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Warum ich nichts von baumlosen Sätteln halte

 

Immer wieder werde ich gefragt, was ich von baumlosen Sätteln halte. Meine Antwort kommt schnell und klar: Gar nichts. Und ja – die erstaunten oder irritierten Blicke kenne ich. Schließlich gelten baumlose Sättel, ähnlich wie gebissloses Reiten, inzwischen fast als Synonym für „freundlich“, „sanft“ und „pferdeschonend“. Zumindest werden sie so vermarktet.
Ich sehe das anders.
Vielleicht lässt es sich am besten erklären, wenn wir uns anschauen, welche Aufgabe ein gut passender Sattel überhaupt hat – und warum ein baumloser diese Aufgabe nicht erfüllen kann.

1. Druckverteilung – die wichtigste Aufgabe eines Sattels

Ein Sattel soll das Reitergewicht möglichst großflächig verteilen, damit die punktuelle Last der Sitzbeinhöcker und Oberschenkel nicht direkt auf dem Pferderücken landet. Ein baumloser Sattel kann das per Definition nicht leisten. Die dickere Polsterung dämpft zwar, aber Dämpfung ist keine Druckverteilung. (Prinzessin-auf-der-Erbse lässt grüßen.)
Wenn man sich mal einen baumlosen Sattel nimmt und zwischen Vorderzwiesel und hinterem Cantle zusammendrückt, stellt man fest, dass der Sattel in der Mitte nachgibt, er „faltet zusammen“. Genau das geschieht, wenn Gewicht in den Sattel kommt – da wo das meiste Gewicht ist, senkt sich der Sattel. Somit ist es keine Verteilung des Drucks.

2. Der Sattel als ruhende Mitte zwischen zwei beweglichen Körpern

Reiter und Pferd bewegen sich selten perfekt synchron, auch wenn das immer unser anstrebenswertes Ziel ist. In der Realität gibt es wenige Reiter, die so gut sind – anwesende Lesende natürlich ausgeschlossen.
Ein Sattel mit Baum wirkt hier wie eine stabile „Ruheinsel“:

• Das Pferd muss nicht jede unruhige Reiterbewegung ertragen.
• Der Reiter muss nicht jede Unebenheit des Pferdes ausgleichen.
Beim baumlosen Sattel fehlt diese Stabilität. Für eine direkte Übertragung (wie ohne Sattel) liegt zu viel Material dazwischen. Für eine indirekte Übertragung (wie mit Sattel) ist alles zu beweglich und instabil. Das Ergebnis: Viele Reiter finden schlechter in den Bewegungsfluss, und viele Pferde müssen diese „zuviel“ Bewegung aussortieren, sie  spüren viel mehr Unruhe im Rücken.
Dennoch gibt es viele Reiter, die behaupten, mit einem baumlosen Sattel besser klarzukommen. Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Tatsächlich hat Reiten viel mit Gewohnheit zu tun. Der Reiter, der zu Beginn mit einem Tiefsitz Reiten gelernt hat, wird sich immer wieder dafür entscheiden, weil es das vertraute Gefühl ist das einem Sicherheit gibt – genau wie jemand, der in einem flachen Sitz Reiten gelernt hat, eher zu diesem tendiert und den Tiefsitz als beengend empfindet.
Baumlose Sättel werden meist von Freizeitreitern verwendet, oft ohne intensive Reitlehre und ohne viel Erfahrung mit unterschiedlicher Ausrüstung. Wer es nicht anders kennt, wird es lieben lernen.
Bitte versteht mich nicht falsch, ich möchte hier niemandem auf den Schlips treten. Aber ich habe schon mehrmals Baumlossattel-Besitzer gefragt, wie sie damit klarkommen. Meist wurde mir versichert, dass sie wunderbar klarkommen. Beim Zusehen wurde mir jedoch klar, dass hier oft das Grundverständnis eines ausbalancierten Sitzes, der Gewichtshilfen etc. fehlt. Wer etwas nicht kennt, kann es auch nicht vermissen.
Die Erfahrung, auf der diese Einschätzung basiert, ist recht einseitig und entspringt keinem wirklich breiten Erfahrungsschatz. Wie gesagt: Leser sind sicherlich die Ausnahme, die die Regel bestätigen.

