Manchmal schreibe ich einen Artikel – und Wochen, Monate oder Jahre später merke ich, dass ich über dasselbe Thema noch einmal sprechen muss. Nicht, weil sich meine Meinung geändert hätte. Sondern weil mir jeden Tag deutlicher wird, wie zentral dieses Thema wirklich ist. So geht es mir mit der Ganzheitlichkeit in der Sattelberatung.
Ich habe darüber schon einmal geschrieben. Doch je mehr Pferde ich begleite, je mehr Menschen ich berühre, je mehr Geschichten ich sehe, in denen ein „gut passender“ Sattel trotzdem zu einem
unglücklichen Pferd führt, desto klarer wird mir:
Es reicht nicht, es einmal gesagt zu haben. Manche Wahrheiten brauchen Wiederholung, Tiefe – und manchmal ein neues Licht.
Und heute möchte ich dieses Licht noch einmal ganz bewusst anschalten.
Eine gute Sattelpassform kann nur auf einem gesunden, gut bemuskelten und korrekt gymnastizierten Pferd erreicht werden. Ein Sattel kann nur dann optimal aufliegen, wenn der Rücken des Pferdes tragefähig ist.
Die Grundlage für eine gute Sattelpassform ist ein ganzheitlicher Ansatz, der die Zusammenhänge zwischen physischem Zustand, Haltung und Training des Pferdes sowie dem Einfluss des Reiters berücksichtigt. Dieses Prinzip ähnelt unserem menschlichen Körper: Ein Problem mit den Schuhen kann etwa weitreichende Folgen wie Kopfschmerzen haben und die Ursache kann von einer Fehlstellung der Füße kommen, der gesamte Körper ist miteinander verbunden. Ebenso hängt beim Pferd alles zusammen.
Weder als Pferdetrainerin noch als Sattelpassformberaterin kann ich Profi auf jedem Gebiet haben, dass gute Sattelpassform beinhaltet, dennoch halte ich es für absolut notwendig, mehr als ein Grundwissen der betroffenen Aspekte zu haben.
Wichtige Faktoren für die Sattelpassform:
Hufstellung
Die Hufstellung beeinflusst über Sehnen und Bänder direkt die Rückenmuskulatur. Ob ein Huf zu steil oder zu flach steht oder Fehlstellungen wirken sehr stark auf die Tragefähigkeit des gesamten Körpers.
Bemuskelung
• Vorhandlastigkeit: Ein Pferd, das stark auf der Vorhand läuft und die Hinterhand nicht korrekt einsetzt, wird seinen Rücken nicht effizient nutzen können. Die Folge ist oft die Entwicklung eines Senkrückens, dies nicht erkannt, hat fatale Folgen wie Kissing Spine und Verschleißkrankheiten der Vorhand.
• Rückenverspannungen: Ein fester Rücken beeinträchtigt die Beweglichkeit des gesamten Pferdes und behindert den Aufbau einer gesunden Tragemuskulatur.
• Brustbein und Halsmuskulatur: Ein abgesunkenes Brustbein und eine unterentwickelte Halsmuskulatur sind weitere Indikatoren für Probleme im Rückenbereich.
Zähne:
• Fehlstellungen der Zähne wirken sich negativ auf den Kiefer und damit auch auf das Zungenbein aus. Nach und nach verlagern sich die Probleme weiter nach hinten und wirken auf Gangbild und Rücken. Zahnprobleme verhindern einen lockeren Kiefer der sehr viel mit der Durchlässigkeit beim Geritten werden zu tun hat.
Ernährungszustand
• Übergewicht: Ein übergewichtiges Pferd hat bereits durch sein Eigengewicht
Schwierigkeiten, sich gesund zu tragen. Die Schwerkraft verstärkt diese Problematik, was zu einem durchhängenden Bauch und einem beeinträchtigten, verspannten Rücken führen kann.
• Untergewicht: Ein untergewichtiges Pferd leidet oft an einem Mangel an Mineralstoffen, was den Muskelaufbau erschwert und die allgemeine Tragefähigkeit beeinträchtigt.
Der mentale Zustand des Pferdes
• Stellt das Pferd noch Fragen und ist neugierig, oder läuft es resigniert neben seiner Besitzerin her? Ein Pferd ohne dessen Aufmerksamkeit wird sich nicht gesund tragen, was sich wiederrum auf seine Bemuskelung auswirken wird.
• Ist es in Sorge und nervös, oder entspannt und aufmerksam?
• Geht es den Weg des geringsten Widerstands, oder ist es bemüht, im Dialog mit seinem Menschen zu sein?
• Ist es wach und präsent, oder eher träge und phlegmatisch?
Ein träges, phlegmatisches Pferd wird sich selten kraftvoll und elegant tragen können. Ebenso wenig wird ein nervöses Pferd locker schwingen und Muskulatur korrekt einsetzen.
Der Einfluss des Reiters:
Wir können die Aspekte am Pferd noch so gut optimieren, ohne die Bereitschaft des Reiters, immer wieder an seinem Sitz und seinem Reitstil zu arbeiten, wird das Thema Sattelpassform immer schwierig bleiben.
