Wenn der Zügel tabu wird
Ich bin mir sicher, dieser Artikel wird für Widerstand und Kritik sorgen. Und doch schreibe ich ihn – nicht deshalb, sondern trotzdem.
Seit über 40 Jahren beschäftige ich mich mit Pferden: anfangs als Kind, lernend und aufsaugend; später als Teenager, selbstbewusst und allwissend. Mit zunehmendem Alter kam die Erkenntnis, dass ich eigentlich nichts weiß – und seitdem lerne und lehre ich. In dieser Zeit war ich in vielen unterschiedlichen Sparten unterwegs: Englischreiten nach FN, Westernreiten im Freizeitbereich, später als Arbeitsreitweise auf der Ranch. Ich habe Ausflüge in die klassische Reitweise gemacht, ebenso hat mich Connected Riding eine Zeit lang begleitet.
In all diesen Jahren bin ich auf teils völlig widersprüchliche Ansätze in Reiterei und Bodenarbeit gestoßen. Und hier gilt mein größter Respekt den Pferden, denn sie schaffen es immer wieder, sich dem Menschen anzupassen und sich auf die jeweilige Reitweise einzulassen. Die Ansichten sind oft so kontrovers, dass sie sich zu 100 % widersprechen – wie Schwarz und Weiß. Und dennoch: Wiederholt man etwas lange genug, wird das Pferd es lernen. Was sind sie doch für Meister darin, uns zu verstehen.
Ich persönlich möchte jedoch genau das nicht von ihnen verlangen. Mein Anspruch ist, immer wieder einen Weg zu finden, der dem Pferd die Kommunikation mit mir so leicht und so klar wie möglich macht. In der Ausbildung eines Jungpferdes gestalte ich jede Trainingseinheit deshalb so, dass sie seine Themen berücksichtigt und gleichzeitig Vorbereitung auf das Reiten ist. Fragen, Aufgaben, kleine Impulse – all das soll Verständnis und Klarheit für spätere Reiterhilfen schaffen. Mein Ziel ist ein roter Faden, der sich mit Klarheit durch die gesamte Ausbildung zieht. Und ein Aspekt, der je nach Reitweise extrem unterschiedlich – oft gegensätzlich – vermittelt wird, ist der Zügel und die Zügelhilfen. Genau darüber möchte ich heute schreiben.
Aber zu Beginn erstmal hier ein paar Sätze, die ich in Unterrichtssituationen und Reithallen immer wieder höre – Glaubenssätze, die oft wie Mantras im Raum stehen und sich über Jahre halten, ohne dass jemand sie hinterfragt:
• „Ein guter Reiter reitet
ohne Zügel.“
• „Der innere Zügel hat nichts zu sagen.“
• „Der Zügel darf niemals eine Richtung vorgeben.“
• „Lenken macht man nur mit Schenkel und Gewicht, niemals mit dem Zügel.“
• „Mit Zügeln darf man nicht kommunizieren, das ist Zwang.“
• „Der Zügel ist nur Dekoration – wenn du ihn brauchst, stimmt dein Reiten nicht.“
• „Wer am Zügel fragt, macht kaputt, was er am Boden aufgebaut hat.“
• „Wenn das Pferd den inneren Zügel spürt, fällt es sofort auf die Schulter.“
• „Ein Pferd muss von selbst gerade bleiben, ohne dass man es mit dem Zügel korrigiert.“
• „Je weniger du die Zügel benutzt, desto pferdefreundlicher reitest du.“
Vielleicht kommen dir manche davon bekannt vor.
Interessanterweise habe ich noch nie gesehen, dass die Person, die dies von sich gibt, es auch in aller Konsequenz reitet! Es ist manchmal, als würde es genügen, wenn man es ausspricht. Ganz nach dem Motto: Tut, was ich sage – nicht, was ich tue.
Dies ist der Grund, warum ich dieses Thema heute angehe. Denn vielleicht, wenn man die Bedeutung des Zügels auf eine andere Art und Weise kennen und verstehen lernt, befreit man sich von dem Mythos, man dürfe den Zügel nicht anfassen, schon gar nicht einsetzen.
Gehen wir mal im Pferdeleben zurück zu einer Zeit, in der der Zügel ganz sicher nicht zum Einsatz kommt.
Das Fohlen
Sobald ein Fohlen an das Halfter gewöhnt ist, lernt es als Erstes: Halfterführigkeit. Der Mensch läuft neben dem Pferd, und das Fohlen lernt, dem Gefühl des Seils zu folgen – möglichst ohne Ziehen, weder nach vorn noch nach hinten. In späteren Einheiten lernt es, mitzugehen, wenn der Mensch sich abwendet oder auf es zuläuft. Man biegt mal nach links, mal nach rechts ab, damit das Kleine lernt, dem zu folgen. Entsteht Zug am Seil, dann nur mit der Idee, auch diesem Gefühl zu folgen. Niemand käme hier auf die Idee, das Pferd am linken Vorderbein zu führen, am rechten Hinterbein oder gar am Schweif. (Ja, ich weiß, zu Anfang gibt es Methoden, die den Schweif unterstützend hinzunehmen in der Fohlenerziehung.) Die Führung über den Kopf ist selbstverständlich, bewährt und unstrittig.
Arbeitet man das Pferd dann im Kreis, folgt es ebenfalls dem Gefühl des Seils: Der Kreis wird größer oder kleiner, es entstehen gerade Linien, der Abstand verändert sich, die Seillänge ebenso. Die Lernaufgabe bleibt: Folge dem Gefühl des Objekts – ob Seil, Longe oder Leine. Und auch hier würde niemand versuchen, das Pferd über seine Gliedmaßen zu führen. Je feiner die Ausbildung, desto mehr kann man über das Gefühl im Seil kommunizieren – selbst eine Beschleunigung, ein Verlangsamen oder Rückwärtsrichten ist dann mit einem minimalen Gefühl, auch am langen Seil mit viel Abstand möglich.
