Wenn wir von Wohlbefinden beim Pferd sprechen, schauen viele Menschen zuerst auf das, was sie sehen können: weiche Muskeln, einen locker schwingenden Rücken, ruhigen Atem, einen kraftvollen, aber entspannten Schritt. All das ist wichtig – und doch ist es nur die Oberfläche. Etwas, das sich im Außen zeigt, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.
Und genau deshalb rückt in vielen Reit- und Trainingsmethoden vor allem die Gymnastizierung in den Fokus. Denn das, was wir äußerlich sehen können, wirkt greifbar. Körperarbeit lässt sich erklären, beobachten, messen. Muskeln lockern, Muskulatur aufbauen, Balance schulen, Tragkraft entwickeln – das klingt logisch, klar strukturiert, fast technisch. Es wirkt wie der offensichtlichste Weg zum gesunden Pferd.
Und ja: Wenn ein Pferd uns gesund tragen soll, braucht es Kraft, Elastizität und eine funktionierende Muskulatur. Das ist unbestritten.
Der Begriff „Skala der Ausbildung“ aus der klassischen bzw. deutschen Reitlehre umfasst die berühmten sechs Punkte:
- Takt
- Losgelassenheit
- Anlehnung
- Schwung
- Geraderichtung
- Versammlung
Diese Skala beschreibt den systematischen Aufbau der Pferdeausbildung. Hier wird deutlich, dass der Fokus und die Priorität stark auf den physischen Aspekten liegen. Natürlich arbeitet man vorher an Gehorsam, um überhaupt vorauszusetzen, dass man auf dem Pferd sitzen kann – aber ist es nicht seltsam, dass Vertrauen, Aufmerksamkeit und Gelassenheit hier keine erwähnenswerte Rolle spielen?
Es wird also an gutem Reiten gearbeitet. Ähnlich einem Menschen, der ins Fitnessstudio geht, um seinen Körper zu trainieren. Auch wenn das für viele ein Ausgleich ist oder hilft, Dampf abzulassen, wirkt es doch nicht wesentlich auf die Psyche ein. Nicht wie Yoga, Meditation, Tai Chi … (gerade sehe ich ein Pferd im Sonnengruß oder im herabschauenden Hund – Spaß beiseite, es ist schließlich ein ernstes Thema!)
Kein Wunder also, dass uns immer wieder Pferde begegnen, die äußerlich weich wirken, aber innerlich nicht mehr präsent sind. Pferde, die brav durchhalten, höflich funktionieren, sich und den Reiter gut tragen, freundlich bleiben – fast schon wie ein anzustrebendes Ideal. Obwohl etwas Wesentliches fehlt.
Denn wo bleibt der Aspekt der Psyche? Die mentale Durchlässigkeit, die geistige Aufmerksamkeit, die Bereitschaft oder sogar Freude an der Zusammenarbeit? Wie könnte man annehmen, dass diese Dinge nicht berücksichtigt werden müssen? Warum wird im Unterricht so selten darauf hingewiesen? Weil es selbstverständlich ist? Zumindest sein sollte? Ist es aber leider nicht!
Noch immer gibt es viel zu wenig Bewusstsein für eine ausgeglichene Psyche eines Reitpferdes. Noch immer liegt der Fokus unausgewogen auf den körperlichen Aspekten – auch, weil (und das behaupte ich jetzt einfach) viel zu wenig Wissen und Blickschulung für die körperlichen Anzeichen der psychischen Verfassung eines Pferdes vorhanden sind.
Sorry, ich schieße mal wieder mit der Pointe voraus!
Es ist mittlerweile nachgewiesen, dass körperliche Entspannung sich auch positiv auf die Psyche eines Pferdes auswirkt. Und umgekehrt sollte es jedem klar sein, dass psychische Entspannung die körperliche ebenfalls beeinflusst.
Wenn ich verspannte Schultern habe, die mir Kopfschmerzen bereiten, oder Rückenschmerzen, die sich bei jeder Bewegung melden, zehrt das mit der Zeit an meiner Psyche. Jeder, der über längere Zeit mit Schmerzen leben musste, weiß, wovon ich spreche: Man ist dann oft nicht mehr die locker-lässige Frohnatur, wenn man sich bei jeder Bewegung fragt, wie man sie ausführen muss, damit sie nicht schmerzt. Das stresst den Körper – und vor allem die Psyche.
Andersherum ist es genauso: Wenn ich Sorgen habe, Ärger, Wut oder Stress, dann zeigt sich das in meinem Körper. Die Haltung wird angespannt, der Muskeltonus fest. Je länger ich in dieser negativen psychischen Verfassung bleibe, umso mehr wird sie sich auch in meinem Körper bemerkbar machen.
Für mich beginnt Wohlbefinden nicht im Körper, auch wenn er der Teil ist, den wir als Erstes wahrnehmen. Wahres Wohlbefinden entsteht viel tiefer – dort, wo ein Pferd sich innerlich sicher fühlt, wo Vertrauen wachsen kann und wo Gedanken und Gefühle aufgrund von Klarheit und Sicherheit entspannen dürfen. Es ist dieser leise, oft unsichtbare Moment, in dem ein Pferd ankommt, Vertrauen fasst und innerlich weich wird – lange bevor diese Weichheit im Körper sichtbar wird.
Wir können viel tun, um den Körper zu unterstützen: gute Hufbearbeitung, passende Ausrüstung, faire Arbeit, Gymnastik, Pausen, Gesundheitsmanagement. Das alles gehört dazu, ohne Frage. Die physische Säule ist ein wichtiger Teil des Ganzen.
Doch all diese Maßnahmen greifen nur wirklich tief, wenn die Psyche des Pferdes in Gelassenheit und Ruhe ist. Erst wenn der Mensch hierfür Bewusstsein und Kompetenz entwickelt, kann das Pferd in der Ruhe beginnen, echtes Interesse an der Arbeit und am Miteinander zu entwickeln – und damit zu sagen: „Ich verstehe dich. Ich fühle mich sicher. Ich darf loslassen.“
Psychische Entspannung ist nicht nur eine Möglichkeit für körperliche Losgelassenheit – sie ist ihr Ursprung. Sie macht Lernen möglich, schafft Verbindung und verändert Haltung dauerhaft. Und genau deshalb führt mich jede Erfahrung, jedes Pferd und jede Situation immer wieder zu einer klaren Erkenntnis zurück:
Ich glaube zutiefst, dass psychische Entspannung die Basis ist, auf der sich körperliche Entspannung nachhaltig entfalten und bestehen kann. Denn ein Pferd, das innerlich im Frieden ist, lässt automatisch auch seinen Körper los. Umgekehrt funktioniert es meiner Ansicht nach nicht nachhaltig. Ein entspannter Körper ohne entspannte Psyche ist wie ein schönes Lied, das auf verstimmten Saiten gespielt wird.

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