Die Rolle des Reiters ist eben sehr entscheidend für die Sattelpassform:
• Körperliche Eigenschaften des Reiters: Ein übergewichtiger oder sehr großer Reiter kann das Pferd stark belasten und dessen Tragefähigkeit beeinträchtigen.
• Reitstil: Ein unausbalancierter oder ineffektiver Reitstil erschwert es dem Pferd, gesund und korrekt zu laufen, unabhängig vom Körpergewicht des Reiters.
• unklare Hilfen, verwirren das Pferd oder bringen es dazu abzuschalten, beides wirkt sich durch die Psyche des Pferdes wieder negativ auf seinen Bemuskelungs Zustand aus.
Kriterien für eine gute Sattelpassform
Wenn wir nun von Sattelpassform sprechen, müssen folgende Aspekte berücksichtigt werden:
• Schwerpunkt: Der Schwerpunkt des Sattels bringt das Gewicht des Reiters optimaler Weise direkt über den Schwerpunkt des Pferdes, hier kann es das zusätzliche Gewicht am besten kompensieren. Wichtig ist also wie der Sattel in Balance auf dem Rücken zu Ruhen kommt.
• Wirbelsäulenfreiheit: Der Sattel darf keinen Druck auf die Dornfortsätze der Wirbelsäule ausüben und muss eine ausreichende Kanalbreite bieten. Damit er auf dem großen Rückenmuskel zum liegen kommt und nicht auf der Wirbelsäule.
• Schulterfreiheit: Die Schulter des Pferdes benötigt Bewegungsfreiheit, um ungehindert arbeiten zu können.
• Schwung: Der Schwung des Sattels sollte der natürlichen Rückenlinie des Pferdes entsprechen.
• Ellbogenfreiheit: Die Gurtung des Sattels darf nicht in den Ellbogenbereich des Pferdes eingreifen.
• Gurtungssystem:
Die Gurtung muss so angebracht sein, dass der Sattel stabil und ruhig auf dem Rücken zum liegen kommt, ohne die Bewegungsfreiheit des Pferdes einzuschränken. Die Gurtung ist auch dafür zuständig, dass der Sattel gleichmäßig und stabil auf dem Rücken liegt, ähnlich wie ein Trecking rucksack nicht nur auf der Schulter liegt, sondern sehr stark durch den Hüftgurt trägt.
Auch für den Reiter muss der Sattel passen. Wesentliche Kriterien hierbei sind:
• Sitzgröße: Die Sitzfläche des Sattels muss der Körpergröße des Reiters entsprechen.
• Schwerpunkt: Der Sitzschwerpunkt sollte den Reiter in eine ausbalancierte Position bringen und zwar so nah wie möglich an den Schwerpunkt des Pferdes!
• Steigbügelaufhängung: Diese sollte so angebracht sein, dass sie einen ausbalancierten Sitz unterstützt. Sprich, der Reiter muss in der Lage sein, ohne Hilfe der Hände und ohne großer Anstrengung im Sattel auf und ab zu gehen über die Beine. Ist die Steigbügelaufhängung zu weit vorn, und bringt den Reiter dadurch in einen Stuhlsitz, wird der Reiter nicht in der Lage sein, Rückenentlastend zu reiten.
• Sitzform: Eine ausbalancierte Sitzform hilft, den Reiter in einer optimalen Position zu halten. Und das Pferd so wenig wie möglich zu stören.
Ich bevorzuge Sättel, die den Reiter ausbalancieren – nicht solche, die ihn in den Stuhlsitz zwingen. Denn jeder Fehler im Sitz landet am Ende im Rücken des Pferdes.
Mein Ansatz in der Sattelberatung
Zu Beginn schaue ich mir immer das Pferd als Ganzes an. Sein Körper erzählt sehr zuverlässig, ob Training, Haltung oder Einwirkung stimmig sind – oder ob sich unbemerkt Gewohnheiten eingeschlichen haben, die Probleme verursachen.
Eine Sattelberatung bedeutet nicht automatisch,
dass ein neuer Sattel gekauft werden muss.
Oft lassen sich mit kleinen Veränderungen – Polsterung, Gurtung, Einstellungen – bereits große Verbesserungen erzielen. Und manchmal braucht es eben doch ein neues Modell. Entscheidend ist das
Wohl des Pferdes.
Fazit
Sattelpassform ist kein Mysterium – es ist Handwerk,
Erfahrung und der Wille, hinzuschauen.
Die Voraussetzung dafür ist ein gesunder Pferdekörper, ein pferdefreundliches Training und ein Reiter, der bereit ist, sich weiterzuentwickeln.
Es erfüllt mich immer wieder, wenn Pferd-Mensch-Paare offen für diesen ganzheitlichen Blick sind. Denn dort entstehen nicht nur gesündere Rücken – oft auch langfristige, herzliche Verbindungen zwischen Mensch und Pferd.
In diesem Sinne – und im Sinne des
Pferdes.
Eure Simone Carlson

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