Selbst beim Ground Driving – dem Fahren von hinten ohne Kutsche – lernt das Pferd über zwei Seile, links und rechts, dem präsentierten Gefühl zu folgen. Das äußere Seil wird verlängert, um die Botschaft klar zu halten. Beim Anhalten werden beide Seile gehalten, aber erst nachdem der Mensch die eigene Energie herunterfährt und stehen bleibt. Es entsteht kein unnötiger Zug. Wenn das Pferd noch nicht auf das Anhalten reagiert, läuft es in den Kontakt und findet dort den Stopp. Und wieder: Niemand würde dafür Stricke an den Vorderfesseln oder gar um den Rumpf befestigen wollen.
All diese Botschaften begleiten ein Pferd über Jahre – lange bevor überhaupt ans Reiten zu denken ist.
Das Anreiten
Wenn es schließlich ans Anreiten geht, reite ich junge Pferde am liebsten mit Sidepull ein: gebisslos, ohne Hebelwirkung. Nicht das Equipment steht dabei im Vordergrund, sondern die Botschaft. Eine der wichtigsten Botschaften zu Beginn ist für mich: die Bedeutung des Zügels. Und hier schließt sich der Kreis. Denn das Pferd lernt erneut: Folge dem Gefühl des Seils, das nun Zügel heißt.
Meine ersten Fragen an ein frisch angerittenes Pferd sind dieselben wie damals am Boden:
Kannst du dem Gefühl des
Seils/Zügels folgen?
Kannst du deine Gedanken dorthin schicken, wohin das Gefühl dich führt, dich einlädt?
Dieses Gefühl entsteht am inneren Zügel – genauso wie früher am Bodenarbeitsseil – und ich warte, bis das Pferd seine Gedanken und seinen Kopf in die vorgeschlagene Richtung lenkt.
Worauf ich hinauswill, ist Folgendes: Es ist von Anfang an essenziell, dem Pferd eine klare Bedeutung der Führung am Kopf zu vermitteln, ohne daran herumzureißen. Und wenn ein Pferd diese Bedeutung gelernt hat, dann ist es keineswegs verwerflich, auf dieser Grundlage mit ihm zu kommunizieren. Ein Pferd, das gelernt hat, auf den Vorschlag des Reiters sich innerlich auszurichten, wird niemals auf die innere Schulter fallen. Das passiert nur, wenn seine Gedanken außen sind, obwohl seine Beine nach innen laufen sollen.
So lässt sich jedes Gefühl im Zügel mit jedem Bein verbinden. Ein vorbereitetes Pferd denkt mit, überlegt und führt Bewegungen weich und durchlässig aus. Schwierig wird es erst, wenn plötzlich der äußere Zügel eingesetzt wird, um „außen zu begrenzen“. Damit wird die zuvor klare Botschaft schnell unklar: Welchem Gefühl soll das Pferd folgen – innen oder außen? Der Einsatz des äußeren Zügels könnte in diesem Fall dazu führen, dass es sich nicht aufdehnt, wie es in der Biegung erwünscht ist, sondern eher verkürzt. Ebenso schwierig wird es, den äußeren Zügel nachgebend zu verwenden, um das Pferd nach innen zu schicken, nur weil dort weniger Zug ist. Für das Pferd ist das hochgradig verwirrend – es muss umlernen und umdenken.
Für mich ist der Zügel wie ein Telefon: Ich lasse es anklingeln, warte darauf, dass das Pferd reagiert, und mache ihm dann Vorschläge. Tatsächlich ist der Übergang vom Boden zum Reiten keine schwierige Sache – es hat ja schon seit Jahren gelernt, dem Gefühl zu folgen.
Erst wenn mein Pferd eine absolute Klarheit über die Bedeutung des Zügels hat, setze ich sanft beide ein, um einen Rahmen zu geben und Orientierung für Haltung und Gleichgewicht zu schaffen. Darum geht es mir aber in diesem Artikel nicht. Das ist eher fortgeschritten und auch kein Problem mehr, wenn ich mein Ausbildungsfundament stabil und klar habe.
Ich möchte auf etwas anderes aufmerksam machen: die Aussage, der innere Zügel dürfe keine Bedeutung für links oder rechts haben. Für mich ist gerade das eine der wichtigsten Grundlagen im Einreiten. Und auch später wünsche ich mir, dass mein Pferd – mit Gedanken und Beinen – dem simplen Vorschlag des inneren Zügels folgen darf und kann, egal ob ich mit Sidepull oder Trense reite. Weil es diese Art der Kommunikation schon als Fohlen im Führtraining gelernt hat. Warum sollte das plötzlich falsch sein?
Wer so mit seinem Pferd weiterarbeitet, wird immer ein leichtes, weiches und durchlässiges Pferd in der Hand haben. Denn je klarer die Botschaft – und je früher sie vermittelt wird – desto leichter ist sie für das Pferd zu verstehen.
Ein Pferd kann durchaus eine wunderschöne, gebogene Linie laufen, am inneren Zügel, ohne dabei auf die innere Schulter zu kippen oder über die äußere Schulter hinauszuschweifen – vorausgesetzt, es hat gelernt, dem Gefühl sowohl mit den Gedanken als auch mit den Beinen zu folgen.
In diesem Sinne – und im
Sinne des Pferdes
Eure Simone Carlson

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