3. Der Sitz – und warum der Reiter unbewusst kompensiert

Viele baumlose Sättel haben keine echte Sitzmulde. Manche haben sogar eine leichte Wölbung – und das ist hinderlich für einen ausbalancierten Sitz. Das Becken findet keinen Platz, kompensiert und kippt oft nach vorne/oder hinten – zum Leidwesen des Pferdes.
Ein gut passender Sattel gibt dem Reiter Stabilität. Er positioniert ihn in einen ausbalancierten Sitz. Das heißt nicht, dass es damit keine schlechten Reiter gibt, aber er unterstützt und fördert den ruhigen Sitz. Der baumlose Sattel fordert eher heraus, weil er in sich nicht ruhig liegt.
Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel. Ich möchte nicht behaupten, dass niemand einen schönen ausbalancierten Sitz im baumlosen Sattel haben kann. Meine Erfahrung zeigt allerdings dass er sich viel mehr „halten“ muss um diesen ausbalancierten Sitz zu erhalten, was im Umkehrschluss oft ein eher festes Becken zur Folge hat.

4. Steigbügel – ein oft unterschätztes Problem

Der Steigbügel, korrekt angebracht gibt dem Fuß eine stabile Basis die dem Reiter ermöglicht nach oben hin alle Gelenke locker und im Lot zu halten.  Baumlose Sättel haben keine Steigbügel, sollen keine haben, da die Steigbügelaufhängung ein weiterer Punkt ist, der Druck ausüben kann. Wird der Fuß mit den Zehen eher nach unten gezogen weil das Fundament fehlt, kommt es häufig dazu dass das Becken nachvorne kommt und der Reiter dann vermehrt auf dem Schambein und zu stark auf der Vorhand sitzt, versucht er das zu kompensieren, verlagert er das Gewicht auf die Hosentaschen und sitzt unweigerlich zu weit hinter dem Schwerpunkt, was das Pferd wieder ausgleichen muss.

Und bei den baumlosen Sätteln, die Steigbügel haben, wird meist davon abgeraten, sie mit Druck zu nutzen.
Die Aufhängung der Steigbügel übt – vor allem wenn sie genutzt werden – starken punktuellen Druck auf den Rücken des Pferdes aus. Es ist sehr interessant, wenn man mal misst, wie stark der Reiter in manchen Situationen im Steigbügel steht und das geschieht meist sehr unbewusst.

5. Die Gurtung – wo kein Baum ist, gibt es keine Verteilung

Je nachdem, wo die Gurtung am baumlosen Sattel befestigt ist, entsteht eine deutlich größere punktuelle Spannung um den Rumpf des Pferdes. Bei einem Sattel mit Baum sind die Gurtstrippen am Baum befestigt – dieser verteilt den Druck. Ein baumloser Sattel hat diesen Kern nicht. Die Folge: starke punktuelle Spannung.

6. Der Wirbelsäulenkanal – wo kommt die Druckfreiheit her?

Wenn Gurtung und Reitergewicht Spannung und Druck erzeugen, braucht das Pferd Wirbelsäulenfreiheit.
Es gibt inzwischen gut überarbeitete Modelle – aber auch die anderen:
• vorne ein harter Zwiesel, der auf die Dornfortsätze drückt,
• hinten ein festes Cantle, das ebenfalls drückt. Und sobald sich dann der Reiter in den Sattel setzt, drückt das Cantle das meist aus Holz oder Hartplastik ist auf die Dornfortsätze. Autsch!
Bei einem Baumsattel sitzen beide Elemente auf dem Baum – weit entfernt von der Wirbelsäule.
Diese Aspekte werden im Marketing für baumlose Sättel gerne totgeschwiegen oder zumindest stark beschönigt.

Was die Werbung verspricht – und warum es trügerisch sein kann

Hier beginnen oft die schönen Marketingargumente.
Schauen wir genauer hin:

„Er passt sich vielen Pferden an.“

Wo keine feste Form ist, gibt es natürlich Anpassungsmöglichkeiten.
Doch wem dient das? Meist dem Menschen – dem Pferd bringt das keine Vorteile, es muss viele Kompromisse in Kauf nehmen, damit sein Mensch den Sattel auf viele verschiedenen Pferde anpassen kann.

