter verrutscht, und die Signale sind meiner Meinung nach sehr verwaschen.
Warum eigentlich gebisslos?
Warum nicht?
Das Glücksrad verheißt nicht automatisch Glück, und gebisslos ist nicht immer angenehmer fürs Pferd. Ich habe Pferde gesehen, die mit Gebiss entspannt liefen – und mit gebissloser Zäumung fest wurden. Und umgekehrt.
Gebisslos kann ein Vorteil sein, wenn Zahnprobleme bestehen.
Es kann aber auch – falsch angewandt – Pferd und Reiter fest werden lassen, wenn die gewünschte Durchlässigkeit nicht umgesetzt werden kann.
Von Mythen und Märchen
Mythos 1
Das Gebiss beeinflusse das Zungenband bis zum Brustbein und helfe so, die Vorhand zu heben und die Versammlung zu verbessern.
Meine Meinung:
Versammlung ist das Ergebnis eines Dialogs.
Es hängt von der Fähigkeit des Reiters und vom Ausbildungsstand des Pferdes ab – nicht von der Ausrüstung.
Mythos 2
Ein Gebiss sei nötig, um das Maul „locker“ zu halten, und „Kaffeeschaum“ entstehe nur mit Gebiss. Der Schaum würde ein entspannt mitarbeitendes Pferd symbolisieren.
Meine Meinung:
Wer glaubt, er brauche eine Ausrüstung im Maul, damit sich das Pferd beim Reiten entspannen kann, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.
Mal ehrlich:
Könnte ein Pferd entspannter sein als beim Fressen oder Dösen in der Herde?
Warum hat es da kein „Kaffeemäulchen“?
Weil es schluckt, wenn sich Speichel bildet – nicht, weil es schäumt.
Ich habe zu diesem Thema bereits einen ausführlichen Artikel geschrieben:
„Hilfe, mein Pferd speichelt nicht.“ https://www.facebook.com/profile/100027965934174/search/?q=hilfe%20mein%20pferd%20speichelt%20nicht
Er erklärt genau, warum sichtbarer Speichel beim Reiten eher darauf hindeutet, dass das Pferd Stress ausgesetzt ist – und nicht entspannt kaut.
Worum es eigentlich geht
Wenn ich ein Ausrüstungsstück benötige, um mein Pferd in einen entspannten Zustand zu bekommen, mache ich etwas falsch.
Ja, es gibt Zäumungen, die sanfter, härter, klarer oder unklarer sind als andere. Aber entscheidend ist:
Versteht mein Pferd die Bedeutung des Gefühls, das ich über den Zügel auslöse?
Versteht es nachzugeben, weil eine Klarheit als Botschaft präsentiert wird?
Ist meine Zügelhand klar und weich?
Klar, damit mein Pferd sich geführt fühlt.
Weich, damit es keine Sorge haben muss, Schmerzen zu erfahren.
Versammlung, Entspannung, Verständigung – all das hat zuerst mit dem Reiter zu tun.
Ausrüstung kann unterstützen oder behindern.
Hebelwirkung verstärkt immer.
Sie täuscht oft eine bessere Verbindung vor.
Absolute Verbindung und gute Verständigung brauchen keine Hebelwirkung, um klar zu sein.
Wer zu solchen Mitteln greift, hat meiner Ansicht nach die Bedeutung der Ausbildung nicht verstanden.
Mein Ziel ist ein durchlässiges Pferd, das meine Fragen gut versteht und diese mit Bereitschaft und einem klaren Ja beantworten kann. Dann braucht es keine verstärkenden Hebel in den Mitteln der Kommunikation.

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