„Ideal für junge Pferde.“

Junge Pferde BRAUCHEN Stabilität.
Ein wackeliger, instabiler Sattel macht das Einreiten nicht leichter – sondern schwieriger.
Beim Einreiten von Jungpferden ist mir  Halt und Stabilität wichtig, vor allem wenn das Pferd in sich noch nicht ausbalanciert ist, braucht es Halt von oben. Ein Baumloser Sattel mit so viel Bewegung wäre genau das was ich nicht möchte!

 

„Gut für Pferde im Muskelaufbau.“

Gerade Pferde, die noch nicht tragen können, profitieren von maximaler Stabilität und großflächiger Druckverteilung.
Ein baumloser Sattel bietet beides nicht.

Auch diese Pferde die im Aufbau sind und noch nicht die Muskulatur haben, sich und ihren Reiter gesund zu tragen, kann man meiner Ansicht nach, besser unterstützen indem man ihnen den größt möglichen Halt gibt in Form eines gut passenden stabilen Sattels.

„Für Pferde, die sich stark verändern.“

Mittlerweile hat sich auch in der Sattelbaubranche enorm viel getan und weiterentwickelt. Es gibt unendlich viele Modelle die verstellbar und immer wieder justierbar und einstellbar sind um eine Entwicklung des Pferdes lange begleiten zu können dies ist also kein Grund die vielen anderen Kompromisse die ein baumloser Sattel mit sich bringt in Kauf zu nehmen. Mittlerweile gibt es sehr gute Sättel mit verstellbaren Kammern, Kopfeisen zum Austauschen oder verstellbar und modulare Polsterungen.

Damit lässt sich ein Pferd über sehr lange Zeit begleiten – ohne die Kompromisse eines baumlosen Systems.

„Mehr Bewegungsfreiheit.“

Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Ein gut passender Sattel schränkt nicht ein:

• nicht die Schulter,

• nicht den Atem,

 • nicht die Schwingung des Rückens. Er bietet zusätzlich Halt und Ruhe.

„Geringeres Gewicht.“

Ja – sie sind leichter.
Ich selbst nutze einen baumlosen Sattel, um Jungpferde an den Sattel zu gewöhnen. Dafür ist er ideal: schnell und immer wieder auflegen, leicht, unkompliziert.
Aber sobald es ans Reiten geht, kommt für mich ein richtiger Sattel zum Einsatz.

„Weniger starre Druckspitzen.“

Auch das stimmt nur im Vergleich „schlecht sitzender Baumsattel vs. gut sitzender baumloser“.
Doch vergleichen sollte man fair: gut passend mit gut passend.

Beim baumlosen bleiben:
• der Druck der Sitzbeinhöcker
• der punktuelle Druck der Gurtung
• der Druck der Steigbügelaufhängung

Fazit: Warum ich mich klar gegen baumlose Sättel ausspreche

Für mich ist ein Sattel kein Lifestyle-Objekt und auch kein spirituelles Versprechen für mehr „Verbundenheit“, sondern ein funktionales Werkzeug, das zwei Körper miteinander in Einklang bringen soll. Genau das schafft ein gut angepasster Sattel mit Baum – und genau das kann ein baumloser Sattel, trotz aller schönen Worte der Werbung, nicht leisten.

Er verteilt das Gewicht nicht ausreichend.
Er bietet weder die notwendige Stabilität für den Reiter noch die dringend benötigte Ruhe für den Pferderücken.
Er überträgt punktuell Druck an Stellen, die dafür nicht gemacht sind.
Und er verlangt vom Pferd, all das zu kompensieren.

Ich weiß, dass viele Menschen mit baumlosen Sätteln gute Erfahrungen machen – oft, weil sie es nicht anders kennen oder weil ihnen der Vergleich fehlt. Und das ist völlig in Ordnung. Jeder darf fühlen, was für ihn stimmig ist.

Aber:
Wenn wir langfristige Gesundheit, feine Kommunikation und echte Entlastung für das Pferd wollen, dann führt kaum ein Weg an einem gut angepassten, stabilen Sattel vorbei. Für mich ist das keine Glaubensfrage, sondern eine Frage des Respekts gegenüber dem Pferd.

 

 

 

 

 

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